Washington, D. C., am Mittwoch vergangener Woche. Gianni Infantino ist wieder zu Gast bei Donald Trump. So beharrlich sich der Präsident der FIFA, des Internationalen Fußballverbands, kritischen Nachfragen entzieht, so gewissenhaft lässt er seinen Instagram-Kanal bespielen. Die Welt soll sehen, wie der Glanz der Mächtigen auf ihn abfällt, weil er ihnen den Fußball bringt. Und sogar den FIFA-Friedenspreis, wenn der Fußball allein nicht reicht.Auf dem Foto vom jüngsten Treffen mit Trump fällt der Glanz des von Trump dort angebrachten, goldenen Schriftzugs „The Oval Office“ ins Auge, den Trump Infantino zeigt. Und Infantino steht da, vor Trump und seinen goldenen Lettern, als würde einem Kind der Schlüssel zum geheimen Geschenkeversteck des Weihnachtsmanns präsentiert. Tatsächlich ist das die Botschaft dieser Inszenierung: Die Bescherung naht. Trump und Infantino schenken der Welt ihre Fußball-WM.War der Fußball wirklich jemals die schönste Nebensache der Welt? Es muss lange her sein. Die jüngsten Turniere in Russland und Qatar waren schon politisch überlagert. Infantino hatte sich den Gastgebern angebiedert, bekam von Wladimir Putin einen Orden angehängt, hatte seinen Lebensmittelpunkt zeitweilig nach Doha verlegt.Kaum im Amt, spielten sie DoppelpassDass die Weltmeisterschaft in Nordamerika politisiert wurde, liegt längst nicht nur an Donald Trump. Infantino hat seinen Teil dazu beigetragen: Er hat den Präsidenten, der sich vor dem Irankrieg nichts so sehr wünschte wie den Friedensnobelpreis, mit dem eigens für Trump erfundenen „FIFA Peace Prize“ ausgezeichnet.Dieses Turnier, das sich Mexiko, Kanada und die Vereinigten Staaten teilen, dergestalt, dass in den USA 78 Spiele ausgetragen werden und in den beiden anderen Gastgeberländern je 13, ist das erste, das unter dem FIFA-Präsidenten Infantino vergeben wurde. 2018 war das, am Rande der Weltmeisterschaft in Russland.Gianni Infantino zu Gast bei Donald Trump im Juni 2026gianni_infantino/InstagramIm Winter 2020, Trumps erste Amtszeit ging in ihr letztes Jahr, trafen sich die beiden am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Der US-Präsident gab ein Dinner, lobte Infantino über den grünen Klee – und bemerkte beiläufig, dass sich beide ja schon über die Vergabe an die Vereinigten Staaten einig gewesen seien, da sei er als US-Präsident noch gar nicht gewählt gewesen.Die Beziehung zwischen Infantino und Trump reicht demnach mindestens bis in den Herbst 2016 zurück. Die FIFA bestreitet jede Absprache hinsichtlich der Vergabe vehement. Offensichtlich ist: Trumps Vorgänger Barack Obama hatte das FBI auf die FIFA unter Infantinos Vorgänger Joseph Blatter angesetzt. Kaum waren Trump und Infantino im Amt, spielten beide Doppelpass.In Trumps zweiter Amtszeit wurde aus der Beziehung ein enges Bündnis. Die FIFA eröffnete ein Büro im Trump Tower auf der Fifth Avenue in Manhattan und nicht im Empire State Building, was zuvor erwogen worden war. Und Infantino flog mit Trump im Mai 2025 an den Golf – Saudi-Arabien wird Gastgeber der WM 2034 sein –, während die FIFA auf der anderen Seite der Welt, in Paraguays Hauptstadt Asunción, ihren jährlichen Kongress vorbereitete. Infantino kam Stunden zu spät, ließ Paraguays Präsidenten warten und machte weiter, als sei das alles völlig normal. Er kann sich das leisten, solange die Kasse stimmt. Mit der Aussicht auf das Turnier in Saudi-Arabien versprach er jüngst, es werde alles noch „viel, viel besser“.