An der WM wurde er nur halblaut gesungen – am 1. August ist er wieder Pflicht: Warum tun wir uns so schwer mit dem Schweizerpsalm?Die Kritik lautet: zu viel Gott im Text und zu wenig Tempo in der Melodie. Verteidigung eines sehr schweizerischen Liedes.13.07.2026, 16.48 Uhr5 LeseminutenFans der Nati singen vor dem Viertelfinal zwischen der Schweiz und Argentinien in Bonaduz den Schweizerpsalm.Gian Ehrenzeller / KeystoneEs waren Tage des Übermuts in der Schweiz. Ausnahmezustand in einem Land, das Behäbigkeit gerne als Tugend verklärt, Furor jedoch beäugt. Weil die Nati an der Fussball-WM erstmals im Zeitalter des Farbfernsehens ein Viertelfinal erreichte und damit Historisches schaffte, suchte man vielerorts nach Möglichkeiten, aus dem Gewohnten auszubrechen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die FDP buchte in den Zeitungen ganzseitige Inserate und erinnerte das Publikum – schon wieder – daran, den Wecker zu stellen. Dieses Mal allerdings nicht für die Arbeit, sondern für den historischen Match, der in der Schweiz mitten in der Nacht übertragen wurde. Also dann, wenn man gemäss FDP-Sprech eigentlich im Bett liegen und sich vom vielen Chrampfen erholen sollte.Philipp Matthias Bregy, als Mitte-Präsident oft mit Abwarten und Ausdiskutieren beschäftigt, erfasste derweil ein Tatendrang, den man sonst eher von Junggesellenabschieden kennt: Sollte die Schweiz jetzt bis zum WM-Titel durchmarschieren, so Bregy, färbe er sich die Haare blond.Der «Tages-Anzeiger» fasste die Euphorie der vergangenen Wochen schliesslich im Therapeutenduktus zusammen und schrieb: «Wir selber, so sieht es aus, lernen uns gerade neu kennen.»Nur als vor dem historischen Viertelfinal die Nationalhymne gespielt wurde, klang es im Stadion und vor den Leinwänden der Public Viewings so wie immer: Einige schwiegen, weil sie den Text nicht kannten oder nicht singen wollten. Andere versuchten das mit einer kräftigen Bauchstimme und vollem Gesichtsmuskeleinsatz zu kompensieren. Und etliche weitere bewegten zwar die Lippen, schienen aber verunsichert, ob man jetzt «Gott im he-he-heeeeren Vaterland» oder doch «Gott, den Herrn, im heeehren Vaterland» singt.Das Verhältnis der Schweiz zu ihrer Hymne ist halt «es birebitzeli» kompliziert. Und eigentlich ist das doch auch ganz gut so. Schliesslich ist die Schweiz den grössten Teil des Jahres nicht mit fiebrigen Freinächten beschäftigt, sondern damit, Unterschiede auszudiskutieren und Ausgleiche zu suchen.Hymnen-PluralismusLange Zeit pflegte die Schweiz hinsichtlich ihrer Nationalhymne einen guteidgenössischen Pluralismus. Im 19. Jahrhundert führten viele neu entstandene Nationalstaaten offizielle Hymnen ein. In der Schweiz liess man die Dinge hingegen einfach laufen.Bei patriotischen Festen wurden verschiedene Lieder gesungen, die bald als inoffizielle Hymnen galten. Beliebt war zum Beispiel «O mein Heimatland», ein Lied, das auf einem patriotischen Gedicht Gottfried Kellers basierte. Auch der Schweizerpsalm wurde, etwa von Studentenverbindungen, bereits damals angestimmt. Dasselbe gilt für «Rufst du, mein Vaterland».Vor dreissig Jahren organisierte der Fussballverband einen Hymnen-Workshop für die Nati-Spieler. Es zeigte sich aber bald: Eine leidenschaftliche Intonation lässt sich nicht erzwingen.Alex Livesey – Fifa / GettyDieser Text wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Berner Philosophieprofessor Johann Rudolf Wyss gedichtet und zur Melodie von «God Save the King» gesungen. Weil die Hymne des britischen Weltreichs wenig überraschend bekannter war als die eines Kleinstaates wie der Schweiz, kam es zu Verwechslungen. Und Irritationen.Immerhin lebten patriotische Erzählungen über die Schweiz ja gerade davon, dass man gegen Könige heroische Schlachten gekämpft und ihre Vögte schon im Mittelalter aus ihren Burgen gejagt hatte. So nahm der Text explizit Bezug auf die Schlacht bei St. Jakob an der Birs, in der die Eidgenossen einem Heer des französischen Dauphins zwar unterlagen, jedoch lieber untergingen, als sich ihm zu ergeben.Die Referenz auf diesen Mythos und der im Text immer wiederkehrende Topos der Verteidigung des Landes trugen dazu bei, dass «Rufst du, mein Vaterland» zur Hymne der Aktivdienstgeneration