KommentarAufrüsten wie von Donald Trump gefordert? Die Europäer schaffen es nichtAuch auf Druck der USA müssen die Nato-Staaten mehr Geld für Waffen ausgeben. Ereignisse der vergangenen Tage zeigen aber, dass das Vorhaben gefährdet ist – auch weil die Politik es nicht mit letzter Konsequenz anpackt.26.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSoldaten der Nato üben in Deutschland eine Flussüberquerung.Udo Gottschalk / ImagoEs scheint, als entglitte den europäischen Staaten gerade eines ihrer ganz grossen Vorhaben: die Aufrüstung. Bis ins Jahr 2035 sollten die Nato-Länder 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) für Waffen ausgeben. Darauf haben sie sich vor einem Jahr auch auf Druck des amerikanischen Präsidenten geeinigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Nato krebst zurückDoch der Kraftakt überfordert offenbar viele Länder. Das zeigen Meldungen der vergangenen Tage: Erstens ist Grossbritanniens Verteidigungsminister zurückgetreten, weil die Regierung angeblich zu wenig Geld für Waffen zur Verfügung stellt. Zweitens: Die Nato hat im Frühsommer verkündet, dass alle Mitgliedsländer im letzten Jahr 2 Prozent des BIP für die Verteidigung ausgegeben hätten. Aber das war ein Irrtum – Tschechien, Slowenien und Albanien haben das Ziel nicht erreicht, wie die Nato vor einer Woche mitteilte. Drittens hat der niederländische Rechnungshof vor kurzem moniert, dass die Regierung zu oft Rüstungsaufträge ohne Ausschreibung vergebe, und dies aus der Eile heraus, die Ausgabenziele möglichst rasch zu erreichen.Und auch ein Land wie Österreich tut sich schwer, nur schon das 2-Prozent-Ziel bis 2032 zu schaffen. Nun ist das Land zwar weder Nato-Mitglied, noch hängt die Sicherheit des Kontinents vom Bundesheer ab. Aber man fragt sich: Wenn Österreich als wohlhabendes Land Mühe bekundet, wie sieht es denn anderswo aus? Sind die Staaten wirklich in der Lage, die Rüstungsausgaben bis 2035 auf fast das Doppelte zu wuchten, und dies nicht einmalig, sondern dauerhaft?Grosse Zweifel sind angebracht. Aufrüsten ist das vielleicht komplexeste Vorhaben, das ein Staat überhaupt in Angriff nehmen kann. Immerhin erwirbt er nicht nur komplizierte Hightech, sondern auch Güter, in denen viele Rohwaren stecken. Solche Transaktionen sind selbst für Privatfirmen anspruchsvoll. Den Verwaltungen fehlt dafür weitgehend die Erfahrung.Der französische Rechnungshof ist besorgtUnd das sind erst die technischen Hindernisse, finanzielle kommen hinzu. Viele Staaten sind so stark verschuldet, dass sie sich die Aufrüstung nur schwerlich leisten können.Gerade am Donnerstag hat etwa der französische Rechnungshof warnend darauf hingewiesen, dass die Verschuldung des Landes ausser Kontrolle geraten könnte. Um weiter aufzurüsten, müsste Frankreich wohl die Steuern erhöhen oder Sozialausgaben kürzen, wie es die Niederlande wahrscheinlich machen werden. Im kommenden Jahr sind in Frankreich allerdings Wahlen. Die Regierung wird sich daher hüten, den Bürgern finanziell etwas zuzumuten.Zumal es immer wieder Ereignisse gibt, welche die Budgets zusätzlich belasten. Tschechien wird das 2-Prozent-Ziel auch 2026 verfehlen. Ein Grund sind die Ausgaben, die der Staat tätigte, um die hohen Energiepreise abzufedern. Diese waren die Folge des Iran-Krieges. Solche Vorkommnisse können sich jederzeit wieder ereignen.Das Ziel von 3,5 Prozent mag sinnvoll sein, weil die Politik solche Schwellenwerte benötigt, um ein Vorhaben voranzubringen. Vor der Frage, ob das Ziel auch realistisch sei, haben sich die Regierungen jedoch gedrückt. Was passiert etwa, wenn sich die Preise von Rüstungsgütern infolge der geballten Nachfrage verdoppeln? Die Staaten würden in diesem Fall 2035 für viel mehr Geld so viele Waffen bekommen wie momentan.Der Aktienkurs von Rheinmetall hat sich halbiertAn der Börse haben die Investoren diese Probleme bereits erkannt. Finanzmärkte neigen kurzfristig zu Übertreibungen, mittelfristig sind sie aber ein guter Indikator. Und er zeigt: Die Investoren zweifeln, dass den Staaten die Aufrüstung gelingt. Die Aktienkurse von Waffenherstellern sind jüngst fast alle gefallen, der Wert des Rheinmetall-Titels etwa hat sich seit dem Höchststand von vergangenem September halbiert.Das sollte den Ländern zu denken geben. Sie müssen die Aufrüstung besser koordinieren, ihre Verteidigungsstrategien schärfen und sie den Steuerzahlern glaubwürdiger erklären. Sonst werden sie am 3,5-Prozent-Ziel kolossal scheitern - und am Schluss könnte Deutschland, wo man die Verteidigung lange vernachlässigt hat, als Musterschüler dastehen. Die Regierung investiert gerade fleissig in Waffen.Passend zum Artikel
Die Nato-Länder müssen mehr für Verteidigung ausgeben, aber dafür fehlen Geld und Know-how
Auch auf Druck der USA müssen die Nato-Staaten mehr Geld für Waffen ausgeben. Ereignisse der vergangenen Tage zeigen aber, dass das Vorhaben gefährdet ist – auch weil die Politik es nicht mit letzter Konsequenz anpackt.






