Kriminalität, Tornados, Donald Trump, zu viele Teams und zu wenige Fans: Diese WM ist eine Katastrophe. Zumindest haben das die Medien vorausgesagtKaum ein Turnier wurde derart schlechtgeredet wie die Fussball-Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA. Zum Glück haben sich die Miesepeter geirrt.06.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWut, Desinteresse und ein «nie da gewesener WM-Stress»: Ginge es nach manchen Medien, müssten sich diese argentinischen Fans (hier während des Spiels gegen Jordanien) ganz schlecht fühlen.Hannah McKay / ReutersSind die alle verrückt geworden? Wissen sie denn nicht, dass sie jederzeit von einem Tornado eingesogen, von Trumps Schergen abgeführt oder von einem Drogenkartell gekidnappt werden können? Solche Fragen müssten derzeit vielen Journalisten durch den Kopf gehen, wenn sie all die verzückten Fans an der Fussball-Weltmeisterschaft sehen, die zu Zehntausenden in die Stadien strömen. Die rudernden Norweger, die Japaner, die fast das ganze Spiel hüpften und am Ende ihren eigenen Abfall wegräumten, die Kongolesen mit ihren Leopardenhüten, die Engländer, die «Wonderwall» singen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn vielleicht hat es mancher in der Leserschaft schon vergessen, aber diese WM wurde in vielen Medien als Katastrophe angekündigt. Zwar waren alle Stadien schon gebaut, so dass die üblichen, vor fast jeder WM zu lesenden Schlagzeilen wie «Bauten für WM erst zur Hälfte fertig» eher sinnlos waren (was nicht heisst, dass es sie gar nicht gab). Doch das war egal, weil es genug anderes gab: hohe Ticketpreise, Fifa-Präsident Gianni Infantino, schiesswütige Mexikaner, Unwetterkatastrophen, 48 Teilnehmerländer, von deren Existenz in manchen Fällen kaum jemand wusste. Und natürlich Donald Trump.«Bleibt weg von den USA!»Wegen des US-Präsidenten veröffentlichten die Schweizer Tamedia-Zeitungen schon am 22. Januar dieses Jahres eine Reisewarnung an die gesamte Fussballwelt. «‹Für die Fans gibt es nur einen Rat: Bleibt weg von den USA!›», lautete die Schlagzeile unter Berufung auf den Strafrechtsexperten Mark Pieth. Die «Marginalisierung politischer Gegner», so gab dieser zu bedenken, die Machenschaften der Einwanderungsbehörden, all das schrecke Fans davon ab, in die USA zu reisen. In Mexiko gebe es ein ähnliches Sicherheitsproblem, aber nicht wegen eines «autoritär werdenden Staats», sondern wegen «Drogenbanden, die mit Übergriffen drohen».In dieser vorsorglichen Katastrophenberichterstattung war für einmal selbst Joseph «Sepp» Blatter als Experte und Kronzeuge willkommen. Als der von Medien viel geschmähte ehemalige Fifa-Präsident auf X erklärte, Mark Pieth habe «recht damit, diese WM infrage zu stellen», erwähnten das die Tamedia-Zeitungen stolz in einem weiteren Artikel. Und dank einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur verbreitete sich Blatters Botschaft bis zur «Neuen Presse Coburg» in Oberfranken.So ging es in den nächsten Monaten weiter. Mit Fans, die über den verflogenen WM-Zauber klagten (ARD), mit «Zweifeln» an der Sicherheitslage (ZDF) und Sorgen um die Menschenrechte, die «eher Nebensache» sein würden (SRF). Als deutsche Städte wie Berlin im Frühling bekanntgaben, es werde dieses Mal keine Fanmeilen geben, war das für die linke «Tageszeitung» kein Grund zur Trauer. Eher zur Freude, denn «möglichst wenig sichtbar sein» sei das Einzige, was diese WM von US-Präsident Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino verdient habe. Denn: «Wer weiss, welche Bilder von Razzien der Einwanderungsbehörde ICE es während der Spiele geben wird.»Ein völkerverbindendes Fest? Niemals!Und es taten sich immer wieder neue Gefahren auf. Nicht nur Hitze, so schrieb das Magazin «Focus» am 10. Juni, könnte zum Problem werden. «Auch Gewitter dürften den Turnieralltag massiv beeinflussen.» Vor allem in den USA drohten an mehreren Spielorten heftige Gewitterzellen und Starkregen. Was harmlos klinge, könne wegen amerikanischer Vorschriften über Spielabbrüche «den Spielplan sprengen».Die deutsche Zeitung «Welt» wusste noch am Tag des WM-Anpfiffs vom 11. Juni ganz sicher, dass diese WM niemals «zu einem weltoffenen und völkerverbindenden Fest» werde. Sie sei das Ergebnis einer «dramatischen Fehlentwicklung». Bei den meisten Fussballfans herrsche «nur noch Wut, Entsetzen und Desinteresse», wegen «horrender Ticketpreise» und einem «nie da gewesenen WM-Stress» infolge grosser Distanzen, die diese WM ohnehin zur «klimaschädlichsten der bisherigen Geschichte» machten. Derzeit könne man sich «kaum etwas Schlimmeres vorstellen als eine WM in den von Trump nach Gutsherrenart geführten USA».Offensichtlich sehen das die über 4,5 Millionen Zuschauer anders, die allein bis zu den Gruppenspielen alle von den Medien ausgebreiteten Gefahren und Zumutungen auf sich genommen haben. Der Zuschauerschnitt von rund 65 000 ist sogar höher als 2018 in Russland und 2022 in Katar. Bis jetzt sieht es glücklicherweise danach aus, als würde sich an diesem Turnier vor allem eines bestätigen: Journalisten haben die Tendenz, ihre eigenen Ängste und Ressentiments mit gesamtgesellschaftlichen Gefühlen zu verwechseln.WM 2014 in Brasilien: Überleben in der TouristenhölleDas Bedürfnis, jede WM vorsorglich zur schlechtesten aller Zeiten zu erklären, ist schon fast ein journalistisches Ritual. Gründe findet man immer. Letztes Mal in Katar waren es die gekühlten Stadien, die inzwischen schon wieder vergessenen Menschenrechte und der Gastgeber, der fussballerisch wenig zu bieten hatte. 2014 war es die vermeintliche «Touristenhölle» Brasilien, in der Fans statt ausgelassener Feiern eher «ihr blaues Wunder» erleben würden (so das Wirtschaftsmagazin «Cash»). In Erinnerung blieben den Fans wohl eher grandiose Spiele wie das 7:1 der deutschen Nationalelf gegen Brasilien als blaue Wunder.Im Vorfeld dieser WM trieben es die medialen Unkenrufer allerdings derart bunt, dass sich kürzlich selbst die eher nüchterne SRF-«Tagesschau» über sie mokierte. Um die Diskrepanz zwischen Prognosen und Realität zu erklären, zog die «Tagesschau» mit Siegfried Nagel extra einen Professor für Sportsoziologie bei. Menschen, so erklärte dieser, neigten dazu, zunächst Kritik zu üben. Aber wenn es dann mit dem Beginn der Spiele emotional werde, «wollen sie trotzdem diese Emotionen miterleben».Wohl wahr – wobei unter diesen Menschen besonders viele Medienmenschen sein dürften.Passend zum Artikel