Überschattet Trumps Migrationspolitik die WM?Mit Trumps zweiter Vereidigung als Präsident aber, Gianni Infantino war Ehrengast und versprach via Instagram, „zusammen nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt wieder großartig zu machen“, mehrten sich die Sorgen in der Fußballwelt. Die Frage, ob Trumps harte Hand in der Migrationspolitik die WM überschatten wird, steht weiter im Raum. Minderheiten befürchten, die Regierung werde die Einwanderungspolizei ICE und Grenzschützer mit Razzien vor den Spielen beauftragen. Auch Fans aus dem Ausland sind betroffen – sei es vom „travel ban“ für Dutzende Staaten oder vom „social media screening“ bei der Einreise.Donald Trump nimmt am 5. Dezember 2025 in Washington D.C. den FIFA-Friedenspreis von Giovanni Infantino entgegen.EPAEine iranische Frauenrechtsaktivistin, die sich seit Jahrzehnten unter Gefahr für Leib und Leben für mehr Rechte in ihrer Heimat und gegen das Stadionverbot der Islamischen Republik engagiert, darf nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Die US-Botschaft in Brüssel lehnte ihren Visumsantrag ab mit Verweis auf den „travel ban“ und die Gefahr für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Das Versprechen Infantinos, jeder werde bei der WM willkommen sein, ist schon jetzt nicht mehr haltbar.US-Regierung droht Städten, die sich Trump widersetzenDieser Tage wurde bekannt, dass das Heimatschutzministerium erwägt, die Zoll- und Grenzkontrollen für internationale Reisende und Fracht an großen Flughäfen von Städten einzustellen, die sich Trumps Migrationspolitik widersetzen. Es sei nicht hinnehmbar, internationale Flüge in Städten abzufertigen, in denen „örtliche linksradikale Demokraten“ die Arbeit der Bundesbehörden behinderten, sagte der neue oberste Heimatschützer Markwayne Mullin. ‌Eine Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.Betroffen wären Metropolen wie New York, Los Angeles und Chicago, die sich weigern, mit den Bundesbehörden bei der Abschiebung von Einwanderern ohne gültige Papiere zusammenzuarbeiten. Die Maßnahme ‌könnte den internationalen Flugverkehr ‌in Hochburgen der Demokraten weitgehend lahmlegen.Es ist eine Drohgebärde. Hat Trump wirklich ein Interesse daran, sich die große Show durch hässliche Bilder zu verderben? Infantino versucht dem Vernehmen nach, auf den Präsidenten mäßigend einzuwirken, damit dieser in den Turnierwochen von Razzien absieht, so wie man es vor der Klub-WM im vergangenen Jahr vereinbart hatte. Politisch heikel ist auch, dass Trump Kanada und Mexiko mit einem Handelskrieg überzogen hat.Mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney befindet er sich nach seinem Gerede darüber, Kanada als 51. Bundesstaat annektieren zu wollen, zudem in einer Privatfehde. Das konnte man bei der Gruppenauslosung im Washingtoner Kennedy Center im Dezember vergangenen Jahres, bei dem Infantino Trump den Friedenspreis überreichte, nur mühsam überspielen.Der Irankrieg wird zur BelastungsprobeWenige Wochen später entschloss sich Trump, etwas zu tun, das viele nicht für möglich gehalten hatten – auch und vor allem in seiner MAGA-Bewegung. Er begann einen Krieg gegen Iran. Dieser sollte zur Belastung der Beziehung zwischen Trump und Infantino werden. Denn der FIFA-Präsident ist den 211 Mitgliedsverbänden verpflichtet, deren Vertreter ihn nächstes Jahr wiederwählen sollen.Dazu muss Infantino seine