Die Nato braucht in Europa eine neue Führungsnation – und schaut auf DeutschlandDie westliche Militärallianz steht nächste Woche in Ankara vor einem Gipfel des Übergangs. Die USA machen Ernst und ziehen einen Teil ihrer Kräfte ab. Europa muss nun drei Herausforderungen lösen.01.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEin deutscher Leopard-Kampfpanzer mit Drohnenschutz fährt während einer Übung im Juni 2026 durch einen Wald in Litauen.Dominic Nahr / NZZDie diplomatische Zurückhaltung gegenüber den Verbündeten gehörte lange zum Konsens in der amerikanischen Politik. Es war Präsident Barack Obama, der damit brach. In einem Artikel des Magazins «The Atlantic» liess er sich vor zehn Jahren mit dem Ausdruck «Trittbrettfahrer» («free riders») zitieren. Gemeint waren vor allem die europäischen Alliierten, Deutschland stand besonders im Fokus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sein Nachfolger Donald Trump wurde noch deutlicher. Er forderte schon während seiner ersten Amtszeit von Deutschland, einen «fairen Anteil» zu übernehmen, und kritisierte damit nicht nur die niedrigen Verteidigungsausgaben. Auch die militärische Zurückhaltung der Deutschen, ihre Abhängigkeit von Russland und der kaum verborgene Unwille bei der Modernisierung der Bundeswehr waren den Amerikanern ein grosses Ärgernis.Seit Bill Clinton (1994–2000) forderten alle amerikanischen Präsidenten von Deutschland als wirtschaftsstärkster Nation in Europa mehr Verantwortung in der Nato. Doch davon wollten die Bundesregierungen lange nichts wissen. Sie machten dafür unter anderem die Schuldenbremse, militärische Zurückhaltung und die enormen Kosten der Wiedervereinigung geltend.Ein grundsätzlicher Wandel in der NatoDie Zeit der Ausreden ist gezwungenermassen vorbei. Es findet gerade ein grundsätzlicher Wandel in der Nato statt. Die USA ziehen sich aus der alten Arbeitsteilung zurück: weniger amerikanische Fähigkeiten, mehr europäische Verantwortung. Die Allianz braucht in Europa eine neue Führungskraft – und schaut auf Deutschland.In der kommenden Woche trifft sich die Nato in Ankara zu ihrem nächsten Gipfel. Er wird mit Spannung erwartet, denn dann wird sich zeigen, ob die neue deutsche Rolle nur aus mehr Geld besteht oder ob Berlin auch dort führt, wo es für die Nato jetzt zählt: bei militärischen Fähigkeiten, Rüstung, Ukraine-Hilfe und Personal.Soldaten der Bundeswehr sichern während der Nato-Übung «Freedom Shield 26-I» in Litauen einen Waldabschnitt.Dominic Nahr / NZZDie USA setzen um, was sie den Verbündeten jahrelang angedroht haben. Sie priorisieren ihre strategischen, militärischen und finanziellen Kräfte neu und fokussieren sich nun mehr auf Asien und den Pazifik. Die Europäer stehen damit vor einer schicksalhaften Frage: Wollen sie sich weiter selbst behaupten, oder begeben sie sich in politische Abhängigkeit von anderen Mächten?Die Amerikaner sind nun konsequentDeutschland hat sich für Selbstbehauptung entschieden und investiert wie kein zweites Land in Europa in sein Militär. Aus der Sicht der Regierung in Berlin bleibt nichts anderes übrig, denn die Amerikaner machen Nägel mit Köpfen. Sie haben der Nato vor einigen Tagen eine Liste von militärischen Fähigkeiten übermittelt, die sie demnächst nicht mehr im Krisenfall zur Verfügung stellen wollen.Diese Liste ist als «geheim» eingestuft und wurde kürzlich von deutschen Medien veröffentlicht. Es muss daher mit Vorsicht betrachtet werden, was bekannt ist. Die Nato hat die Berichte nicht bestätigt.Danach wollen die USA vor allem ältere Tankflugzeuge vom Typ KC-135 von der Liste ihrer Verteidigungszusagen nehmen, ebenso Kampfjets der Typen F-15 Eagle und F-16, Langstreckenaufklärungsdrohnen, einen Flugzeugträgerverband, Luftverteidigungsschiffe (Aegis-Kreuzer), U-Boote und