Fußballfans in Washington D.C. können auch an diesem Dienstag und am Mittwoch, während der Halbfinalspiele der WM wie bei jedem der 100 Spiele bisher, Teil dieses Deals werden. Teil einer „außergewöhnlichen Partnerschaft“, wie Infantino es nennt, einer Partnerschaft, die seine FIFA mit der Organisation „Freedom 250“ abgeschlossen hat: Gemeinsam veranstalten beide die „FIFA World Cup 2026 Fan Zone“ auf der National Mall im Herzen der amerikanischen Hauptstadt: Public Viewing unterm Kapitol.Die Werbung, samt Betonung des „Außergewöhnlichen“ der Zusammenarbeit, hatte der FIFA-Präsident auf seinem Instagram-Kanal bereits am 27. Mai übernommen. Auch in der Pressemitteilung von „Freedom 250“ vom 26. Mai lässt sich Infantino mit diesen Worten zitieren. „Freedom 250“ ist die Organisation, die unter Trump ins Leben gerufen wurde, um die Feierlichkeiten rund um den 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten nach dem Gusto des Präsidenten und nicht, wie ursprünglich geplant, überparteilich zu gestalten.Trumps DigitalstrategeInfantino sagt, die FIFA vereine so „Menschen aus allen Verhältnissen“. Trump und seinem Lager geht es bei den „Freedom 250“-Veranstaltungen darum, das eigene Weltbild zur Schau zu stellen – und darum, Freunden des jetzigen Herrschers des Weißen Hauses einen Gefallen zu tun. Etwa, indem Trump wohl gesonnene Dienstleister bedient werden. Brad Parscale, zum Beispiel.In diesem Sommer kümmert sich Campaign Nucleus um „Freedom 250“-Veranstaltungen, bei denen sich Besucher digital registrieren müssen. Und zu diesen zählt auch die „Fan Zone“ der Fédération Internationale de Football Association auf der National Mall. Jeder Besucher, jede Besucherin, die von Gianni Infantinos FIFA und ihrer WM an diesen Ort gelockt wird, beschenkt Donald Trumps Digitalstrategen mit seinen persönlichen Daten.Hut ab: Brad Parscale im Wahlkampfeinsatz für Donald Trump (Foto von 2019).APInfantino hat Recht: Es ist eine außergewöhnliche Kooperation. Verschafft der FIFA-Präsident dem politischen Lager des amerikanischen Präsidenten Zugang zu potenziellen Wählerstimmen? Sämtliche Fragen zu den Details der Kooperation, die der FIFA von der F.A.Z. gestellt wurden, sind bislang nicht beantwortet. Campaign Nucleus antwortet auf die Frage, ob die bei der Registrierung für die „Fan Zone“ gewonnenen Daten für politische Kampagne genutzt werden, ob die FIFA über den Auftrag an Campaign Nucleus informiert gewesen sei, ob Geld geflossen ist, mit einem allgemein gehaltenen Statement: Datenschutz werde ernst genommen, Informationen würden nach Gesetzes- und Vertragslage und Weisung der Klienten verarbeitet. Spezifische Vertragsregelungen kommentiere man grundsätzlich nicht.Ein „schamloser Regelbruch“Die Datenschutzklauseln auf der Website der Firma setzen dem Einsatz der „Fan Zone“-Daten im Wahlkampf jedenfalls keine Grenze. Campaign Nucleus verspricht politischen Auftraggebern: „Advocate. Mobilize. Win.“ („Einsetzen. Mobilisieren. Gewinnen.“). Wie haben „Freedom 250“, FIFA und Campaign Nucleus die finanzielle Seite ihrer Vereinbarungen geregelt? Wusste die FIFA, wusste Infantino, dass Parscales Firma mit der operativen Seite der Datenernte betraut werden würde? Wer innerhalb der FIFA war in die Entscheidungsprozesse, die zur Kooperation geführt haben, eingebunden? Intransparent bis auf Weiteres.Sicher ist: Auch diese Zusammenarbeit wirft die wichtigste sportpolitische Frage dieser Weltmeisterschaft auf. Die FIFA-Statuten verpflichten zur Neutralität. Wem fühlt sich der FIFA-Präsident verantwortlich? „Das ist ein weiterer unverhohlener, schamloser Regelbruch“, sagt Nick McGeehan, Gründer der Organisation „Fair Square“. An diesem Dienstag macht „Fair Square“ eine Beschwerde gegen Infantino beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anhängig.Neutralität betont: IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, hier