KommentarAm Gipfel in Ankara wird man das Trugbild einer neuen Nato inszenieren. Doch dahinter herrscht eine andere Realität. Amerika hat einen Bruch mit Europa vollzogen, der schwer zu kitten ist – ausgerechnet in einem Moment der wachsenden Bedrohungen.06.07.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZ77 Jahre nach ihrer Gründung durchläuft die Nato einen tiefgreifenden Wandel. Darüber herrscht unter allen Beobachtern Konsens. Doch in der Bewertung der Ursachen und Folgen gehen die Meinungen weit auseinander. Professionelle Schönfärber wie der Nato-Generalsekretär Mark Rutte erwecken den Eindruck, als sei das transatlantische Bündnis intakt und auf bestem Weg, mit den Bedrohungen der Zukunft fertigzuwerden. «Nato 3.0» lautet das Schlagwort dieser Berufsoptimisten, als ginge es um ein kleines Update zur Auffrischung: etwas mehr europäische Verantwortung, eine überfällige Entlastung der USA, aber insgesamt die gute alte Nato, in der alle am selben Strick ziehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So wird man sich auch am morgen beginnenden Gipfeltreffen in der Türkei eifrig um eine Fassade der Einigkeit bemühen. Es gehört zum Stil solcher Grossveranstaltungen, dass die meisten Teilnehmer ihre Aufgabe darin sehen, Meinungsverschiedenheiten nach aussen zu überkleistern, anstatt dem Publikum gegenüber ehrlich zu sein. Obendrein fliesst in der Ära Trump enorme Energie darein, den amerikanischen Präsidenten bei Laune zu halten. Am Gipfel der G-7 verbuchten es die «Trump-Sitter» bereits als Erfolg, dass der Gast aus Washington keinen Wutausbruch hatte und nicht vorzeitig abreiste.Die nüchterne Wahrheit lautet jedoch, dass die transatlantischen Beziehungen in ihrer tiefsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg stecken – und dies ausgerechnet in einer Zeit der akuten Bedrohung durch Russland, in der Amerikas Rückhalt wichtiger denn je wäre. In ihrer traditionellen Form ist die Nato am Ende.Europäischer Effort, amerikanischer RückzugGewiss, es wäre ein Zerrbild, diese Organisation nur noch als Zombie-Allianz einzustufen, wie dies vor einigen Monaten eine amerikanische Expertin tat. Wer das Glas mehr als halb voll sehen möchte, findet durchaus Argumente: Die Nato bleibt attraktiv; mit dem Beitritt Schwedens ist sie auf 32 Mitglieder gewachsen, und drei weitere Länder klopfen an die Tür. Soeben hat das Bündnis an seiner Ostflanke die neunte multinationale Battlegroup aktiviert und markiert damit gegenüber Russland Präsenz.Die europäischen Mitglieder nehmen ihre Verantwortung endlich ernster und haben die Verteidigungsausgaben im vergangenen Jahr um 20 Prozent erhöht. Diese könnten bis 2030 einen Umfang von jährlich 800 Milliarden Euro erreichen, inflationsbereinigt mehr als doppelt so viel wie ein Jahrzehnt zuvor. Besonders eindrücklich ist die Nachrüstung Deutschlands: Berlin will den neuen Nato-Zielwert – Militärausgaben in der Höhe von mindestens 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung – bereits 2029 erreichen, sechs Jahre früher als gefordert.Optimisten sehen dies als Beweis dafür, dass die Nato nicht tot ist, sondern einen überfälligen Wandel durchmacht, mit Amerika als Partner, der nicht mehr die Hauptlast beim Schutz Europas tragen muss. Doch diese Sichtweise betrachtet die transatlantischen Streitereien allzu simpel als eine Frage der fairen Lastenteilung – und damit als ein gut lösbares Problem. Vor ein paar Jahren war dies noch zutreffend, aber heute nicht mehr. Der Regierung Trump geht es nicht mehr um «burden sharing», sondern um «burden shedding»: Sie will die Bürde der Mitverantwortung für Europa so weit wie möglich abwerfen, ohne viel Rücksicht auf die hiesige Sicherheitslage.Das Pentagon hat den europäischen Partnern Ende Mai in einem geheimen, aber durchgesickerten Papier angekündigt, dass die Nato in einem Kriegsfall mit deutlich weniger militärischen Mitteln der USA auskommen müsse. Auf der amerikanischen Streichliste stehen jedes dritte Kampfflugzeug, die Hälfte der Marine-Mittel und sämtliche Langstrecken-Aufklärungsdrohnen.Die Europäer müssen diese Lücken nun selbst füllen. Sie stehen dabei vor dem doppelten Problem, dass sie dafür Jahre benötigen und keine Planungssicherheit haben. Die Sprunghaftigkeit der USA verunmöglicht ein berechenbares Prozedere bei der Verschiebung von Aufgaben innerhalb der Allianz. Nicht einmal der Nato-Musterschüler Polen, der gemessen an der Wirtschaftsleistung von allen Mitgliedern am meisten für Verteidigung aufwendet, bleibt von dieser Chaos-Politik verschont. Aus heiterem Himmel sagte das Pentagon im Mai die bereits angelaufene Verlegung einer Brigade nach Polen ab. Auch wenn Washington seither Ersatz versprochen hat, ist die entstandene Verwirrung noch immer nicht überwunden.Jedes Bündnis braucht gemeinsame InteressenTrump-Verklärer geben sich von solchen Turbulenzen unbeeindruckt. Disruption sei zwangsläufig