Versprechen halten. Das bedeutet: Das Geld, das die WM einspielt, muss fließen. Und die FIFA muss die Fiktion aufrechterhalten, dass diese 211 Mitgliedsverbände einzig und allein dem Fußball verpflichtet sind und mit der Politik ihrer Länder rein gar nichts am Hut haben.Der Fußballverband der Islamischen Republik Iran ist, wie jede staatliche und halb staatliche Institution des Landes, von der Machtelite kontrolliert: Das Sagen hat die Revolutionsgarde. Verbandspräsident Mehdi Tadsch äußerte sich jüngst explizit: „Wir sind die Revolutionsgarde.“ Für die FIFA aber hat der iranische Verband mit der Politik der Islamischen Republik nichts zu tun. Man rühmt sich gegenseitig guter Beziehungen.Und als Trump am 28. Februar den Angriffsbefehl gab, war er nicht nur der erste WM-Gastgeber in 96 Jahren Weltmeisterschaftsgeschichte, der im WM-Jahr einen Krieg gegen ein Teilnehmerland begann (und dessen Staatsoberhaupt töten ließ). Sondern er machte es Infantino schwer. Der FIFA-Präsident steht bei den Iranern im Wort, ihnen die Teilnahme an der Weltmeisterschaft zu ermöglichen, für die sie sich als eines der ersten Länder überhaupt qualifiziert hatten.Mexiko bietet der iranischen Delegation WM-Asyl anAls Infantino im März in der Türkei auftauchte, wo die iranische Auswahl sich auf das Turnier vorbereitete, wurde klar, dass dem FIFA-Präsidenten sehr daran gelegen ist, keinen Präzedenzfall entstehen zu lassen. Während Trump mal erklärte, es sei ihm schlicht egal, ob Iran antrete oder nicht, mal insinuierte, die Iraner müssten in den USA um Leib und Leben fürchten, hätte eine Ausladung der Iraner den FIFA-Präsidenten nackt dastehen lassen – verspricht er doch bei jeder Gelegenheit: „Fußball vereint die Welt.“Tatsächlich? Die US-Behörden setzen den „travel ban“ ihres Präsidenten weiterhin konsequent um. Deshalb müssen nicht nur Iranerinnen draußen bleiben, die sich für mehr Freiheit in ihrer Heimat einsetzen, sondern auch die Machtelite im Verband. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum hat der iranischen Delegation inzwischen WM-Asyl angeboten, das Team und seine Entourage sollen in Tijuana an Mexikos nördlicher Grenze Quartier beziehen, von wo aus Spieler und Trainer dann nach Los Angeles und Seattle zu den Gruppenspielen reisen können sollen. Es ist ein Kompromiss, mit dem alle Seiten ihr Gesicht wahren wollen.Amerikanische Visa für die Verbandsführung um Tadsch gab es nicht. Insgesamt 15 Mitglieder der Delegation dürfen nicht einreisen, neben dem Verbandspräsidenten und seinem Stellvertreter auch Mitglieder des PR-Stabs und Spielanalysten. Spieler und Betreuer wiederum müssen an den Spieltagen in die USA ein- und wieder ausreisen. In 96 Jahren Weltmeisterschaftsgeschichte hat es so etwas noch nie gegeben.Es ist eine beispiellose Benachteiligung – und ein Bruch der Turnierregularien, die in Artikel 18 vorsehen, dass sich eine teilnehmende Mannschaft im Land, in dem ihre Spiele ausgetragen werden, aufhalten soll. Es darf bezweifelt werden, dass die USA den Zuschlag für das Turnier bekommen hätten, wären diese Umstände vorab bekannt gewesen.Zugleich klagt die Internationale Vereinigung der Sportpresse AIPS, ein Interessenverband von Sportjournalisten, über „zahllose Fälle“, in denen amerikanische Behörden afrikanischen und iranischen Journalisten Visa verweigert haben. „Ich wiederhole: Das ist inakzeptabel“, heißt es in einem Brief von AIPS-Präsident Gianni