Nato-Gipfel mit Trump und Erdogan – so haben sich die Europäer vorbereitet, um einen Eklat zu verhindernGrönland-Krise, Iran-Krieg, US-Teilrückzug: Die Verteidigungsallianz hat turbulente Monate hinter sich. Nun steht ein entscheidendes Treffen an.06.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer amerikanische Präsident Donald Trump und der Nato-Generalsekretär Mark Rutte bei einem Treffen im Weissen Haus im Juni. Nun treffen sie bereits wieder aufeinander, dieses Mal in der Türkei.Evan Vucci / ReutersWie läuft der Nato-Gipfel ab, und wer nimmt daran teil?Es ist das 36. Gipfeltreffen in der 77-jährigen Geschichte der Nato – zum zweiten Mal findet der Anlass in der Türkei statt. Sämtliche Staats- und Regierungschefs der 32 Mitgliedsländer werden zum zweitägigen Treffen in Ankara erwartet, also auch der amerikanische Präsident Donald Trump. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski sowie der EU-Rats-Chef António Costa reisen ebenfalls an. Der Dienstag steht im Zeichen einer internationalen Rüstungsmesse und eines Galadinners, das eigentliche Arbeitstreffen steht am Mittwochmorgen auf dem Programm. Die Verbündeten wollen sich auf eine Schlusserklärung einigen, die am Mittwochnachmittag veröffentlicht werden soll.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Welches sind die wichtigsten Themen?Am letztjährigen Gipfel setzten die Teilnehmer ein klares Zeichen: Die Verteidigungsausgaben sollen bis 2035 mindestens 5 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, davon 3,5 Prozent fürs Militär – auf Druck der USA bekannten sich in Den Haag alle Alliierten zu diesem ambitionierten Ziel. Dieses Jahr ist nun «Showtime», wie man im Brüsseler Nato-Hauptquartier frotzelt: Die europäischen Alliierten müssen glaubhaft aufzeigen, dass sie auf Kurs sind. Mehr Geld allein wird aber nicht reichen, es braucht auch die entsprechenden militärischen Fähigkeiten.Weil die USA erst kürzlich angekündigt haben, im Rahmen des «Nato Force Model» ihre Kräfte massiv zu reduzieren und zudem ihre Truppenpräsenz in Europa zu überprüfen, hat die Lastenverschiebung innerhalb der Nato grosse Dringlichkeit. Diese «Europäisierung» des Bündnisses soll gemäss vorläufigem Entwurf der Gipfelerklärung sogar explizit festgehalten werden. Zudem dürften am Gipfel neue Rüstungsverträge in Milliardenhöhe verkündet werden. Nicht zuletzt spielt die Ukraine-Unterstützung eine deutlich wichtigere Rolle als noch 2025.Was genau darf sich Kiew erhoffen?Die ukrainischen Erfolge auf dem Schlachtfeld haben bei den Nato-Partnern – inklusive der USA – für einen Stimmungswechsel gesorgt. Sie sehen, dass das Land das Blatt zu seinen Gunsten wenden kann, wenn es genügend Unterstützung erhält. Im aktuellsten Entwurf der Schlusserklärung ist der Ukraine ein ganzer Absatz gewidmet, während es letztes Jahr lediglich ein Satz war.In der Erklärung verpflichten sich die Verbündeten, Kiew für die Jahre 2026 und 2027 bilateral je mindestens 70 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Deutschland hat sich besonders für dieses Commitment eingesetzt. Die 30 Milliarden aus dem EU-Kredit sind dabei schon einberechnet, die restlichen 40 Milliarden für das laufende Jahr sind bereits grösstenteils aufgebracht. Bis zuletzt umstritten war, ob das Versprechen für zwei Jahre gelten soll – die Befürworter wollen damit dem Kreml signalisieren, dass sich ein Weiterkämpfen nicht lohnt und Russland eine Verhandlungslösung suchen muss.Dabei spielt auch hinein, dass 2027 in grossen Nato-Staaten wie Frankreich oder Polen Ukraine-skeptischere Parteien an die Macht kommen könnten. Im Erklärungsentwurf wird Russland erneut als «langfristige Bedrohung» für die euroatlantische Sicherheit genannt. Zu einer möglichen