Als NATO-Generalsekretär Mark Rutte im April nach Ankara reiste, um den Gipfel der Allianz in der Türkei vorzubereiten, besuchte er das Rüstungsunternehmen Aselsan und pries die „Revolution“ der türkischen Rüstungsindustrie. Das ist eine der Botschaften, die Präsident Recep Tayyip Erdoğan kommende Woche als Gastgeber des Treffens vermitteln will. Deshalb findet parallel zum Gipfel ein hochkarätiges Rüstungsforum statt.Seine zweite Botschaft: Erdoğan bietet sich als Mittler zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dessen entfremdeten europäischen Verbündeten an. Beobachter erwarten eine „Erdoğan-Trump-Show“ in Ankara. Donald Trump hat schon verkündet, er nehme „aus Respekt für Präsident Recep Tayyip Erdoğan“ am NATO-Treffen teil. Die transatlantischen Spannungen haben den Wert der Türkei als Sicherheitspartner für Europa merklich gesteigert. Ankara hofft, dass das auch seiner aufstrebenden Rüstungsindustrie zugutekommt.„Der Gipfel wird ein Schaufenster für die neueste türkische Technologie. Viele Länder werden bilaterale Rüstungsdeals anstreben, um Trump glücklich zu machen“, sagt Riccardo Gasco von der Denkfabrik Istanpol. „Die Ambitionen der Türkei gehen über die Steigerung ihrer Waffenexporte hinaus. Sie will sich als langfristiger Industriepartner innerhalb des Verteidigungsökosystems der NATO positionieren.“Die Türkei will auf Platz zehn der Rüstungsexporteure vorrückenDas Land belegt derzeit Platz elf der weltweiten Rüstungsproduzenten. Deutschland ist auf Platz vier. Erdoğan hat das Ziel ausgegeben, Spanien von Platz zehn zu verdrängen. Längst gehören auch NATO-Staaten zu den Käufern und Kooperationspartnern: Spanien kauft das türkische Trainingskampfflugzeug Hürjet; Rumänien kauft militärische Patrouillenboote; Polen, Albanien und Kroatien haben Kampfdrohnen in Ankara bestellt. Das türkische Unternehmen Arca baut in Estland eine Fabrik für Artilleriemunition. Der führende türkische Drohnenhersteller Baykar hat mit dem italienischen Rüstungs- und Luftfahrtunternehmen Leonardo ein Joint Venture gegründet.Auch Deutschland zeigt Interesse. Erstmals entsandte das Verteidigungsministerium in Berlin in diesem Jahr eine Delegation unter Leitung des politischen Direktors zur Istanbuler Rüstungsmesse Saha. Mehr als 30 deutsche Unternehmen nahmen teil. Die Deutsch-Türkische Industrie- und Handelskammer plant eine Veranstaltung zu dem Thema. Der Leiter Burkhardt Hellemann berichtet von großem Interesse seitens des Ministeriums und von Unternehmen.Die K2-Kamikazedrohne der Rüstungsfirma Baykar auf der Rüstungsmesse Saha im Mai 2026 in IstanbulReuters„Die Türkei hat Produktionskapazitäten anzubieten, die erheblich sind, Komponenten, die erheblich sind“, sagt Nico Lange, Direktor des Instituts für Risikoanalysen und Internationale Sicherheit. „Da geht es nicht darum, dass man jetzt türkische Produkte kauft, sondern eher, dass türkische Unternehmen Zulieferer sind für Rüstungsunternehmen, die wachsen müssen in Deutschland und in Europa.“ Als Beispiele nennt Lange Sensoren, Antennen und andere Ausstattung für Drohnen. „Die Türkei hat einige große Rüstungsunternehmen, die in sehr hoher Qualität und hoher Stückzahl produzieren können.“„In der Türkei gehen die besten Leute in die Rüstung“Der türkische Rüstungsfachmann Özgür Ekşi, der die Website Turdef betreibt, erklärt das deutsche Interesse so: „Ganz Europa hat dasselbe Problem: Seine jungen Leute wollen nicht für die Rüstungsindustrie arbeiten. In der Türkei gehen die besten Leute in die Rüstungsindustrie.“ Begeisterung für Waffentechnik selbst unter Kindern und Jugendlichen ist Teil des türkischen Nationalismus, wie Erdoğan ihn seit Jahren propagiert. Selbst das Werbevideo des Präsidialamts für die Fußball-Nationalmannschaft kam nicht ohne Drohnen und Kriegsschiffe aus.Deutschland könne sich im Wettlauf gegen die russische Bedrohung Zeit erkaufen, wenn es die türkischen Produktionskapazitäten nutze, sagt Ekşi. In Diplomatenkreisen heißt es, vor allem im Segment der mittelschweren Drohnen und bei der Drohnenabwehr habe das Land etwas anzubieten. Auch beim Einsatz von Drohnenschwärmen gebe es Ansätze, die von europäischen Ländern aufmerksam beobachtet würden.Allerdings stoßen die türkischen Ambitionen an institutionelle Grenzen. Zwar ist das Land Teil des europäischen Pfeilers der NATO, der bei dem Gipfel gestärkt werden soll. Doch bei Initiativen der Europäischen Union wie dem Rüstungsfinanzierungsmechanismus SAFE ist die Türkei außen vor. Länder wie Frankreich, Zypern und Griechenland stehen einer Beteiligung des Landes kritisch gegenüber.Erdoğan verlangte am Montag ein Umdenken von der EU: „Als eines der Länder, die bei der Entwicklung der europäischen Säule des Bündnisses mitreden, wollen wir an allen Verteidigungs- und Sicherheitsinitiativen