Wenn die Fußballweltmeisterschaft in den vergangenen Wochen in den USA eines gezeitigt hat, dann ist es die Erkenntnis, welch vereinende Wirkung der Sport haben kann. Zahllose Menschen priesen auf Social Media und anderswo die Freude und das Miteinander von Menschen aus aller Welt, und stellten all das mit Bildern und Videos aus. Da waren die Einwohner von Lawrence, Kansas, die ihre College-Blaskapelle die algerische Nationalhymne einstudieren ließen und das algerische Team, das hier sein Lager aufschlug, in dessen Trikots begrüßte.Man feierte die Schotten, die ganz Boston leertranken, und die Norweger, die auf Rolltreppen und in Altersheimen ruderten, und die Japaner, die noch nach dem Ausscheiden ihres Teams aus dem Turnier das Stadion in Houston aufräumten. Ohne Politiker, so hieß es fast unisono zu Bildern gemeinsam feiernder Fans, sei die Welt „viel weniger gespalten, als man uns glauben machen will“.„Wie immer ging alles zur Hölle“Aber dann griff Trump mit seiner Intervention bei FIFA-Chef Gianni Infantino nach der Roten Karte gegen den US-Stürmer Folarin Balogun in das Turnier ein – „und wie immer ging alles zur Hölle“. So sieht es fast die ganze Welt und so sehen es Beobachter in den US-Medien. Viele Amerikaner schämten sich mal wieder ihres Präsidenten. Die MAGA-Anhänger aber feierten die „Trump-Card“ (Trumpfkarte) und gaben eine peinliche Demonstration von Ignoranz und Hurra-Patriotismus zum Besten. „Die Trump-Karte gewinnt immer!“, jubelte Gunther Eagleman (eigentlich David Freeman) mit 1,7 Millionen Followern auf der Platform X, darunter Elon Musk, und postete ein Deepfake, in der Balogun der Roten Karte des Schiedsrichters mit einer begegnet, die Trump mit ausgestrecktem Mittelfinger zeigt. „Trump is the boss“, freute sich ein Kommentator, die Trump-Karte sei nun mal die höchste im Deck, pflichteten andere bei. „Danke, Präsident Trump“, schrieb der MAGA-Influencer Benny Johnson; Dave Portnoy, Gründer des konservativen Medienimperiums Barstool Sports mit 3,8 Millionen Followern auf X, ätzte, wer sich als Amerikaner nicht freue, dass Balogun spielen dürfe, „sollte deportiert werden“. Und überhaupt: „Das ganze Geheule aus Europa geht nur um eines: Der Rest der Welt hat Panik, dass wir gut im Fußball werden.“Dass man in einem Land, in dem Fußball abgeschlagen drittstärkste Sportart hinter Football und Basketball ist und vielleicht vor allem im konservativen Lager, wo er schon länger als unmännlich und „tuntig“ denunziert wird, mit dem Sport und seinem Regelwerk nicht ganz firm ist, mag man verzeihen. Aber hier hob die erneute Bestätigung, dass Regeln und die Prinzipien der Fairness in Trumps Welt nur gelten, wenn sie dem eigenen Vorteil dienen, ein unpolitisches Freudenfest aus den Angeln. Gerade als das Land im Begriff stand, mit Gastfreundschaft seinen guten Ruf auf Graswurzelebene wiederherzustellen, schlugen die Korruption des Weißen Hauses und die Blasiertheit und falsche Vaterlandsliebe der MAGA-Welt durch.Der Schiedsrichter müsse korrupt seinDer einstige „New York Times“-Reporter und jetzige MAGA-Blogger Alex Berenson befand, man solle Balogun „spielen lassen, er hat nichts falsch gemacht und die Entscheidung war ein Witz. Oder wollt ihr etwa lieber, dass unser Nationalteam deshalb verliert?“ Der „Breitbart“-Redaktionschef Alex Marlow mutmaßte, der Schiedsrichter müsse korrupt sein. Zahlreiche Kommentatoren feixten darüber, dass „die Europäer“ und „die Linke“ über Trumps Eingriff „den Verstand verlieren“. Hinweise, dass die Intervention nicht nur das Turnier, sondern auch jeden womöglich folgenden Sieg des US-Teams entwerte, stießen auf taube Ohren. „Patrioten stehen zu unseren Spielern“, hieß es bei Eagleman. „America First heißt auch, gegen gekaufte Schiedsrichter zu kämpfen. Spiel weiter, Champ!“Aber dann kam die Partie gegen Belgien, in der Balogun nun doch spielen durfte und in der kaum eine Spur von der Spiellaune und dem Kampfgeist zu sehen war, mit denen die US-Elf den Traum von einem Sommermärchen gezündet hatte. Wer weiß, ob nicht auch der Krawall um die Trump-Intervention dem Team den Esprit nahm. 1:4 flogen die US-Boys raus.Manchem MAGA-Kommentator ging darüber glatt der Patriotismus flöten. Anstatt sich hinter das Team zu stellen, machte man es nieder. Portnoy zog sich dramatisch das US-Trikot aus, stopfte es in den Müll und beschimpfte das Team als „Freizeitathleten aus der vierten Reihe“. Auf X postete einer über Balogun: „Er war scheiße, hat absolut nichts getan und jetzt sieht Amerika noch armseliger aus.“ „Maga Voice“ schrieb: „Zeit, diesen Typen zu deportieren. Er hat heute nichts geschafft.“ Einstehen wollen die dumpfen Rassisten für den „Champ“, der in den USA geboren wurde, als eine Airline seiner hochschwangeren nigerianischen Mutter den Rückflug von einer Urlaubsreise in ihre Wahlheimat England verweigerte, natürlich nur dann, wenn er für sie einen Pokal holt.Andere Trump-Vasallen verstecken sich hinter platter Arroganz. Der Account „End Wokeness“ schrieb: „Endlich müssen wir nicht mehr so tun, als ob uns Fußball interessiert.“ Der konservative Kommentator Vince Dao schrieb: „Fußball ist wieder schwul und zurückgeblieben.“ Wie andere verwies er darauf, dass schon in wenigen Wochen mit Beginn der NFL-Saison wieder „richtiger Football“ gespielt werde. Es war ein Klassiker aus dem MAGA-Arsenal: Ein Sport, bei dem man nicht gewinnt, ist nichts für echte Kerle.Und Balogun? Er zeigte wahre Größe. Weder blieb er dramatisch auf der Bank sitzen, wie viele auf der Linken das gefordert hatten, „um die Ehre der Mannschaft wiederherzustellen“, noch ließ er sich von Trumps Einmischung gefangen nehmen. Als er nach der Niederlage allein vom Platz ging, applaudierte er den Fans, dann suchte er das Gespräch mit Belgiens Trainer Rudi Garcia, der dies als Zeichen der Integrität wertete. Amerikas vermeintliche Patrioten sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen.
Trumps MAGA-Lager hasst die Fußball-WM nun
Mit Trumps MAGA-Lager zeigt sich nach der Niederlage des US-Teams wieder die hässliche Seite Amerikas: Regeln gelten nur, wenn sie zum eigenen Vorteil sind, Fairness gibt es nicht, und ein Sport für Weicheier ist Fußball ohnehin.