wurde. Pathos und Thema passten zu ihren Erfahrungen.Der WetterberichtErst 1961 wurde der Schweizerpsalm offiziell als Landeshymne eingeführt. Nostalgische Veteranen fremdelten zeitlebens mit seiner geruhsamen Melodie und wiesen ihre Enkel spätestens vor der RS darauf hin, dass dem Schweizerpsalm im Vergleich zur «alten Hymne» doch jeglicher «Pfupf» fehle.Auch der Bundesrat, der für die Einführung der Hymne verantwortlich war, blieb lange skeptisch. Bis 1961 lehnte er mehrere Vorstösse ab, den Schweizerpsalm zur offiziellen Hymne zu erklären. Die Begründung: Eine Hymne sollte nicht von oben verordnet, sondern von unten auserkoren werden. Als der Bundesrat sich schliesslich doch noch für den Schweizerpsalm entschied, setzte er die neue Hymne erst probeweise für drei Jahre ein. Weil ein halbes Dutzend Kantone danach immer noch nicht überzeugt war und fast ebenso viele Stände die neue Hymne ablehnten, wurde die Probezeit nach Ablauf der drei Jahre noch einmal verlängert. Erst 1981 legte man sich fest. Doch die Kritik blieb und kommt in unregelmässigen Abständen wieder.Bisher gab es mehrere Versuche, den Schweizerpsalm durch eine neue Hymne zu ersetzen oder aber wenigstens den Text anzupassen. Vor rund zehn Jahren lancierte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) einen entsprechenden Wettbewerb. Obwohl die SGG auf den 1. August hin Gemeinden und Kantone dazu anhielt, auch den neuen säkularisierten Text zu singen und wenige Jahre später auch Alt-Bundesräte dafür warben, hat die neue Hymne den Schweizerpsalm bis heute nicht einmal ansatzweise verdrängt. Wenigstens die Alt-Bundesräte hätten wissen können, dass sich eine Hymne eben nicht verordnen lässt.Trotzdem wird immer wieder beklagt, dass es dem Schweizerpsalm gerade im Vergleich zur Marseillaise oder zur italienischen Hymne an Intensität fehle. Man vermisst in der Melodie das eine oder andere Crescendo und die Gelegenheit für Fortissimo-Einlagen. Andere stören sich vor allem am Text und am darin allgegenwärtigen Gott. Streiche man ihn, so heisst es, bleibe nichts anderes als ein Wetterbericht.Rappen mit SinaVielleicht lässt sich durch den Text auch erklären, weshalb die Schweizer Nati jahrzehntelang teilnahmslos ins Leere schaute, wenn vor den Spielen die Hymne gespielt wurde. So wie 1994 bei der letzten WM in den USA. Weder im Gesicht von Alain Suter noch in jenem von Alain Geiger zuckte ein Mundwinkel.Diese Lethargie wurde dem Verband wenige Jahre später doch zu viel. 1997 wurde deshalb die Mundartsängerin Sina aufgeboten, um mit der Nati die Nationalhymne zu üben. Auf Videos ist zu sehen und zu hören, wie Sina den Schweizerpsalm rappt, den Spielern das Mikrofon hinhält und diese dadurch erröten lässt wie der soeben besungene Alpenfirn.Selbst wenn der Effekt von Sinas Hymnen-Workshop relativ bescheiden war, hat er doch etwas bewiesen: Eine leidenschaftliche Intonation der Hymne lässt sich eben nicht erzwingen. In einer Willensnation sollte das Prinzip der Freiwilligkeit insbesondere für das Singen der Hymne gelten.Als die Schweizer Nati am frühen Sonntagmorgen auf Argentinien traf und das beste Turnier ihrer Geschichte abschloss, sangen auf dem Spielfeld und zu Hause in der Schweiz übrigens nicht nur die Ittens, Kobels und Freulers mit.Viel wichtiger ist aber ohnehin, dass die Nati mit ihren Erfolgen in den vergangenen Jahren erst ein wichtiger Faktor der Identifikation und dann der Integration geworden ist. Die Public Viewings waren in den vergangenen Tagen nicht nur in Altdorf, sondern auch in Zürich Altstetten voll. Die Nati hebt für einen kurzen Moment Gegensätze auf und verbindet unterschiedliche Realitäten. In diesem Geist ist auch der Schweizerpsalm entstanden.Wenige Jahre vor dem Ausbruch des Sonderbundskrieges, in dem eine Hälfte der Schweiz gegen die andere kämpfte, dichtete der Protestant und Grütlianer Leonhard Widmer den Text des Schweizerpsalms. Der katholische Zisterziensermönch Alberik Zwyssig komponierte die passende Melodie.Passend zum Artikel
Die Nati verbindet die moderne Schweiz – aber ist der Schweizerpsalm nicht veraltet?
Die Kritik lautet: zu viel Gott im Text und zu wenig Tempo in der Melodie. Verteidigung eines sehr schweizerischen Liedes.















