Der einstige Störenfried ist nun Gastgeber: Mit dem Nato-Gipfel in Ankara demonstriert die Türkei ihre neue MachtpositionNach jahrelangen Konfrontationen ist die Nato plötzlich voll des Lobes für die Türkei. Auch Ankara bekennt sich wieder stärker zum Bündnis. Hinter dem gegenseitigen Pragmatismus stehen geopolitische Verschiebungen.05.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenZwei, die sich mögen: Trump und Erdogan pflegen ein Vertrauensverhältnis.Kevin Lamarque / ReutersDer Nato-Generalsekretär Mark Rutte geriet ins Schwärmen, als er Ende Mai über den bevorstehenden Nato-Gipfel in Ankara sprach. «Die Türkei wird eine beeindruckende Show abliefern», sagte er vor der Presse. «Ein echter Paukenschlag.» Auch die türkische Rüstungsindustrie pries er. Sie sei von enormer Bedeutung und ein wahres Vorbild.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ruttes Enthusiasmus dürfte die Türkei freuen. Denn das Treffen am 7. und 8. Juli hat enorme strategische und symbolische Bedeutung für das Land: Der langjährige Störenfried richtet das prestigeträchtige Jahrestreffen des Verteidigungsbündnisses aus – und das ausgerechnet im Präsidentenpalast, den Recep Tayyip Erdogan für sich bauen liess. Für ihn ist das bereits ein Sieg.Viele Provokationen22 Jahre ist es her, dass die Türkei zum ersten und bisher einzigen Mal seit ihrem Beitritt ins Bündnis 1952 einen Nato-Gipfel durchführte. Danach bemühte sich Erdogan jahrelang vergeblich erneut darum. Die Bündnispartner verwehrten ihm den Wunsch, weil sich einerseits keiner von ihnen im Hause einer Regierung zeigen wollte, die zunehmend autokratisch agierte. Und weil die Türkei andererseits immer wieder Entscheidungen blockierte oder mit politischen Alleingängen querschoss.Die Liste der Provokationen ist lang: Ankara wehrte sich 2009 gegen die Ernennung des Dänen Anders Fogh Rasmussen zum Nato-Generalsekretär, weil eine dänische Zeitung Mohammed-Karikaturen gedruckt hatte. Es blockierte die Verteidigungspläne für Osteuropa und den Nato-Beitritt von Schweden und Finnland. Im Ukraine-Krieg trägt die Türkei die Sanktionen gegen Moskau nicht mit und fungiert als Drehscheibe, um diese zu umgehen. Der Kauf von russischen S-400-Raketenabwehrsystemen belastete das Verhältnis besonders. Die USA schlossen die Türkei daraufhin aus dem Programm für F-35-Kampfjets aus und schränkten zeitweise grössere Waffenlieferungen ein.Vergessen ist all das nicht. Aber die geopolitischen Vorzeichen haben sich verändert. Der Teilrückzug der USA innerhalb der Nato treibt die besorgten Europäer in die Arme der Türkei. Das Land verfügt über die zweitgrösste Armee des Bündnisses nach den USA und über kampferprobte Streitkräfte. Angesichts seiner geografischen Lage zwischen Europa, dem Nahen Osten und Asien dient es zudem als Puffer gegen Instabilität und Migration. Und mit seiner Kontrolle über die Bosporus- und die Dardanellen-Meerengen kann es Russlands maritime Schlagkraft im Schwarzen Meer begrenzen.Hinzu kommt die boomende türkische Rüstungsindustrie. War die Türkei vor drei Jahrzehnten noch fast vollständig von Rüstungsimporten abhängig, hat sich das Land zu einem globalen Exporteur entwickelt. Die Produktpalette reicht von Artilleriemunition über gepanzerte Fahrzeuge bis hin zu Drohnen, wo das Land weltweit marktführend ist. Mittlerweile geht der Löwenanteil der Rüstungsexporte an EU- und Nato-Staaten.Erdogans Aussage von vergangenem Jahr, dass die europäische Sicherheit ohne die Türkei nicht