auf dem Kontinent beteiligt sein“, sagte er vor Abgeordneten der 32 NATO-Mitgliedstaaten.Riccardo Gasco von Istanpol hält die mangelnde Einbindung der Türkei für eine verpasste Chance. „SAFE hätte diesen wachsenden Verteidigungsbeziehungen einen institutionellen Rahmen geben können, der im Moment fehlt, wegen politischen Misstrauens, der Erosion von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und der Richtung, in die die Türkei innenpolitisch geht“.Moskau signalisiert mit Drohnenflügen seinen UnmutStattdessen setzt die Türkei nun auf bilaterale Kooperationen zwischen Unternehmen. Das geht selbst im türkeikritischen Frankreich, wie die jüngst geschlossene strategische Kooperation zwischen Baykar und dem französischen Hersteller Safran zeigt. Für ausländische Investitionen, Technologie- und Datentransfers brauchen allerdings auch Unternehmen Rechtssicherheit.Das ambivalente Verhältnis der Türkei zu Russland hat eine engere Zusammenarbeit lange erschwert. Inzwischen hat Ankara leichte Kurskorrekturen vorgenommen. Stichwort Energieabhängigkeit. Der russische Staatskonzern Rosatom baut in der Türkei das Atomkraftwerk Akkuyu, das er später auch betreiben soll. Frühere Pläne für ein weiteres russisches Kraftwerk scheint Ankara aber nicht mehr zu verfolgen.Das türkische Kampfflugzeug Kaan bei seinem Jungfernflug im Februar 2024Picture Alliance/AnadoluAuch ihre Abhängigkeit von russischem Gas hat die Türkei auf amerikanischen Druck hin reduziert. Ebenso wie den Reexport von Waren nach Russland, der über die Türkei lief, weil sich das Land als einziges NATO-Mitglied nicht an den Sanktionen gegen Russland beteiligt. Die stärkere Distanzierung von Moskau fällt der Türkei inzwischen leichter, weil Russland seinen Einfluss in den türkischen Nachbarländern Syrien und Armenien eingebüßt hat.Ab und zu signalisiert Moskau mit Drohnenflügen in den türkischen Luftraum oder Angriffen auf türkische Handelsschiffe im Schwarzen Meer seinen Unmut. Um Moskau nicht unnötig zu reizen, spricht Ankara über manche seiner Beiträge für die Ukraine nicht so laut. Zum Beispiel über das Kommandozentrum, das die Türkei im Rahmen der Koalition der Willigen für eine multilaterale Marinemission im Schwarzen Meer für eine Zeit nach einem Waffenstillstand eingerichtet hat. Oder über die Auslieferung türkischer Korvetten an die ukrainische Marine, die derzeit mit ukrainischer Besatzung im Marmarameer stationiert sind.Trump will Erdoğan „sehr glücklich“ machenManche NATO-Länder fordern von der Türkei eine klarere Positionierung. „Wenn die Türkei die Rüstungskooperation innerhalb der NATO insbesondere mit den europäischen Partnern vertiefen will, dann kann sie nicht gleichzeitig eine Rüstungskooperation mit Russland machen“, sagt Nico Lange.Die Beziehungen erreichten einen Tiefpunkt, als Erdoğan 2017 das russische Luftabwehrsystem S-400 anschaffen ließ. Die Vereinigten Staaten schlossen die Türkei daraufhin aus dem Programm für F-35-Kampfflugzeuge aus. Zudem verwehrte der Kongress in Washington den Verkauf von Triebwerken, welche die Türkei für ihr eigenes Kampfflugzeug Kaan braucht. Auf beiden Feldern gibt es nun Bewegung.Die Türkei hat angeboten, das S-400 an Russland zurückzugeben, aber Moskau lehnt das ab. Trump sagte jüngst über die F-35, er werde Erdoğan bei seinem Besuch in Ankara „sehr glücklich“ machen. Mit Blick auf die Triebwerke für das Kaan-Kampfflugzeug hat die amerikanische Regierung den Kongress gerade über Verkaufspläne im Wert von 700 Millionen Dollar informiert.Auch die Bundesregierung arbeitet daran, die Verteidigungskooperation mit der Türkei auszubauen. Gerade wurde eine Patriot-Einheit mit 150 Bundeswehrsoldaten zur Verstärkung der NATO-Flugabwehr in dem Land stationiert. „Es gibt eine ganze Reihe von strategischen Themen, wo die Türkei eine sehr große Rolle spielt“, sagt Lange. „Und das wird bei manchen in der NATO immer noch sehr unterschätzt.“So hat die Türkei nach den USA die zweitgrößte Truppenstärke in der Allianz. Der 1936 geschlossene Vertrag von Montreux gibt Ankara weitreichende Kontrollrechte über die Einfahrt von Kriegsschiffen ins Schwarze Meer. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine schloss sie die Dardanellen und den Bosporus für russische Kriegsschiffe. Auch für die künftige maritime Sicherheit im Schwarzen Meer ist die Türkei ein zentraler Akteur.Wegen ihrer geostrategischen Lage spielt die Türkei auch beim Thema Energiesicherheit eine wichtige Rolle für Europa. Das will Erdoğan auf dem Gipfel in der kommenden Woche mit Milliardenplänen für den Ausbau einer Pipeline zur Treibstoffversorgung von NATO-Truppen unterstreichen. Die bisherige NATO-Infrastruktur stammt aus dem Kalten Krieg, als die Türkei schon einmal eine wichtige Rolle an der Südostflanke der NATO spielte.