Der globale Machtkampf erfordert eine Neubestimmung der amerikanischen AllianzenDie USA wenden sich stärker Asien zu, die Zukunft der Nato ist ungewiss. Europa müsste damit eigentlich umgehen können.Ulrich Speck10.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDonald Trump am Nato-Gipfel in Den Haag im Juni 2025.Yves Herman / ReutersDie Zukunft der Nato ist ungewiss. Das allerdings ist nichts Neues. Schon der Gründungskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, beschloss um 1960, sich Frankreich zuzuwenden. Das Motiv war nicht nur die Aussöhnung mit einem wichtigen Nachbarn. Adenauer war auch von der Sorge getrieben, die Amerikaner würden ihre Truppen bald aus Europa abziehen und Deutschland mit einem übermächtigen sowjetischen Imperium alleinlassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Er spricht vom Ärger auf amerikanischer Seite über die europäischen Trittbrettfahrer, welche die Kosten der Verteidigung auf Amerika abwälzten. Auf europäischer Seite herrschen derweil Misstrauen gegenüber der amerikanischen Grossmachtpolitik und die Befürchtung, sich auf Amerika nicht verlassen zu können.Wieder einmal spielen die USA mit dem Gedanken des Abzugs aus Europa. Und wieder einmal entwickeln sich in Europa Phantasien über eine autonome europäische Verteidigung.Und doch ist vieles anders als zu Zeiten des Kalten Krieges.Asien hat VorrangMoskau ist heute nicht mehr der zentrale Gegenpol der USA. Das ist längst China. Washington fokussiert seine Strategie heute daher weniger auf Europa denn auf Asien.Daraus folgt, dass Washington seine Aufmerksamkeit und seine Ressourcen stärker von Europa weg und nach Asien verlagert. Asiatische Verbündete werden wichtiger. Der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth hat jüngst am Shangri-La-Dialog in Singapur die asiatischen Alliierten gepriesen – und sie in einen Gegensatz zu den europäischen Alliierten gestellt: Die Europäer stünden für «Wunschdenken» und «utopischen Idealismus», für «Drama» und «Moralisieren». Die asiatischen Verbündeten hingegen verstünden die Realitäten von Machtpolitik und nationalem Interesse.Zugleich sagte Hegseth, Europa und die Nato hätten «einige wichtige Entscheidungen zu treffen». «Mehr dazu bald», fügte er ominös hinzu. Hegseth hat wohl auf den Nato-Gipfel in Ankara Anfang Juli verwiesen, zu dem sich Trump angekündigt hat.Klar ist mehr denn je: Asien steht im Fokus der Amerikaner, Europa kommt erst viel später. Der Iran-Krieg hat deutlich gemacht, dass auch der Nahe und der Mittlere Osten für die USA weiterhin eine hohe Priorität haben. Da der Krieg vermutlich mit einem Patt endet, dürfte die Auseinandersetzung mit Iran weiterhin erhebliche amerikanische Ressourcen in Anspruch nehmen. Zumal, wenn sich das Land künftig noch enger an China und Russland bindet.Europa wird sich um die eigene Sicherheit also selbst kümmern müssen. Die Ära, in der die USA die Verteidigung wohlhabender Länder sponserten, sei vorbei, sagte Hegseth in Singapur.Russland ist geschwächtDie zweite Veränderung zum Kalten Krieg ist die veränderte Machtbalance zwischen dem Westen und Russland. Aus amerikanischer Sicht ist Russland keine ernsthafte militärische Bedrohung mehr – jedenfalls auf der Ebene der konventionellen Verteidigung. Als Nuklearmacht wird Russland weiterhin ernst genommen.Doch der Wert der nuklearen Dimension von Macht hat in über vier Jahren Krieg in der Ukraine abgenommen. Die Ukraine demonstriert, wie eine rein konventionelle Macht dem nuklearen Russland die Stirn bietet. Auch die Sorge des Westens, Russland könnte die westliche militärische Unterstützung für die Ukraine mit einer nuklearen Eskalation beantworten, hat sich verflüchtigt.Hinzu kommt, dass Moskau anders als im Kalten Krieg nicht mehr die Hälfte Europas besetzt hält. Stattdessen sind viele der zuvor unterjochten Staaten prosperierende Mitglieder der Nato geworden – und sind fest entschlossen, Russlands erneutem Imperialismus die wachsende eigene Militärmacht entgegenzustellen.Der Krieg in der Ukraine hat Russland, das von Öl und Gas abhängig ist, wirtschaftlich weiter geschwächt. Und geopolitisch verliert Moskau weiter an Einfluss in Regionen, die es für seine Einflusssphären hält, etwa im Südkaukasus oder im Nahen Osten.Dieses geschwächte, aber nach wie vor regional bedrohliche Russland in Schach zu halten, ist nach Auffassung Washingtons weitgehend die Aufgabe der Europäer.Wandel der AllianzenVom Ende des Kalten Krieges bis zur russischen Invasion der Ukraine 2022 florierte die Globalisierung im Rahmen der Pax Americana. Die Aufrechterhaltung dieser Ordnung war für die USA ziemlich preisgünstig, da es keine ernsthaften Wettbewerber um die Weltmacht gab.Das hat sich geändert. China ist jetzt nach amerikanischer Diagnose militärisch annähernd gleich stark. Es arbeitet eng mit Russland und Nordkorea zusammen, um die Dominanz der USA und ihrer Alliierten zu brechen.Mit diesem Wandel geht eine Neubestimmung der amerikanischen Allianzen einher. Für drei Jahrzehnte waren sie eine an Bedeutung verlierende Reminiszenz an den Kalten Krieg. Im Hauptquartier der Nato in Brüssel zerbrach man sich den Kopf über eine neue Sinngebung für eine Allianz, die anachronistisch geworden zu sein schien.Die neuen Leitlinien AmerikasJetzt aber braucht Amerika wieder Mitstreiter. Die Kosten für die Aufrechterhaltung von Ordnung sind geradezu explodiert. Daraus destilliert der Chefstratege im Pentagon, Elbridge Colby, neue Leitlinien, die auch in Pete Hegseths Rede in Singapur aufschienen.Der neue Ansatz der amerikanischen Allianzpolitik lautet: «Weg von einem Modell der Abhängigkeit und hin zu einem Modell echter Partnerschaft.» Wenn Interessen sich überschneiden, «handeln wir zusammen mit zielgenauer Entschlossenheit», sagte Hegseth. Amerika brauche «Partner, nicht Protektorate», es gehe um «gemeinsame Verantwortung, nicht Abhängigkeit».Was Amerika anstrebe, sei eine «vorteilhafte und dauerhafte Machtbalance, in der kein Staat seine Hegemonie aufzwingen und die Sicherheit oder den Wohlstand Amerikas oder unserer Alliierten infrage stellen kann».Eine vorteilhafte Machtbalance jedoch erfordert Verbündete «mit wirklicher militärischer Stärke, einer wirklichen industriellen Kapazität und realer politischer Entschlossenheit», sagte Hegseth.Was Trump aus solchen Vorlagen macht, lässt sich allerdings kaum vorhersehen. Der anstehende Nato-Gipfel in Ankara im Juli dürfte wieder einmal Zündstoff bieten. Doch auch Trump bewegt sich innerhalb eines strukturellen Rahmens, dessen Logik er sich nicht völlig entziehen kann.Die neuen strategischen Leitlinien Amerikas, wie sie in der Hegseth-Rede in Singapur gezeichnet wurden, könnten sich auf Dauer als wirksamer erweisen als der Wutanfall eines die Eskalation nicht scheuenden Präsidenten.Passend zum Artikel
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