Es hat fast drei Wochen gedauert, bis Donald Trump das erste Mal erkennbar Einfluss auf das Geschehen bei der Fußball-Weltmeisterschaft genommen hat. Die „New York Times“ berichtet unter Berufung auf drei Quellen, der Präsident der Vereinigten Staaten habe am vergangenen Mittwoch den Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes FIFA angerufen.Gianni Infantino möge sich, Infantinos FIFA möge sich um die Rote Karte kümmern, die der beste Stürmer der amerikanischen Mannschaft, Folarin Balogun, gegen Bosnien und Hercegovina gesehen hatte. Balogun war, wie in den Regeln der FIFA vorgesehen, für ein Spiel gesperrt worden. Am Sonntag teilte die FIFA der Welt nun mit, Balogun dürfe am Dienstag (2.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und MagentaTV) im Achtelfinale gegen Belgien spielen. Baloguns Sperre wurde zur Bewährung ausgesetzt.Trump begrüßte das Freispiel für Balogun bei „Truth Social“ mit einem Post, auf den der Account des Weißen Hauses ein „USA – USA – USA“ und ein Weißkopfseeadleremoji setzte. So drückt sich das Fußballfieber in Washington am Wochenende des 250. Staatsgeburtstags aus. Es muss aufregend sein, wenn man die Regeln selbst bestimmen kann. Oder Geschenke von der FIFA bekommt.Der Anschein der Einflussnahme ist ein GAUFür die Weltmeisterschaft ist schon der Anschein einer solchen Einflussnahme – von der angesichts der Beziehung zwischen Trump und Infantino niemand überrascht sein könnte – der größte anzunehmende Unfall, der GAU. Er untergräbt die Integrität des Spiels. Es ist der Anfang vom Ende.Die Regeln der FIFA sind eindeutig. Eine Rote Karte zieht eine Sperre von einem Spiel nach sich, je nach Schwere des Vergehens wird die Sperre ausgeweitet. Der belgische Verband verweist auf ein Rundschreiben der FIFA, versandt im Mai, in dem mit Blick auf die WM explizit auf die Sperre nach Roten Karten hingewiesen worden war. Man prüfe alle in Betracht kommenden Schritte, schreiben die Belgier.Gegen die schamlose Dreistigkeit in diesem Fall müssten Fußballverbände in aller Welt Sturm laufen. Sie müssten umgehende Rücktrittsforderungen an die Adresse Infantinos nach sich ziehen. Der FIFA-Präsident riskiert das Ein und Alles des Sports, die Autonomie.Oder sollen künftig die Politiker an die Stelle der Verbandschefs treten? Eine absurde Vorstellung, und doch, siehe „New York Times“, offenbar Realität. Soll als nächster Friedrich Merz bei Infantino durchklingeln, ob nicht in Sachen Tah-Treffer gegen Paraguay doch noch etwas geht?Dass Folarin Balogun gegen Belgien spielen darf, wäre auch ohne Trumps Einmischung ein Skandal. Mit dem Bericht über den Anruf des verurteilten Straftäters im mächtigsten Amt der Welt wird die Weltmeisterschaft nicht nur bei der Einreise in die Vereinigten Staaten von seiner Politik verseucht, sondern auch auf dem Spielfeld. Infantino, der FIFA-Präsident, hat zugesehen, wie Omar Artan, der Schiedsrichter aus Somalia abgewiesen wurde, Opfer des Rassismus der Regierung der Vereinigten Staaten wurde.Jetzt, dreieinhalb Wochen später, hilft seine FIFA nach, den Wettbewerb nach den Wünschen Trumps auszurichten. Damit gefährdet Infantino die Zukunft der FIFA. Es wird Zeit für laute Opposition. Wer das nicht erkennt, wer Infantinos Spiel mitspielt, wer schweigt, wer sich duckt und möglichst klein macht angesichts der Ungeheuerlichkeiten bei dieser Weltmeisterschaft, der verrät den Sport.