Seefernaufklärer vom Typ P-8A.Im Schnitt reduzieren die Amerikaner ihre zugesagten Beiträge zu den Nato-Verteidigungsplänen den veröffentlichten Angaben gemäss um gut ein Drittel. Sie halten also grundsätzlich an ihrer Unterstützung in Europa fest, aber nicht mehr im bisherigen Umfang.Die Liste ist deshalb so brisant, weil die Nato gerade erst ihre Verteidigungsplanung neu aufgestellt hat, auch als «Nato Force Model» bezeichnet. Sie legt fest, welches Land wie viele und welche Truppen im Krisen- und Kriegsfall stellt. Diese Pläne müssen nun angepasst werden. Andere Länder müssen den Rückzug der Amerikaner ausgleichen. Doch die Zeit drängt. Die USA wollen den Europäern keine Gnadenfrist geben und haben mit dem Abzug ihrer Waffen und Truppen bereits begonnen.Militärische Fähigkeiten: Die USA hinterlassen eine LückeDamit tritt die seit der russischen Invasion in die Ukraine laufende Transformation der Nato in die nächste Phase. Bisher forderten die USA von den Partnern vor allem mehr Geld. Nun erwarten sie darüber hinaus auch mehr militärische Fähigkeiten.Mehrere FPV-Drohnen simulieren während der Nato-Übung «Freedom Shield 26-I» einen Schwarmangriff.Dominic Nahr / NZZDas zeigte sich gerade erst wieder an dem Treffen der Nato-Verteidigungsminister Mitte Juni in Brüssel. Dort hatte der Pentagon-Chef Pete Hegseth eine weitere Überprüfung der amerikanischen Zusagen in der Nato innerhalb des nächsten halben Jahres angekündigt und sich erneut über die «Trittbrettfahrer» in der Allianz beklagt.Sein deutscher Amtskollege Boris Pistorius wehrte sich gegen den Vorwurf und verwies darauf, dass Deutschland seine Ausgaben für Verteidigung massiv erhöhe. Bis 2029 will das Land 3,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts für Kernverteidigung ausgeben. Weitere 1,5 Prozent sollen für «sicherheitsrelevante Aufgaben» dazukommen.Das wäre sechs Jahre früher, als es die Nato auf ihrem Gipfel 2025 in Den Haag vereinbart hat. Noch 2015, im Jahr nach der russischen Krim-Annexion, lagen die deutschen Verteidigungsausgaben bei knapp 35 Milliarden Euro. Das entsprach historisch niedrigen 1,2 Prozent der damaligen jährlichen Wirtschaftsleistung. 2029 werden sie bei etwa 153 Milliarden Euro liegen.Respekt für Deutschlands Engagement in LitauenDeutschland, so ist im Nato-Hauptquartier zu vernehmen, werde selbst von den USA nicht mehr als Bremser wahrgenommen, sondern zunehmend als einer der Staaten, die die neue Lastenteilung ermöglichen sollen. Diese veränderte Wahrnehmung hat neben den deutlich gestiegenen Verteidigungsausgaben vor allem einen Grund: die Litauen-Brigade.Die Zusage der Bundesregierung, einen Kampfverband mit 5000 Soldaten fest im Baltikum zu stationieren, hat der Bundesrepublik bei den meisten Nato-Staaten Respekt verschafft. Kein anderes Land hat sich zu einer Massnahme wie dieser entschlossen.Rüstung: Es geht zu langsam und zu schwerfälligDoch wer wie Deutschland zusätzliche militärische Fähigkeiten übernehmen soll, muss sie auch haben. Damit führt die Frage nach der deutschen Führungsrolle zu einem zweiten wichtigen Thema des Gipfels in Ankara: der Rüstungsindustrie.Ein gepanzertes Fahrzeug der Bundeswehr steht während der Nato-Übung «Freedom Shield 26-I» Anfang Juni zwischen Bäumen im Wald.Dominic Nahr / NZZNach wie vor geht die Beschaffung neuer Waffen und Ausrüstung in Deutschland zu langsam. Noch immer erweisen sich Gesetze und Regelungen als Bremsklötze. Und noch immer hapert es an der Lieferfähigkeit der deutschen Rüstungsunternehmen. Viele dieser Firmen gelten in der Nato als zu schwerfällig und zu langsam.Das gilt auch für andere Länder. Im Nato-Hauptquartier herrscht generell Unzufriedenheit mit dem Tempo bei der Aufrüstung. Selbst in den USA hat Präsident Trump wiederholt seinen Unmut über die Rüstungsindustrie