mehr gedacht werden könne, ist keine Übertreibung. Das Land hat sich zum sicherheitspolitischen Schlüsselpartner Europas entwickelt. Die Vorbehalte und die moralischen Belehrungen gegenüber Ankara sind realpolitischem Pragmatismus gewichen – mit spürbaren Folgen für die Türkei.Vergangenen Herbst haben die Europäer den Verkauf von Eurofighter-Kampfjets an Ankara freigegeben. Rutte kündigte jüngst an, beim Gipfeltreffen neue Rüstungsverträge im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar vorzustellen. Die türkische Industrie dürfte ihren Heimvorteil nutzen und sich einen beträchtlichen Anteil daran sichern. Ankara hofft aber vor allem auf ein Gastgeschenk der USA: F-35-Kampfjets. Letzte Woche hat der amerikanische Präsident Donald Trump der Türkei neue Hoffnungen auf eine Rückkehr in das Rüstungsprogramm der F-35-Kampfflugzeuge gemacht. Erdogan bittet schon lange darum.«Er ist ein starkes Nato-Mitglied. Ich werde wahrscheinlich etwas tun, das ihn sehr freuen wird», sagte Trump neben Rutte im Oval Office sitzend. Er schob nach, dass er nur aus Respekt vor Erdogan am Gipfel teilnehme. Dieser habe ihn am Telefon persönlich darum gebeten. Dass Trump, der immer wieder mit einem Nato-Austritt droht, nach Ankara reist, kann Erdogan als Erfolg verbuchen. Die gute Beziehung ins Weisse Haus stärkt seine Position innerhalb des Verteidigungsbündnisses weiter.Distanzierung von MoskauDer Pragmatismus der Nato-Staaten ist nicht einseitig. Auch Ankara beweist strategische Flexibilität, indem es eine Kehrtwende in Richtung Westen vollzieht: Statt zu blockieren und zu provozieren, präsentiert sich das Land als kooperativer Partner. Aussenminister Hakan Fidan bezeichnete die transatlantischen Beziehungen jüngst als eine strategische Notwendigkeit für sein Land und den Gipfel als historische Chance, um die Einheit der Nato zu stärken.Auch wenn man es nicht so genau weiss, deutet die zunehmende Distanzierung der Türkei von Moskau darauf hin, dass es Fidan durchaus ernst meint. Im Dezember 2025 soll Erdogan Putin gebeten haben, die gekauften S-400 zurückzunehmen. Auch das wird als Bekenntnis zum Westen betrachtet, wenngleich Moskau einen entsprechenden Bericht von «Bloomberg» dementierte.Der Iran-Krieg hat der Türkei den Wert der Nato vor Augen geführt. Im März schoss die Nato-Luftverteidigung vier iranische ballistische Raketen ab, die auf dem Weg in die Türkei waren. Das Bündnis verstärkte daraufhin die Luft- und Raketenabwehr im Südosten des Landes. Angesichts ihrer strategischen Lage nutzt die Nato bereits drei türkische Militärstützpunkte. Um die Abwehr die Südflanke besser zu schützen, investiert das Bündnis weiter in das Land. Unter anderem sollen bis 2028 eine multinationale Kommandozentrale von Nato-Bodentruppen in Adana und eine maritime Schaltstelle in Istanbul entstehen.Doch Erdogan will mehr: Die Nato soll ihn als unabdingbaren Pfeiler des Bündnisses anerkennen und ihn auch als solchen behandeln. Das bedeutet: keine Sanktionen mehr, Zugang zu allen Rüstungstöpfen und Respekt für seine Sicherheitsinteressen. Am Gipfeltreffen wird sich zeigen, wie stark die Bündnispartner der Türkei entgegenkommen.Passend zum Artikel
Mit dem Nato-Gipfel in Ankara demonstriert die Türkei ihre neue Machtposition
Nach jahrelangen Konfrontationen ist die Nato plötzlich voll des Lobes für die Türkei. Auch Ankara bekennt sich wieder stärker zum Bündnis. Hinter dem gegenseitigen Pragmatismus stehen geopolitische Verschiebungen.












