Die eurasische Landmasse nördlich zu umfahren und einen Seeweg nach China zu finden, war lange ein kühner Traum abenteuerlustiger Entdecker und Seefahrer wie Willem Barents oder Vitus Bering. Heute wird der Seeweg als echte Alternative ernst genommen. Das Eis der Arktis zieht sich zurück, China sucht neue Handelswege, Russland will seine Nordküste wirtschaftlich erschließen.Wie diese Zeitung berichtete, startete kürzlich mit Sea Legend erstmals ein chinesisches Unternehmen einen regelmäßigen Containerdienst zwischen der Ostküste Chinas und Europa über die russische Arktisküste. Die Verbindung soll die übliche Fahrzeit von rund 40 Tagen etwa halbieren. Doch eine kürzere Strecke bedeutet nicht automatisch eine bessere Handelsroute. Entscheidend ist, ob der Seeweg wirtschaftlich und geopolitisch konkurrenzfähig wird.

Die Geografie lügt nicht

Zwischen Nordeuropa und Ostasien ist die Nordostpassage deutlich kürzer als die Route durch den Suezkanal. Eine Vergleichsstudie für die Route Shanghai–Rotterdam kommt auf rund 9000 Seemeilen über die Arktis gegenüber etwa 10.800 über Suez und rund 14.000 über Panama oder das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika. Weniger Seemeilen bedeuten weniger Treibstoff, Zeit und CO2. Im Suezkanal müssen Schiffe im Schnitt zehn Stunden Wartezeit einplanen. Auf dem Papier spricht das für die Arktis.