PfadnavigationHomePolitikAuslandVerteidigungTrump baut die Nato zur Geldmaschine um und Europa spielt mit – vorerstVon Stefanie Bolzen, Paul McLearyStand: 05:58 UhrLesedauer: 6 MinutenEin amerikanischer Helikopter vom Typ AH-64 ApacheQuelle: AFP/-Vor dem Nato-Gipfel machen die USA unter Trump mehr als deutlich, was sie von Europa erwarten: Aufträge für die amerikanische Rüstungsindustrie. Europäische Diplomaten sind nervös. Denn hinter den Forderungen steckt eine gefährliche Drohkulisse.Die Nato, eine über Generationen gewachsene transatlantische Allianz, die auf gemeinsamen demokratischen Werten fußt, beginnt sich zu verändern. US-Präsident Donald Trump will sie zu einem Modell umbauen, das er besser beherrscht: ein Geschäft. Der Amerikaner hat die Nato-Mitglieder dazu gebracht, ihre Wehretats drastisch aufzustocken und im großen Stil amerikanische Waffen für die Ukraine zu kaufen. Beim Nato-Gipfel in dieser Woche wird Trump die Europäer erneut daran erinnern, wie viel sie zu zahlen haben – für amerikanisches Militärgerät.Dieser Kurswechsel ist Ausdruck des zunehmend transaktionalen Auftretens der US-Regierung gegenüber ihren engsten Verbündeten. Und er droht Debatten zu verdrängen, die eigentlich auf die Tagesordnung gehören: über die Erweiterung des Bündnisses etwa oder über die Verteidigung der Nato-Ostflanke gegen Russland. Es ist eine Belastung für die Bänder, die einst die Allianz zusammenhielten. Übrig bleiben könnte ein Bündnis, das mehr von nationalen Interessen geformt wird als von gemeinsamen Idealen.Lesen Sie auch„Europa bleibt vorerst von den USA abhängig“, sagt ein europäischer Diplomat, der anonym bleiben wollte, um über das heikle Thema sprechen zu können. „Es liegt nicht in unserem Interesse, den Streit zu suchen. Aber wir müssen den Amerikanern unmissverständlich klarmachen, dass Europa keine Selbstverständlichkeit ist – dass auch wir Interessen haben.“Matt Whitaker, US-Botschafter bei der Nato, hatte zuletzt den wirtschaftlichen Charakter des diesjährigen Gipfels unterstrichen, der am 7. und 8. Juli im türkischen Ankara stattfindet. Washington „begrüßt die europäischen Anstrengungen, die Rüstungsproduktion hochzufahren und Vorschriften abzubauen“, sagte er vor Journalisten. „Was wir ausdrücklich nicht unterstützen, ist die protektionistische Rhetorik, die viele europäische Verteidigungsinitiativen begleitet. Das dürfte auf dem Gipfel zur Sprache kommen – und wir gehen davon aus, dass wir dort zu einer Verständigung finden.“Lesen Sie auchWhitaker lobte die Verbündeten dafür, im vergangenen Jahr knapp 120 Milliarden Dollar für Verteidigung zugesagt zu haben, davon die Hälfte für Ausrüstung „made in USA“. Das sei, so Whitaker, ein „guter Anfang“.Lesen Sie auchDie Summe liegt in der Tat deutlich über dem Vorjahreswert. Beim Gipfel im Jahr 2025 hatten sich die Verbündeten noch mit zusätzlichen 90 Milliarden Dollar gebrüstet. Die Aufrüstung ist die Antwort auf Trumps Forderung an die Nato-Staaten, ihre Verteidigungsausgaben von zwei auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen.Europa spielt mit, zumindest vorerstDer Präsident hat wiederholt damit gedroht, das Bündnis zu verlassen, sollten die Länder nicht liefern. Und sein Kriegsminister Pete Hegseth machte das Tempo der Lieferung amerikanischer Waffen an die Verbündeten direkt von ihren jeweiligen Verteidigungsausgaben abhängig.Zuerst kommt das Geschäft: Diese Haltung hat alle sechs Nato-Gipfel, die Trump in seinen beiden Amtszeiten bisher absolviert hat, mehr oder weniger geprägt. Aber so sichtbar wie dieses Mal war sie noch nie.Die Lage ist angespannt: Der Präsident liebäugelt mit der Annexion Grönlands, laviert bei der Unterstützung für die Ukraine und belegt Nato-Partner mit harten Strafzöllen. Der Ansatz folgt einem Standardmuster aus Trumps Repertoire: Die Welt soll in den USA einkaufen, ohne dass Washington im Gegenzug nennenswerte Handelsabkommen anbietet.Lesen Sie auchEuropa spielt mit, zumindest vorerst. Nato-Generalsekretär Mark Rutte hatte bei seinem Besuch in Washington im vergangenen Monat erklärt, europäische Investitionen sicherten 110.000 amerikanische Arbeitsplätze; Aufträge im Wert von 300 Milliarden Dollar seien in die US-Rüstungsindustrie geflossen. Und Großbritannien und Deutschland kündigten wenige Tage vor dem Gipfel an, künftig amerikanische Waffen in Lizenz auf ihrem Boden zu fertigen.