War da nicht was? Stürmten nicht vor wenigen Wochen erst Polizisten das Hauptquartier der größten türkischen Oppositionspartei CHP? War deren Vorsitzender nicht zuvor per Gerichtsurteil abgesetzt worden? Und sitzt der gewählte Bürgermeister von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, nicht immer noch im Gefängnis?

Alles offenbar nicht mehr so wichtig, wenn sich in diesen Tagen in Ankara die westlichen Regierungschefs zum Nato-Gipfel zusammenfinden. Im Gegenteil: Er werde am Gipfel überhaupt nur »aus Respekt für Präsident Erdoğan« teilnehmen, erklärte etwa US-Präsident Donald Trump vor dem Gipfel. Der türkische Präsident sei ein »Freund« und ein »großartiger Anführer«. Nato-Generalsekretär Mark Rutte kündigte eine »beeindruckende Show« in Ankara an, er zeigte sich begeistert von den Fortschritten der heimischen Rüstungsindustrie. Und auch von Bundeskanzler Friedrich Merz hörte man im Vorfeld des Treffens wenig Kritisches zur Lage in der Türkei. Auf dem Gipfel in der Hauptstadt wollen die Anführer der freien Welt beraten, wie sie ihre Demokratien gegen zukünftige Angriffe schützen können – und ignorieren dabei weitgehend, dass die Demokratie im Gastgeberland in diesen Tagen Schritt für Schritt abgeschafft wird.