ein holpriger Prozess; dafür entstehe nun etwas Neues, Dauerhaftes, wird beschwichtigt. Doch wird dieses Neue noch ein transatlantisches Bündnis sein? Selbst wenn man das Argument akzeptiert, dass die Europäer nur mit dem Holzhammer zu Militärreformen gezwungen werden könnten, bleibt ein fundamentales Problem: Anders als früher ist die Nato in der Ära Trump nicht mehr ein von gemeinsamen Werten und Interessen getragenes Bündnis.Unter Trump haben sich die USA von der Idee einer liberalen Weltordnung abgewandt. Die Überzeugung, dass freie Märkte, die weltweite Verteidigung der Demokratie, das Völkerrecht und von liberalen Ideen inspirierte globale Institutionen auch Amerika nützen, ist dem Weissen Haus fremd. Bündnisse können zwar auch ohne gemeinsame Wertebasis funktionieren, wie die Geschichte zeigt. Aber eine unabdingbare Voraussetzung sind gemeinsame Interessen. Daran herrscht zwischen Europa und Amerika heute ein eklatanter Mangel. Ein transatlantischer Konsens über die zentralen strategischen Herausforderungen der Gegenwart fehlt.Bereits beim Grundgedanken eines Bündnisses hakt es: Trump betrachtet Allianzen als Instrumente, mit denen die USA übervorteilt werden. Wahrheitswidrig behauptet er kurz vor dem Gipfeltreffen, dass Amerika aus der Nato keinerlei Nutzen ziehe. Regelmässig verunglimpft er sie als Papiertiger und untergräbt so ihre Glaubwürdigkeit. Die von allen seinen Vorgängern seit dem Zweiten Weltkrieg gehegte Überzeugung, dass Europas Sicherheit und Stabilität zu den amerikanischen Kerninteressen zählen, weist Trump zurück. So hat er auch keinerlei Skrupel, einen Handelskonflikt mit Europa vom Zaun zu brechen.Während die übrigen Nato-Länder Russland als Bedrohung einstufen, umschmeichelt er das Putin-Regime und hat die Militärhilfe an die Ukraine gestoppt. Obwohl er von den Europäern mehr Investitionen in Rüstungsgüter fordert, steht seine Regierung beim Export von Flugabwehrraketen und Marschflugkörpern auf die Bremse. Eine Kluft zeigt sich auch in der Iran-Frage. Während der deutsche Kanzler Friedrich Merz taktisch ungeschickt, aber inhaltlich korrekt das Fehlen einer überzeugenden Iran-Strategie kritisiert hat, machte Washington diesen Schauplatz in den vergangenen Monaten zur Priorität. Eine der Nebenfolgen ist, dass dabei viel Munition verschossen wurde, die sich die Europäer lieber zur Abschreckung Russlands und zum Schutz der Ukraine gewünscht hätten.Hinzu kommt der wohl hässlichste Streit zwischen den «Partnern», jener um Grönland. Dass die Trump-Regierung unverfroren Ansprüche auf Territorium eines Nato-Verbündeten erhob und davon bis heute nicht ablässt, hat das Vertrauen der Europäer in diese Administration unwiderruflich zerstört. Vor diesem Hintergrund ist es realitätsfern, zu glauben, dass in einem kriegerischen Konflikt mit Russland Verlass auf Washingtons Bündnistreue wäre. Dem amerikanischen Versprechen, für Europa wenigstens die nukleare Abschreckung sicherzustellen, fehlt die nötige Glaubwürdigkeit.Die Nato wird europäisiertWas kann der Gipfel von Ankara in dieser Lage überhaupt bewirken? Im Idealfall nähern sich die strategischen Einschätzungen etwas an, aber zu grossen Hoffnungen besteht kein Anlass. Bei der geplanten Aufstockung der Militärhilfe an die Ukraine – die Rede ist von 70 Milliarden Euro pro Jahr – werden sich die USA drücken. Der Niedergang der Nato ist allerdings bereits so weit fortgeschritten, dass die wichtigsten Weichenstellungen ohnehin nicht mehr an solchen Gipfeln geschehen. Entscheidender ist, inwieweit sich die Europäer auf einen eigenen Plan für ihre Sicherheit einigen.Die Nato wird nicht untergehen, aber das «nordatlantische» Gen in ihrer DNA verliert an Bedeutung. Die Allianz wird zwangsläufig europäischer werden. Amerika bleibt ein Partner, allein schon wegen der engen Handelsbeziehungen, aber die Zeiten einer verlässlichen amerikanischen Sicherheitsgarantie sind vorbei. Sie werden nach Trump kaum zurückkehren. Zugleich weiss niemand, ob eine europäisierte Nato ohne den Kitt amerikanischer Führungsstärke wirklich funktionieren kann. Mit höheren Militärbudgets wird Europa nicht automatisch handlungsfähig.So drohen dem Kontinent jahrelange Anpassungen und damit eine Periode der Unsicherheit, die ein Aggressor wie Putin ausnützen könnte. Der grösste Lichtblick kommt ausgerechnet von jenem Land, das am meisten zum Schutz Europas leistet und trotzdem als Mitglied der Nato unerwünscht ist: der Ukraine. Sie hält Russland stand und verschafft damit dem Rest Europas wertvolle Zeit zur Nachrüstung. Zugleich weist die waffentechnische Revolution der Ukrainer den Europäern den Weg: Längst geht die Militärhilfe in beide Richtungen; die Ukraine wird zum begehrten Partner in der Rüstungszusammenarbeit. Erfolgreich kann die neue, europäische Nato daher nur mit dem Bollwerk Ukraine werden.Passend zum Artikel
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