Kommentar1:0 für den Fussball – das Spiel ist so gross, dass selbst Donald Trump es nicht zerstören kannDie Kungelei zwischen dem US-Präsidenten und dem Fifa-Chef Gianni Infantino bedroht die Integrität des Sports. Und doch feiern Millionen von Menschen auf der ganzen Welt die WM weiter. Wieso die Wirkkraft des Fussballs so gross ist.12.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIhre Freundschaft bedroht den Fussball: Donald Trump lässt sich im Weissen Haus mit dem WM-Pokal fotografieren, den ihm Gianni Infantino mitgebracht hat.Jacquelyn Martin / APVor einer Woche traf doch noch ein, was alle befürchtet hatten. Donald Trump drängte aufs WM-Parkett, nachdem er sich in der Anfangsphase des Turniers zurückgehalten hatte. Mit dem Insistieren beim Fifa-Präsidenten Gianni Infantino, die rote Karte des amerikanischen Stürmers Folarin Balogun für den Achtelfinal gegen Belgien zu streichen, griff er den Sport in seinen Grundfesten an. Werden in einem Wettbewerb nicht mehr alle gleich behandelt, wird dieser zur Farce. Trumps Buddy Infantino setzte das Ansinnen willfährig um. Der oberste Verwalter des Fussballs verletzte dessen Integrität auf nie da gewesene Weise.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Skandal torpedierte eine mitreissende WM. Eben hatten sich England und Mexiko einen Match geliefert, der das Zeug hat, ein Klassiker zu werden. Der Fussballzwerg Kap Verde hatte dem Weltmeister Argentinien alles abgerungen. Die Norweger ruderten gut gelaunt durch das Turnier, und die Schweiz feierte mit dem himmelstürmenden Nationalteam durch milde Sommernächte.Der Pakt von Trump und Infantino bestätigte jene, die die anstössigen Vorgänge im Spitzenfussball beklagen: die Raffgier der Fifa, die Kungelei mit den Mächtigen, die Geringschätzung moralischer Prinzipien. Wie stark der Fussball nach der Ungeheuerlichkeit langfristig erodiert, ist unabschätzbar. Doch kurzfristig an der WM schrumpfte der Freundschaftsdienst von Infantino vom Skandal zur Episode – auch dank dem Sieg von Belgien. Wieder einmal staunte man, wie unzerstörbar der Fussball ist.Warum kann er seinen Nimbus behalten? Grundlegend dafür ist die kognitive Dissonanz der Fussballfans – vielleicht könnte man auch einfach sagen, sie sind Weltmeister im Verdrängen. Die Anhänger trennen das Spiel vom Fussballverband und von seinen Exponenten; sie entkoppeln den geliebten Fussball von seinen ungeliebten Promotoren.Die Fans mögen buhen, wenn Infantino auf dem Bildschirm im Stadion erscheint, sie mögen die Trinkpausen auspfeifen, doch schon beim nächsten Angriff ihrer Helden schreien sie sich die Lunge aus dem Leib. Niemand ist bereit, sich die Emotionen von einem Walliser mit dunkler Krawatte im VIP-Bereich stehlen zu lassen. Jürgen Klopp, «Global Head of Soccer» des Getränkekonzerns Red Bull und wohl nächster deutscher Nationaltrainer, sagte nach dem Fall Balogun: «Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel!» So kann man sich auch von den «Bösen» entkoppeln.Wir brauchen den Fussball, weil er in unserer polarisierten Gesellschaft ein Schmiermittel ist. Sein Wirken läuft dem von Trump entgegen; er verbindet die Menschen, statt sie zu spalten. Das zeigt sich schon im Quartier: Aus den Nachbarhäusern hallen in diesen Sommernächten dieselben Schreie, die man selber ausgestossen hat. Das «Nein» nach dem verschossenen Penalty von Manuel Akanji gegen Kolumbien, der Jubel nach dem von Gregor Kobel gehaltenen Elfmeter. Das erzeugt Verbundenheit über Milieugrenzen hinweg. Für fünf Wochen reden Millionen von Menschen in einer zersplitterten, von Kriegen geplagten Welt über das Gleiche: 22 Männer in kurzen Hosen und einen Ball.Der Fussball ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Die meisten von uns tragen Erinnerungen aus der Kindheit mit. An die WM 1974 zum Beispiel, den deutschen Trainer Helmut Schön mit seiner Schiebermütze, an die Männlein mit den lustigen Namen, die über den Schwarz-Weiss-Bildschirm der Ferienwohnung flimmerten: Georg Schwarzenbeck, Bernd Hölzenbein, Franz Beckenbauer. An die Stimme des Reporters, die den Sound jener Sommerferien in den Bergen bildete. An das Gefühl als Kind, hier passiere etwas Wichtiges. Der Klang, die Rituale, das Gemeinschaftsgefühl sind so eingeschrieben, dass sie sich ganz leicht abrufen lassen.Man kann bedauern, wie sedierend der Fussball auf unser Moralempfinden wirkt, wie schnell wir für die Gefühle, die er uns schenkt, von unseren Standards abrücken. Wie leicht lassen wir uns doch korrumpieren von einem Dribbling von Johan Manzambi!Oder man kann seine Wirkkraft bewundern.Die Stärke des Spiels ist, dass es so einfach ist: ein Spielfeld, zwei Mannschaften, zwei Torgehäuse, neunzig Minuten. Was in diesen passiert, kann niemand voraussehen. Ein Spiel ist sogar dann völlig unberechenbar, wenn der mächtigste Mann der Welt es steuern will.Die USA sind vor den Augen des US-Präsidenten mit Folarin Balogun im Achtelfinal gegen Belgien untergegangen. Great war da gar nichts. Das ist der grösste Triumph des Fussballs: Er widersetzt sich Donald Trump.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
1:0 für den Fussball: Warum selbst Trump den Sport nicht zerstören kann
Die Kungelei zwischen dem US-Präsidenten und dem Fifa-Chef Gianni Infantino bedroht die Integrität des Sports. Und doch feiern Millionen von Menschen auf der ganzen Welt die WM weiter. Wieso die Wirkkraft des Fussballs so gross ist.