„Der Generalsekretär will aus dem Gipfel eine Bühne für Geschäftsabschlüsse machen, auf der Unternehmen ihre Kooperationen verkünden“, sagt ein zweiter europäischer Diplomat. „Wenn Trump die Rüstungsindustrie-Veranstaltung als positiv wahrnimmt, dann sieht er vielleicht auch den Gipfel in Ankara – und hoffentlich die Nato insgesamt – in einem positiven Licht.“Lesen Sie auchEuropäische Regierungsvertreter geben zu, dass sich in Ankara nichts derart Spektakuläres inszenieren lassen werde wie beim Gipfel in Den Haag im Vorjahr. Sie verweisen aber auf geplante Deals in Milliardenhöhe und auf ein Rüstungsindustrie-Forum, das parallel zum Gipfel stattfinden soll. „Wir wollen rein, unsere Ausgaben- und Sicherheitszusagen abgeben und wieder raus, bevor etwas schiefgeht“, sagt ein dritter europäischer Diplomat. „Wir müssen das für unsere eigene Sicherheit tun, aber natürlich schwingt da noch etwas anderes mit.“Weißes Haus und Pentagon reagierten nicht auf eine Anfrage zu dem Thema. Trump selbst wetterte am Donnerstag gegen Länder wie Deutschland, die, so der Vorwurf, ihren Anteil an der finanziellen Belastung nicht trügen. „Die Vereinigten Staaten geben mit Abstand mehr Geld für die Nato aus als jedes andere Land, um diese Länder zu schützen, ohne daraus irgendeinen Nutzen zu ziehen“, schrieb er in den sozialen Medien.Europa fühlt sich überrumpeltDer Ukraine-Krieg und Russlands Provokationen halten Europa in Atem. Die Regierungschefs ringen um die Frage, wie sich der Kontinent verteidigen soll, wenn Amerika immer weniger bereit ist, Geld und Soldaten bereitzustellen. Besonders nervös machten sie in den vergangenen Monaten die angekündigten Truppenabzüge aus Deutschland und die Absage geplanter Stationierungen in Polen.Das Pentagon wird den Plan, Tomahawk-Marschflugkörper nach Deutschland zu verlegen, voraussichtlich fallen lassen – auch, weil man in Washington fürchtet, Moskau werde den Schritt als Eskalation deuten. Das Ministerium hat zudem zwei Referate, die traditionell für den Verkauf amerikanischen Militärgeräts ins Ausland zuständig sind, seiner Beschaffungs- und Instandhaltungsabteilung unterstellt. Der Schritt ist Teil einer breiteren Umstrukturierung, mit der Rüstungsexporte Vorrang bekommen und andere Länder zum Kauf amerikanischer Ausrüstung bewegt werden sollen.In den vergangenen Wochen hatte Washington immer deutlicher gemacht, wie tiefgreifend man das Bündnis umformen will. Kriegsminister Hegseth kanzelte die Nato-Verteidigungsminister im vergangenen Monat in Brüssel ab, attackierte Europas politische Kultur und warnte die Anwesenden, die USA überdächten ihre militärische Präsenz auf dem Kontinent. Das Pentagon habe zudem eine Überprüfung der in Europa stationierten Truppen eingeleitet, sagte er.Die Nato sei kaum mehr als ein „Papiertiger“, der in einer „ungesunden Abhängigkeit“ von den US-Streitkräften stehe, so der Pentagon-Chef weiter. Er beklagte, die Verbündeten hätten die USA im Krieg gegen den Iran nicht beigestanden. Allerdings war Europa über den Angriff zunächst weder vorab informiert noch um Hilfe gebeten worden. Erst, als Iran die Straße von Hormus sperrte, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öls fließen, riefen die USA ihre Partner zur Unterstützung auf. Dieser Text erschien zuerst bei der WELT-Partnerpublikation „Politico“. Übersetzt und redaktionell bearbeitet von Caroline Turzer.Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Meinungsstücke und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter „Politico“, Business Insider, WELT, „Bild“, Onet und Fakt – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: online, Print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.