in Wimbledon am 4. JulidpaInfantino ist seit 2020 IOC-Mitglied. „Die Anstrengungen, die sie unternehmen, um ihren Wagen am MAGA-Projekt (von Donald Trump/ d. Red.) anzuspannen, sind unglaublich“, sagt McGeehan. „Fair Square“ hat gegen Infantino wegen des Bruchs der politischen Neutralität mit Blick auf den FIFA-Friedenspreis bereits eine Beschwerde bei der Ethikkommission der FIFA eingelegt, der sich der norwegische Fußball-Verband angeschlossen hat. Zudem hat die Organisation die Kampagne „Reboot FIFA“ aufgesetzt, bei der sich die Öffentlichkeit dem Ruf nach einer Reform des Weltverbandes anschließen soll.IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hatte, in der vergangenen Woche auf einer Pressekonferenz auf eine Beschwerde gegen Infantino angesprochen, allgemein gehalten geantwortet. Die IOC-Ethikkommission würde sich damit beschäftigen, wenn sie vorliege. Das IOC hat gerade erst die Neutralitätsverpflichtungen seiner Mitglieder in der Olympischen Charta betonen lassen; dabei geht es allerdings zunächst vor allem um einen Weg, russischen Sportlern den Weg zu Olympischen Spielen zu bahnen, während Wladimir Putin, der Infantino einst mit dem Russischen Orden der Freundschaft ausgezeichnet hatte, die Ukraine mit Krieg überzieht. Zudem stehen dem IOC die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 ins Haus, die Donald Trump eröffnen will.„Ich glaube, sie stecken in ernsthaften Schwierigkeiten“Nick McGeehan sagt, angesprochen auf die Zusammenarbeit der FIFA mit „Freedom 250“, der Weg, den Infantino seinen Verband habe einschlagen lassen, sei „zutiefst beunruhigend. Ich glaube, sie stecken in ernsthaften Schwierigkeiten“. Es könne „wesentlicher politischer Druck“ entstehen.In Washington sind „Freedom 250“, seine Entstehungsgeschichte und allerlei Auffälligkeiten nach Art des Präsidenten längst Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Die Opposition im Repräsentantenhaus hat unlängst einen 55 Seiten starken Bericht vorgelegt, Titel: „From Vanity to Insanity – How the White House cheated the American people out of their 250th birthday“. Zu Deutsch: „Von der Eitelkeit zum Wahnsinn – wie das Weiße Haus das amerikanische Volk um seinen 250. Geburtstag betrogen hat.“Es sei ein Zwischenbericht, halten die Demokraten fest, man werde daran arbeiten, den Wählern die Rechenschaft zu präsentieren, die ihnen angesichts des „umfänglichen moralischen Versagens des Präsidenten der Vereinigten Staaten“ zustehe. Die Aktivitäten von „Freedom 250“ erschienen unter mehreren Gesichtspunkten „illegal und verfassungswidrig“.Für die Oppositionspolitiker auf dem Kapitolshügel, zu dessen Füßen die FIFA und Freedom 250 gemeinsame Sache gemacht hatten und den Infantino erklommen hatte, um sich fotografieren zu lassen für seinen Werbepost in Sachen „Fan Zone“, ist der FIFA-Präsident bislang ein weiterer Günstling im Trump-Kosmos. Sie zielen auf den amerikanischen Präsidenten, nicht auf den Schweizer. Aber die Weltmeister werden nach dem Finale am Sonntag in East Rutherford, New Jersey, beiden begegnen: bei der Siegerehrung.In Europa wächst derweil der politische Druck auf Infantino. 50 Abgeordnete des Europaparlaments hatten die FIFA in einer ersten Beschwerde an die FIFA vor zwei Wochen aufgefordert, die von Fair Square und dem norwegischen Verband angestrengte Untersuchung gegen Infantino durch die Ethikkommission „mit größter Geschwindigkeit und Aufrichtigkeit“ zu verfolgen.Vergangene Woche, nach Trumps Anruf in Sachen Roter Karte, hatten sich 72 Europaparlamentarier – aus sechs Fraktionen und fraktionslose Abgeordnete – an die 27 Fußballverbände in der Europäischen Union gewandt: „Wir rufen Sie auf, mit Ihren Stimmen die Rufe nach einer Untersuchung der Verbindungen zwischen Gianni Infantino und Donald Trump zu unterstützen.“ Wer Regeln bricht, schrieben die Parlamentarier, muss zur Verantwortung gezogen werden.