KommentarFussball-WM: Wenn der Ball rollt, rückt alles andere in den HintergrundAm Donnerstag beginnt der grösste Sportanlass der Welt in den USA, Kanada und Mexiko. Die WM ist von Problemen und Kritik belastet. Doch die globale Faszination wird dem Fussball auch an der WM zum Triumph verhelfen: Er verbindet Menschen wie wenig anderes.09.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAch, die Fussball-WM. Manchen Zeitgenossen dürfte ein matter Seufzer entfahren, wenn schon bald das grösste Sportereignis der Welt während über fünf Wochen den Globus in Atem hält. Schon seit Monaten überschlagen sich die Nachrichten von überrissenen Ticketpreisen, Problemen mit der Sicherheit oder raffgierigen Veranstaltern. 200 Dollar für einen Parkplatz beim Stadion? Unerhört. Gar nicht zu reden von Politikern wie Amerikas Präsidenten Donald Trump, die sich im Licht der Aufmerksamkeit sonnen sowie Applaus und Wählergunst erheischen wollen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mancher erklärt, er wolle wegschauen, wenn das Turnier beginne. Nur: Wer auf diese Weise ein wirkungsvolles Zeichen setzen will, wird scheitern.Momente, die sich von Business, Politik und Ideologie befreienDenn spätestens wenn der Schiedsrichter in der Ciudad de México das Eröffnungsspiel zwischen dem Co-Gastgeber Mexiko und Südafrika anpfeift, wird ab der ersten Ballberührung vieles von dem in den Hintergrund rücken, was den gigantomanischen Mega-Event mit Dégoût umwölken mag. Rollt der Ball, kann ihn kein Präsident ins Tor lenken, kein Geldbündel vermag seine Richtung zu ändern, und auch keine militärische Intervention dürfte die Flugbahn des Balls stören. Der Ball gehört den Spielern. Und ist er freigegeben, schaut die ganze Welt fasziniert zu.Die gewaltige Wirkkraft des Fussballs wird auch an dieser WM in den Spielen viele Momente hervorbringen, die sich von schweren Belastungen durch Business, Politik und Ideologie befreien. Das bedeutet nicht, dass die WM nichts zu tun hat mit Geldmacherei, Gewalt oder anderen Hässlichkeiten, welche die Welt zu bieten hat. Im Gegenteil. Gleichzeitig ist Fussball unpolitisch. Er kann Politik sichtbar machen, aber das Spiel an sich ist frei. Darin liegt seine Kraft.Wie diese Kraft auch an einer WM Wirkung entfalten kann, zeigte die letzte WM in Katar. Schon der Vorlauf des Turniers im autokratischen, steinreichen Kleinstaat am Persischen Golf war von heftiger Kritik begleitet worden, vor allem aus Europa. Im Zentrum der Bedenken standen die unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Arbeitsmigranten für den Bau der Stadien schuften mussten, die fehlende Gleichberechtigung der Frauen war ebenso ein Thema wie die Diskriminierung von Schwulen und Lesben.Als der Fifa-Präsident Gianni Infantino das Turnier mit einer absurden Rede eröffnete, in der er sich selbst als Arbeitsmigranten, Schwulen, Araber, Afrikaner und einiges mehr bezeichnete, konnte sich Infantino seine Frivolitäten nur leisten, weil er sich der mächtigen Strahlkraft des Fussballspiels sicher sein durfte.Das Gleiche galt auch für Katars Emir Al Thani, der unter Infantinos Beifall Argentiniens Weltmeister Lionel Messi bei der Siegerehrung den Bischt umlegte, ein arabisches Symbol für Prestige und Macht. Die Botschaft: Auch das Oberhaupt der katarischen Herrscherfamilie wollte auf seine Art Weltmeister sein. Schliesslich haben Katar und der Emir das Ganze bezahlt und durchgeführt, entgegen aller Kritik und allen Unterstellungen.Wenige Minuten davor hatten anderthalb Milliarden Menschen eines der besten Finalspiele der WM-Geschichte miterlebt. Nach der Verlängerung stand es zwischen Argentinien und Frankreich 3:3, erst im Penaltyschiessen siegten die Südamerikaner. Was bis heute strahlt, sind die drei spektakulären Tore von Kylian Mbappé oder der entfesselte Lionel Messi, wie er seine Karriere krönte. Die Aufregung um den Goldsteak-Brater Nusret «Salt Bae» Gökce, der sich zur Selbstinszenierung aufs Feld geschlichen und Spieler bedrängt hatte, verblasste ebenso rasch als Fussnote wie die Bischt-Aktion des Emirs, die wiederum in westlichen Augen schal gewirkt haben mag. Geschenkt.Donald Trump, der Friedensstifter?So schien nach dem moralisch und politisch überfrachteten Turnier im Golfstaat in dreieinhalb Jahren eine WM ohne vergleichbaren Ballast bevorzustehen. Doch mit dem neuen US-Präsidenten Donald Trump veränderten sich die Vorzeichen. So wurden beispielsweise strenge Einreisehürden für WM-Besucher angekündigt. Weil demokratisch regierte Städte bei Protesten gegen die Grenzschutzbehörden ICE nicht nach seinem Gusto vorgingen, drohte Trump ihnen mit dem Entzug von Spielen. Trump attackierte den Co-Gastgeber Mexiko, das nichts gegen Drogenströme in die USA und gegen kriminelle Kartelle unternehme.Als schliesslich im Dezember in Washington die Gruppenauslosung durchgeführt wurde, schien sich die Aussicht auf ein Fussballfest ganz zu verfinstern. Infantino überreichte Trump mit schmeichlerischen Worten den neu geschaffenen «Fifa-Friedenspreis» in Gestalt einer goldenen Pokal-Trophäe mit Urkunde. Trump, der Friedensstifter?