geäussert, weil sie zu wenig und zu langsam produziere. In Ankara wird nun erstmals ein «Defence Industry Forum» in den Gipfel integriert. Die Rüstungsunternehmen, heisst es, seien Teil der Verteidigung und damit der Allianz. Es brauche ein besseres Miteinander von Politik, Militär und Industrie.Das gilt auch für Deutschland. Wenn das Land künftig eine militärische Führungsrolle in Europa haben soll, dann muss auch seine Rüstungsindustrie schneller liefern können. Doch die Produktion von Luftverteidigungssystemen vom Typ Iris-T, von Lenkflugkörpern für das Patriot-System, von Panzern und Drohnen, von Digitaltechnik und KI-Systemen, von Marschflugkörpern und weitreichenden Raketen, von Schiffen und U-Booten, sie dauert noch immer zu lange.Ein mit Tarnnetzen bedeckter Beobachtungsposten während der Nato-Übung «Freedom Shield 26-I». Tarnung und Verschleierung gehören zu den zentralen Elementen heutiger Gefechtsführung.Dominic Nahr / NZZViele dieser Systeme werden 2029 noch nicht einsatzfähig sein. Dabei ist es jenes Jahr, das in der Nato immer wieder als Zeitpunkt eines möglichen russischen Angriffs genannt wird. Dann müsse die Allianz kriegsbereit sein, heisst es.Die USA wollen, dass die Europäer endgültig selbst die Verantwortung für ihre konventionelle Verteidigung tragen. Dabei drücken sie aufs Tempo. Bei einigen Mitgliedern ist das angekommen. Die baltischen Staaten und Polen gehören ebenso dazu wie Deutschland. Sie befinden sich auf gutem Weg, das Fünf-Prozent-Ziel bald zu erfüllen. Andere Länder wie Frankreich und Grossbritannien hinken hinterher. Spanien wiederum weigert sich komplett, das Fünf-Prozent-Ziel zu erreichen.Personal: Skepsis gegenüber Deutschlands WehrmodellDoch selbst wenn genügend Geld vorhanden wäre und die Industrie schneller würde, bleibt eine dritte Engstelle: Personal. Das gilt besonders für Deutschland. Verteidigungsminister Pistorius und sein Umfeld lassen nichts unversucht, um ihr Konzept der freiwilligen Wehrpflicht in der Öffentlichkeit als Erfolg darzustellen. Regelmässig informieren sie darüber, wie viele Fragebögen der Wehrpflichtigen eingegangen seien und wie viele junge Menschen sich zum Dienst bereit erklären würden.Nicht nur in deutschen Fachkreisen, sondern auch in Brüssel werden diese Erfolgsmeldungen jedoch mit Skepsis betrachtet. Die Zahl verschickter und zurückgesandter Fragebögen erlaube nur begrenzte Rückschlüsse darauf, ob die Bundeswehr langfristig ihr Personalsoll von 260 000 aktiven Soldaten und 200 000 Reservisten erreiche, heisst es. Derzeit hat die Bundeswehr etwa 186 000 aktive Soldaten und zirka 60 000 aktive (also theoretisch einsetzbare) Reservisten.Ukraine: 140 Milliarden Euro für dieses und nächstes JahrSeit Wochen arbeitet das Nato-Hauptquartier an einer Abschlusserklärung für den Gipfel, mit der alle 32 Mitgliedsstaaten einverstanden sein können. Weitgehend Konsens, so hiess es Ende Juni, sei die fortgesetzte Unterstützung der Ukraine. 2026 und 2027 will das Bündnis jeweils 40 Milliarden Dollar für Waffen, Munition und andere Militärhilfen ausgeben. Weitere 60 Milliarden kommen aus der EU.Ein Kampfpanzer Leopard 2 der Bundeswehr fährt während einer Übung in Litauen durch sandiges Gelände und wirbelt Staub auf.Dominic Nahr / NZZAuf Deutschland richten sich viele Hoffnungen in der Nato. Doch ob daraus auch militärische Führung wird, entscheidet sich daran, ob es der Bundesrepublik gelingt, schneller aufzurüsten und genügend Soldaten zu gewinnen.Ankara dürfte ein Gipfeltreffen des Übergangs werden. Die Amerikaner bleiben voraussichtlich Teil der Allianz. Doch für ihre konventionelle Verteidigung müssen die Europäer künftig selbst sorgen. Nun blickt der Kontinent auf Deutschland.Passend zum Artikel
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