Sportlich ist die Intervention des amerikanischen Präsidenten Donald Trump beim Weltfußballverband FIFA ohne direkte Folgen geblieben. Das US-Team hat sein Achtelfinale gegen Belgien klar verloren, obwohl sein eigentlich gesperrter bester Stürmer durch eine FIFA-Kommission begnadigt worden war und in dem Spiel auflaufen durfte. Von außen mochte es sogar erscheinen, als hätte der politische Wirbel die Spieler der Gastgebernation gelähmt und verwirrt. Sie leisteten sich zum Teil groteske Fehler, und der begnadigte Angreifer hatte seine Treffsicherheit eingebüßt.Trotzdem lohnt sich bei dieser Gelegenheit ein Blick in die Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften. Denn mag Trumps Anruf bei FIFA-Präsident Giovanni Infantino auch außerordentlich erscheinen und den Verband, der ihm zu Willen war, in eine tiefe Krise gestürzt haben: Ohne Vorbild ist die politische Intervention bei einer WM nicht. Die Natur der Regime, unter denen solche Eingriffe vorgekommen sind oder vorgekommen zu sein scheinen, wirft ein bezeichnendes Licht auch auf Trumps politisches Selbstverständnis. Auch wenn das Bild, das in diesem Licht zu sehen ist, angesichts der sonstigen Amtsführung des amerikanischen Präsidenten keine Überraschung sein kann.Die Mutter aller Manipulationen von Fußball-Weltmeisterschaften fand schon bei der zweiten Austragung dieses Turniers statt. Für 1934 hatte Italien den Zuschlag erhalten, damals seit mehr als einem Jahrzehnt beherrscht durch den faschistischen Diktator Benito Mussolini. Interesse an der Austragung hatten auch Schweden und Spanien bekundet. Aber Mussolini ermöglichte den Bau beziehungsweise Umbau von acht Stadien im ganzen Land, von Triest bis Neapel mit einer Gesamtkapazität von mehr als 350.000 Zuschauern.Italienische Fouls wurden nicht geahndetDie Funktionäre der FIFA mögen schon damals an den Einnahmemöglichkeiten interessiert gewesen sein, für Mussolini ging es um sein Programm, ein starkes Italien vorzuzeigen. Körperkult spielte für den Diktator, der sich gern mit nacktem Oberkörper fotografieren ließ, eine große Rolle. Wichtig war ihm auch der Radsport; der populäre Giro d’Italia wurde 1934 parallel zum Fußballturnier ausgetragen. Aber welche Bedeutung der „Duce“ der WM beimaß, zeigt schon der Aufwand für die Stadien, durch den angeblich sogar die Lira unter Druck geriet.Der Verlauf des Turniers zeigt eine skandalöse Bevorzugung der italienischen Mannschaft durch Schiedsrichter und Funktionäre. So durfte beispielsweise ein Spieler auflaufen, der zuvor abwechselnd für Argentinien und Italien gespielt hatte, was nach geltenden Statuten nicht erlaubt gewesen wäre. Vor allem aber geht aus allen Spielberichten hervor, dass die Italiener sich übelste Fouls erlauben konnten, ohne von den Schiedsrichtern belangt zu werden.So wurde das Viertelfinale Italiens gegen Spanien erst in einem Wiederholungsspiel durch ein Tor entschieden, bei dem der spanische Torwart von mehreren Italienern behindert worden sein soll. Zudem wurden drei Spanier spielunfähig getreten – ein beträchtlicher Nachteil, zumal damals noch keine Auswechslung erlaubt war, während die Übeltäter auf dem Platz bleiben dürfen. Zwar gab es damals noch nicht das System mit Gelben und Roten Karten (das wurde erst 1970 eingeführt, und die erste Gelbe Karte sah dann ein deutscher Stürmer namens Gerd Müller). Aber mündliche Verwarnung und Platzverweis waren durchaus im Regelwerk vorgesehen. Im Spiel Österreichs gegen Ungarn wurde ein ungarischer Spieler des Feldes verwiesen.Manipulationen durch Funktionäre und SchiedsrichterAuch im Halbfinale und Finale gegen Österreich und die Tschechoslowakei schlug die italienische Mannschaft, Berichten nicht nur in den Ländern der unterlegenen Mannschaften zufolge, eine überaus harte Gangart ein. Da wurde unter anderen Matthias Sindelar aus dem Spiel getreten. Er war der Starspieler des damaligen österreichischen „Wunderteams“, wegen seiner filigranen Spielweise und Statur „der Papierene“ genannt. Der schwedische Schiedsrichter Ivan Eklind, der sich durch Nichtintervention ausgezeichnet hatte, wurde fürs Finale gleich wieder angesetzt und ahndete auch dort offensichtliche Regelverstöße nicht.Zwar wird in neueren Untersuchungen hervorgehoben, dass eine persönliche Einflussnahme Mussolinis nicht nachweisbar sei. Dass der „Duce“ Eklind zu einem Empfang geladen habe, war wohl eine Falschbehauptung aus dem empörten Lager der Österreicher. Klare Beweise gebe es nur für Manipulationen durch schwedische und italienische Funktionäre und Schiedsrichter. Angesichts der Wirklichkeit im faschistischen Italien kommt das indes einer Intervention durch das Regime gleich.Ein weiterer, allerdings weniger klarer Fall, in dem eine Weltmeisterschaft in einem diktatorisch regierten Land ausgetragen wurde und der Gastgeber unter fragwürdigen Bedingungen gewann, war Argentinien 1978. Auch da gab es umstrittene Schiedsrichterentscheidungen. Vor allem richtet sich der Verdacht gegen ein Spiel Argentiniens gegen Peru. Die Gastgeber brauchten einen hohen Sieg mit vier Toren Unterschied – und gewannen 6:0. Im Geschichtspodcast von F.A.Z. und Adenauer-Stiftung lässt sich nachhören, wie das mit einem Kredit und einer Weizenlieferung Argentiniens an Peru zusammenhängen könnte – und einem Besuch von Diktator Jorge Videla vor dem Spiel in der Kabine der Peruaner.Es zeigt sich also das Risiko, wenn die FIFA ihre Weltmeisterschaften an despotisch regierte Länder vergibt. Wobei: In Russland und Qatar gab es zumindest in dieser Hinsicht bei den vergangenen beiden Turnieren keine Beschwerden. Anders jetzt in den USA. Aber auch da gibt es noch einen Unterschied zu Italien 1934 und Argentinien 1978: Die Manipulation blieb erfolglos.