Merlo an FIFA-Präsident Gianni Infantino vom Samstag.Fußball kann mit den „Big Four“ nicht mithalten1994 fand zum ersten Mal die Weltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten statt. Das Turnier war damals ein ganz anderes: 24 Mannschaften, halb so viele wie heute. Und auch das Land war ein anderes: Nach dem Zerfall der Sowjetunion waren die Vereinigten Staaten gleichsam die übrig gebliebene Supermacht, unumstrittene Führungsmacht der freien Welt und Sehnsuchtsort für Austauschschüler und Studenten aus allen Erdteilen.Im Oval Office saß ein junger Demokrat namens Bill Clinton, der schon mal mit Jazzmusikern Saxophon im Weißen Haus spielte und dem zum Eröffnungsspiel in Chicago angereisten „Chancellor Kohl and the people of Deutschland: Viel Gluck!“ zurief. In Deutschland blieb das Turnier vor allem wegen Stefan Effenberg, der deutschen Fans in der Gluthitze von Dallas den ausgestreckten Mittelfinger zeigte, und des Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien in Erinnerung. Amerika war damals noch Fußball-Entwicklungsland. Doch schafften die Kicker es immerhin ins Achtelfinale, wo sie dann gegen den späteren Weltmeister Brasilien sehr respektabel 1:0 verloren.Auch wenn etliche Spieler der amerikanischen Nationalmannschaft heute in den großen Ligen Europas ihr Geld verdienen und man im Land selbst mit dem „Major League Soccer“ eine professionelle Liga aufgebaut hat – der Plan, dem Fußball neben Eishockey, Basketball, Baseball und American Football seinen Platz unter den großen Sportarten zu sichern, ist nicht aufgegangen. Die Einwanderung vieler Latinos hat den Sport in Amerika gewiss populärer gemacht, das große Geld fließt weiterhin zu den „Big Four“. Und wer sich für Fußball interessiert, bekommt Wochenende für Wochenende zu sehen, wie groß die Qualitätsunterschiede zwischen der heimischen MLS und den europäischen Ligen, insbesondere der englischen Premier League, sind.Trump weiß, wie wichtig die WM istTrump weiß nicht viel über Fußball, auch wenn sein jüngster Sohn Barron einst als Schüler im Mittelfeld von D. C. United gespielt hat. Mehrfach sinnierte der Präsident zuletzt darüber, dass die Sportart, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten erstaunlich entwickelt habe, eigentlich auch in Amerika „football“ und nicht „soccer“ genannt werden müsste. Dummerweise gebe es da diesen Konflikt mit dem amerikanischsten aller Sportarten, bei dem der Fuß nur beim Kick-off, dem „extra point“ oder dem „field goal“ zum Einsatz kommt.So begrenzt Trumps Wissen über den Sport sein mag – ihm ist wohl bewusst, dass es keine größeren Sportereignisse als Fußballweltmeisterschaften gibt. Das Endspiel Argentinien gegen Frankreich vor vier Jahren in Qatar sollen 1,5 Milliarden Menschen verfolgt haben. Den „Super Bowl“ der National Football League im vergangenen Februar schauten sich weltweit hingegen nur etwa 220 Millionen Leute an.Das ist eine Währung, die auch für Trump zählt. Als die FIFA im vergangenen Jahr gewissermaßen zur Probe die Klubweltmeisterschaft in den Vereinigten Staaten austragen ließ und Trump den Spielern des FC Chelsea nach dem gewonnenen Finale den Pokal und ihre Medaillen überreichte, von denen er sich eine einsteckte, blieb er anschließend in ihrer Mitte stehen. Im selben Stadion, in East Rutherford, New Jersey, wird die Fußballweltmeisterschaft am 19. Juli enden. Und im Mittelpunkt wird wieder Donald Trump stehen.