Nato-Mitgliedschaft der Ukraine gibt es hingegen keine Neuigkeiten: Die Formel, die 2024 beim letzten Nato-Gipfel mit Beteiligung von Joe Biden gewählt wurde («unumkehrbarer Weg»), trägt die Trump-Administration weiterhin nicht mit – selbst wenn es schon damals eine hohle Phrase war.Welche Rolle spielt der Iran-Krieg?Obwohl das Nato-Territorium nicht direkt betroffen war und sich keine europäischen Armeen an den amerikanisch-israelischen Luftangriffen beteiligten, sorgte der Iran-Krieg für grosse Verstimmungen zwischen den USA und Europa. Trump warf den Verbündeten mangelnde Solidarität vor. Entsprechend kommt man auch am Nato-Gipfel nicht um das Thema herum. Die Allianz wird voraussichtlich fordern, dass Iran keine Atomwaffen erwerben darf und die Strasse von Hormuz passierbar sein muss. Die internationale Militärmission, die gestartet werden soll, sobald es die Umstände erlauben, wird jedoch nicht unter Nato-Flagge laufen. Im Lead sind Frankreich und Grossbritannien.Werden sich die USA explizit zur Nato bekennen?Diese Frage hätte noch vor zehn Jahren kaum jemand gestellt. Seit Trumps erster Präsidentschaft ist das amerikanische Bekenntnis zur Verteidigungsallianz aber nicht mehr selbstverständlich. Die Grönland-Krise, der Iran-Krieg und der Abzug von militärischen Fähigkeiten aus dem «Nato Force Model» haben bei den Europäern in letzter Zeit für zusätzliche Verunsicherung gesorgt.Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass die 32 Alliierten in Ankara die Pflicht zum gegenseitigen Beistand prominent und schriftlich bekräftigen werden. Auch der amerikanische Nato-Botschafter versuchte letzte Woche, die Wogen zu glätten. «Die USA sind stolzes Nato-Mitglied, die USA gehen nirgendwohin», sagte er – und erinnerte gleichzeitig daran, dass Washington auf dem Weg zu einer ausgeglicheneren Lastenverteilung einen noch grösseren Effort der Europäer erwarte.Warum ist es speziell, dass der Gipfel in Ankara stattfindet?Die Türkei hat ein ambivalentes Verhältnis zur Nato: Dass sie, trotz mehrmaligen Bitten, 22 Jahre auf die zweite Gipfelaustragung warten musste, ist kein Zufall. Für besondere Empörung hatte bei den Verbündeten gesorgt, dass sich das Land ausgerechnet beim Systemfeind Russland mit Raketenabwehrsystemen eindeckte.Gleichzeitig entwickelte sich die Türkei, die das zweitstärkste Heer aller Nato-Staaten und eine potente Rüstungsindustrie besitzt, gerade im Zuge der Spannungen in Nahost zu einem militärisch und geopolitisch unersetzlichen Akteur. Der Gastgeber Recep Tayyip Erdogan hat zudem einen guten Draht zu Donald Trump. Dieser sagte jüngst sogar, dass er nur aus Respekt gegenüber dem autokratisch regierenden Präsidenten überhaupt am Gipfel teilnehme.Wie gross ist die Gefahr eines Eklats?Bei Trump weiss man nie – ja, es würde überraschen, wenn er nicht die vor allem südeuropäischen Staaten angreifen würde, die sich in seinen Augen zu wenig solidarisch gezeigt haben und die bei den Verteidigungsausgaben weiterhin knausern. Inhaltlich erwarten Diplomaten im Brüsseler Hauptquartier aber keine grossen Verwerfungen, zumal sich das stärkere Engagement Europas insgesamt mit Zahlen und Fakten belegen lasse.Für jedes Szenario habe man eine glaubwürdige und selbstbewusste Antwort bereit, heisst es. Schliesslich hat auch Nato-Generalsekretär Mark Rutte ein eminentes Interesse an einem erfolgreichen Gipfel. Dass sich Rutte nicht zu schade ist, sich bis an die Schmerzgrenze bei Trump anzubiedern, ist hinlänglich bekannt. Die europäische Öffentlichkeit belächelt ihn dafür zuweilen. Bei der Nato in Brüssel wird ihm für seine Leistungen der vergangenen zwei Jahre aber flächendeckend Respekt gezollt.Passend zum Artikel
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