Über diese Frage darf bei Bedarf trefflich debattiert werden, mit Fussball im engeren Sinn hat sie freilich nichts zu tun. Infantinos bizarre Preisidee kann als nicht einmal ungeschicktes Appeasement in Richtung des amerikanischen Präsidenten verstanden werden, damit dieser das Geschäft nicht stören möge. Denn selbstverständlich geht es der Fifa um den Gewinn. 13 Milliarden Dollar würden umgesetzt, verkündete Infantino. Solche Zahlen beeindrucken auch Trump. Er hat zwar weder Interesse an noch Ahnung von Fussball. Aber Fussball muss etwas Grossartiges sein, wenn man mit diesem Sport aus Europa so grosse Geschäfte machen kann.Dass Fussball ein Geschäft ist, ist keine Neuigkeit. Ebenso wenig wie die Feststellung, dass es die Fifa wenig kümmert, ob ihr das Geld von Staatsfonds autokratischer Regime überwiesen wird oder von asiatischen Konzernen, die wenig Rücksicht nehmen auf Produktions- und Arbeitsbedingungen. Isolierte Kritik daran wirkt heuchlerisch: Kein westlicher Staat verzichtet auf Kontakte zu ebenjenen Regimen, kaum ein westlicher Grosskonzern kommt ohne asiatische Lieferketten aus. Wer die Fifa als singulären Bösewicht brandmarkt, muss einiges ausblenden.Positive Effekte des gigantischen Fifa-WachstumsDie Geldmaschinerie läuft im Fussball wie geschmiert. Die WM-Einnahmen werden 2026 gegenüber den 5,7 Milliarden in Katar mehr als verdoppelt, statt zuletzt 32 Nationalteams nehmen neu 48 Mannschaften teil, und die Anzahl der Spiele erhöht sich von 64 auf 104.Das gigantische Wachstum wird natürlich von kritischen Stimmen begleitet. Die Flut von Spielen mindere ihre Bedeutung, wird moniert. Auch leide der sportliche Wettbewerb, wenn fast ein Viertel aller Mitgliedsverbände teilnehme, die Gruppenspiele zu einer matten Vorqualifikation verkämen und das Turnier erst nach zwei Wochen ab den Sechzehntelfinals Fahrt aufnehme. Die Kritik kann der Wachstumslogik der Fifa allerdings nicht beikommen.Denn diese Logik gründet nicht nur im Wissen der Fifa-Führungsriege, dass sie sich so Macht und Einfluss sichert. Ein gerne unterschlagener Effekt des Wachstums besteht darin, dass nun auch die Menschen in einem winzigen Land wie Curaçao mit ihrem Team mitfiebern dürfen, wenn es an der WM auftritt. Umgekehrt lernt man bei Curaçaos Gruppengegner in Deutschland, dass sich der kleine Staat auf einer Karibikinsel befindet und so viele Einwohner hat wie Herne oder Heidelberg. Wer also die grosse Frage stellt, wem der Fussball gehöre, bekommt dank der Turniervergrösserung einen Hinweis: Er gehört auch Curaçao, nicht nur Deutschland.Die hohen Preise oder die Einreiserestriktionen verkleinern zwar den Kreis der Leute, die in den Stadien vor Ort dabei sein dürfen. Doch vor den Endgeräten können auf der ganzen Welt die Menschen von Klein bis Gross die Spiele mitverfolgen. Der Fussball gehört allen.In Europa werden möglicherweise nur wenige Menschen am 28. Juni nachts um halb zwei beim Match Usbekistan gegen die Demokratische Republik Kongo mitfiebern. In Usbekistan oder in Kongo aber wird die WM ebenso für Gesprächsstoff sorgen wie in Curaçao, den Kapverden, in Haiti oder eben in Deutschland und in der Schweiz. Es ist die Art von Gesprächsstoff, die die Menschen wie wenig anderes verbindet in einer Zeit, in der sonst allzu häufig Trennendes im Zentrum steht. Ein Abseits von Erling Haaland, ein mögliches Handspiel von Dayot Upamecano oder ein schönes Tor von Breel Embolo bieten über Schichten, Geschlechter oder Altersklassen hinweg die Gelegenheit, miteinander zu reden.So kann in den besten Momenten eine Fussball-WM global ein soziales Schmiermittel sein, das die Menschen zusammenbringt statt trennt. Man kann das im Grossen feststellen, wenn man sieht, dass die Auswahl der Islamischen Republik Iran in den USA spielen wird, obwohl zwischen Amerika und Iran Krieg herrscht. Man kann das aber auch im Kleinen erleben, wenn die Mutter dem Sohn beim Zubettgehen nochmals erklärt, dass es nicht so schlimm ist, wenn die Schweiz unter den Tränen von Granit Xhaka im Halbfinal ausgeschieden sein wird.Ach, die Fussball-WM. Sie wird grossartig.Passend zum Artikel