Der kommende NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli findet im Amtssitz eines Präsidenten statt, der gerade mit der Abrissbirne die Restbestände der türkischen Demokratie zerlegt. Kein Aushängeschild der Werte, die der politische Westen und hier insbesondere NATO und EU für sich reklamieren. Präsident Erdoğan werden entsprechend den Regeln des Protokolls 31 weitere Staats- und Regierungschefs ihre Aufwartung machen und brav beim Händeschütteln in die Kameras lächeln.War da was? Angesichts der innenpolitischen Zustände in der Türkei schmerzt die Erkenntnis: Erdoğan hat etwas richtig gemacht! Im Windschatten des vom amerikanischen Kollegen Donald Trump ausgelösten geopolitischen Durcheinanders, hat der türkische Präsident sein Land international sehr geschickt positioniert: als NATO-Mitglied unterstützt Ankara sämtliche Erklärungen zum russischen Angriffskrieg, gleichzeitig ist die Türkei das einzige westliche Land, das die Sanktionen gegenüber Russland nicht mitträgt.Die Ukraine erhält aus Ankara bedeutende Waffenlieferungen, was der autokratischen Männerfreundschaft zwischen Erdoğan und Putin keinen Abbruch tut. Darüber hinaus ist die Türkei Dialogpartner des exklusiven Autokraten-, Diktatoren- und Kriegsverbrecherklubs namens Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Die türkische Außenpolitik deckt somit fast alle Himmelsrichtungen ab.Martin Erdmann war Sprecher des Auswärtigen Amtes, Beigeordneter NATO-Generalsekretär, Ständiger Vertreter Deutschlands imNordatlantikrat und Deutscher Botschafter in der Türkei. (Aufnahme aus dem Jahr 2013).dpaIm geopolitischen Chaos unserer Tage erscheint die Türkei dennoch sowohl der NATO wie auch der EU als ein unverzichtbarer Stabilitätsanker in einer zerrissenen Region mit Nachbarn wie Iran, Irak und Syrien sowie einem – derzeit – pausierenden Krieg am Golf. Da blickt man großzügig über innenpolitische Schräglagen hinweg. Hatte nicht das Weiße Haus im vergangenen Jahr Präsident Erdoğan den Persilschein für Autokraten ausgestellt, als nämlich die Sprecherin von Präsident Trump erklärte, die innenpolitische Situation in der Türkei sei für Washington nicht relevant?Hat der Irankrieg die Scharfmacher sediert?In diesem innen- und außenpolitischen Potpourri also findet nun der NATO-Gipfel statt. Was kann ein solches Treffen leisten, an dem ein US-Präsident teilnimmt, dessen öffentliche Erklärungen oftmals eine Halbwertszeit von wenigen Stunden haben?Im Kern wird es um Selbstvergewisserung, des Weiteren um Schadensbegrenzung gehen. Letzteres bezieht sich auf die Einhegung eines unkalkulierbaren Hasardeurs namens Trump. Daher werden die Europäer und Kanada die Fortschritte bei der Erfüllung der Selbstverpflichtungen schönreden, um den amerikanischen Kollegen milde zu stimmen. Ob und wie die von Außenminister Rubio angekündigte Generalabrechnung mit dem Bündnis stattfindet, bleibt derweil offen. Möglicherweise haben der Irankrieg und das durch ihn ausgelöste Chaos im Nahen Osten und der arabischen Welt die Scharfmacher in Washington ein wenig sediert.Auch bei diesem NATO-Gipfel kommt den Anleihen aus der Kinderpsychologie für die Sitzungsleitung durch Generalsekretär Mark Rutte eine besondere Bedeutung zu. Sein geschickt-devotes Verhalten gegenüber Trump sollte nicht als Anbiederung verunglimpft werden. Wer kennt ein für einen Generalsekretär besseres Rezept?Das Bündnis muss die Zeit nach Trump im Blick habenUnd dann ist da noch Russland: Nach den barbarischen Luftangriffen der letzten Tage und Wochen auf Kiew und andere Zentren mit einem Allzeithoch von über 450 zivilen Todesopfern allein im Monat Mai dürften die Staats- und Regierungschefs in nicht zu überbietender Klarheit das russische militärische Vorgehen verurteilen und deutlich machen, dass jeder zusätzliche Tag Angriffskrieg weitere Sanktionen nach sich ziehen und sowohl den von Moskau zu zahlenden politischen Preis als auch die Kosten für Reparationen weiter in die Höhe schrauben wird.Was folgt aus alledem? Längerfristig geht es für das Bündnis darum, den Tag danach im Blick zu haben: jener ungewisse Zeitpunkt in der Zukunft, an dem das Establishment im Kongress, in den Streitkräften, der Wirtschaft, der akademischen Welt und der Zivilgesellschaft wieder Luft zum Atmen hat. Jener Zeitpunkt also, an dem in den USA die Erkenntnis über die Bedeutung produktiver Beziehungen über den Atlantik hinweg wieder die Oberhand gewinnt. Es gibt für die USA auf der Welt keine andere Gruppe von 31 Staaten, darunter 27 EU-Europäer, auf die sich Washington beinahe blind verlassen kann und die den ureigensten US-Interessen dienlich sind.Diese Einsicht wird sich vielleicht schon bei den Midterm-Wahlen am 3. November durchsetzen, spätestens aber bei den nächsten Präsidentschaftswahlen. Diese Erwartung, verbunden mit weiteren, erheblichen Anstrengungen der Europäer im Verteidigungsbereich, ist die Leitplanke, an der sich unsere Bündnispolitik orientieren sollte. Jedenfalls sollten wir hierzulande die Zukunft der NATO nicht zerreden, wie dies leider in der öffentlichen Debatte zu oft geschieht.