Es war eher ein Flashmob als eine Demonstration. Innerhalb weniger Minuten hatte die türkische Polizei die kleine Versammlung von NATO-Gegnern im Zentrum der Hauptstadt Ankara umringt, mit Pfefferspray besprüht und abgeführt. Die Kommunistische Partei der Türkei teilte am Sonntagabend mit, mehr als hundert ihrer Mitglieder seien festgenommen worden. Die Regierung schwieg zu dem Intermezzo. So kurz vor dem NATO-Gipfel, der an diesem Dienstag beginnt, wollte sie den Gegnern der Militärallianz kein Forum bieten.Schon seit Tagen gilt für ganz Ankara ein Demonstrationsverbot. Auf der Zufahrtsstraße vom Flughafen stehen alle paar Hundert Meter Polizisten. Die Stadt ist in NATO-Blau getaucht. Stellwände, Plakate, die Kopftücher und Krawatten des Präsidialamtspersonals sowie die Absperrgitter der Polizei sind farblich abgestimmt. Medien hatten berichtet, die Taxifahrer in Ankara hätten eigens weiße Hemden und die türkische Variante von Kölnisch Wasser bekommen, um die ausländischen Gäste gebührend zu empfangen. Doch ein Taxifahrer sagt, das sei seine gewöhnliche Arbeitskleidung, und auch das duftende Wasser habe er immer dabei.Für Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist der Gipfel doppelt wichtig. Zum ersten Mal seit elf Jahren empfängt er einen amerikanischen Präsidenten im eigenen Land. Und erstmals seit 22 Jahren findet ein NATO-Gipfel auf türkischem Boden statt. 2018 hatte sich die Türkei schon einmal darum bemüht, war aber am Widerstand mehrerer europäischer Länder gescheitert. Jetzt ist die Lage eine andere. Aufgeschreckt vom Rückzug Amerikas, setzt Europa auf eine engere Zusammenarbeit mit dem NATO-Partner Türkei.Erdoğans Präsidentenpalast ist in NATO-Blau getauchtDafür blickt man großzügig darüber hinweg, dass das Land nicht so demokratisch ist, wie es die Präambel des Nordatlantikvertrags beschwört. Erdoğan hat man zugestanden, seinen Tausend-Zimmer-Palast als Gipfelort in Szene zu setzen. Ankara machte bei den Vorbereitungen keinen Hehl daraus, dass es Kritik nur in Maßen duldet. So nahm die Polizei in den vergangenen Tagen nicht nur mutmaßliche Gefährder und Extremisten vorsorglich fest, sondern auch Journalisten, Anwälte, einen LGBT-Aktivisten und einige Dutzend Umweltschützer.NATO-Plakate überall in Ankara, wie hier vor der Bestepe-Moschee am 6. Juli 2026AP Photo/Emrah GurelNach Darstellung der Istanbuler Staatsanwaltschaft richteten sich die Razzien angeblich alle gegen linke und islamistische „Terrorgruppen“ sowie mutmaßlich bewaffnete Kriminelle. Doch was den Verdächtigen konkret vorgeworfen wurde, blieb unerwähnt. Nur so viel teilte die Staatsanwaltschaft am Sonntag mit: Bei 39 Hausdurchsuchungen sei eine Pistole samt Munition sichergestellt worden.Die Anwaltsvereinigung ÇHD teilte mit, die Präsidentin ihrer Istanbuler Zweigstelle, ein weiteres Mitglied sowie mehrere Mandanten seien am Sonntag in zeitlich koordinierten Razzien zu Hause festgenommen worden. Zu den Mandanten zählt nach Angaben der Nachrichtenwebsite T24 deren Außenpolitikredakteurin Buse Söğütlü. Sie hatte sich zuvor darüber beschwert, dass sie nicht als Berichterstatterin für den NATO-Gipfel zugelassen worden war – so wie eine ganze Reihe von türkischen Journalisten regierungskritischer Medien. Nach dem Einspruch von Medien und Journalistenvereinigungen teilte die NATO mit, man verlasse sich bei der Akkreditierung üblicherweise auf die Einschätzungen des Gastgeberlandes.Türkische Rundfunkaufsicht schüchtert Medien einFestgenommen wurde auch eine Journalistin des Senders Oda TV, die zuvor über eine Unterschriftenkampagne gegen den NATO-Gipfel berichtet hatte. In den Tagen zuvor hatte die Polizei bei einer ähnlichen „Anti-Terror-Operation“ zum Schutz des NATO-Gipfels bereits mehrere Umweltschützer in Gewahrsam genommen. Die TEMA-Stiftung, die sich gegen Bodenerosion engagiert, konnte sich das nur so erklären, dass ihre Mitglieder womöglich ins Visier der Polizei geraten seien, als sie sich am Rande eines gemeinsamen Picknicks mit streikenden Bergarbeitern unterhalten hätten.Die türkische Rundfunkaufsicht stellte klar, dass Medienhäuser bei der Berichterstattung über den Gipfel das „öffentliche Interesse“ und die „nationale Sicherheitsperspektive“ berücksichtigen müssten. Das Treffen der Militärallianz werde die Schlüsselrolle der Türkei in der NATO unterstreichen und sei ein „wichtiger Prozess, in dem wir die Würde unseres Staates und die Gastfreundschaft unserer edlen Nation auf internationaler Bühne herausstellen werden“. Die Berichterstattung werde daraufhin genau überprüft.