Adieu und merci – eine Schweizer Fussballnacht zwischen Ekstase und ErnüchterungDie Schweiz spielt gegen Argentinien erstmals seit über 70 Jahren wieder einen WM-Viertelfinal und das halbe Land steht mitten in der Nacht auf. Szenen einer historischen Fussballnacht.NZZ-Redaktion12.07.2026, 09.34 Uhr7 LeseminutenEuphorie vom Bündnerland bis in die Romandie: Zuschauerinnen singen die Nationalhymne im Public Viewing des FC Bonaduz. Gian Ehrenzeller / KeystoneHunderttausende Schweizerinnen und Schweizer schlagen sich eine Nacht um die Ohren. Der Wecker klingelt um kurz vor 3 Uhr, manche waren gar nicht im Bett. Es hat gedauert, bis die Schweiz von der WM-Euphorie angesteckt wurde, natürlich, schliesslich dauert das Turnier schon eine halbe Ewigkeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Für die Schweizer Nationalmannschaft und ihre Fans ist diese halbe Ewigkeit nun zu Ende; 1:3 gegen Argentinien nach einer Nacht voller Hochs und Tiefs. In Public Viewing, Bars und Restaurant in der ganzen Schweiz haben die Menschen mitgefiebert – Szenen eines Fussballspiels, das die Schweiz so bald nicht mehr erleben wird.WM – eine gute Zeit, um jung zu seinDa war die Schweizer Fussball-Welt noch in Ordnung: Fans bejubeln im Public Viewing im Berner Museumsquarter das 1:1 gegen Argentinien. Anthony Anex / KeystoneChristine Steffen In dieser Nacht auf dem Sofa kommt eine Erinnerung. An einen anderen Sommer, in dem die Schweiz wegen einer WM in den USA tanzte. Im Sommer 1994 halten die Geschäfte an der Langstrasse eimerweise kühles Bier bereit für die Zürcher und Zürcherinnen, die in den Kreis vier strömen und feiern, wie es bis dahin nur die Italiener konnten. Sie lassen Georges Brégy hochleben und bangen um Alain Sutters gebrochenen Zeh. Zürich entdeckt in diesem Sommer nicht nur den Fussball, sondern eine Art von Ausgelassenheit, die später mediterran genannt wurde. Es war eine gute Zeit, um jung zu sein.32 Jahre später, als die tapfere Schweiz in Kansas City gegen Argentinien ausscheidet, gehört die Strasse den jungen Leuten von heute. Auf dem Balkon im ruhigen Quartier hört man nur den Igel im Garten rascheln. Im Tessiner Fernsehen sagt der frühere Fussballer Blerim Dzemaili in der Verlängerung: «Die Schweizer leiden. Aber sie leiden zusammen.» So ist es auch in unzähligen Public Viewings im Land. Wäre man doch nur jung genug, um nicht allein zu leiden.Nach dem Achtelfinal kippt esSamuel Tanner Die Schweiz ist kein euphoriebegabtes Land. Nach einem hervorragenden Nachtessen sagt man: «Isch rächt gsi.» In der Ursportart Schwingen wird nur in Ausnahmefällen applaudiert. Und im Fussball haben es nach dem Unentschieden der Nati an der WM gegen Katar alle schon immer gewusst: Was sollen diese Söldner mit ihren Gucci-Täschchen schon erreichen? Nach dem Achtelfinal hat es gekippt. Jetzt wussten alle, dass Manzambi «das gewisse Etwas» hat. Die Public Viewings waren plötzlich proppenvoll, bereits wurde ein «neuer Patriotismus» herbeiphilosophiert.Bundesrat Pfister erklärte auf dem Flugplatz, die Schweiz könne jetzt beweisen, «dass wir zu den acht besten Nationen gehören» – was sie, nur ein Detail, ja eben bewiesen hatte. Der «Blick» rief ein Gewinnspiel aus: «Ade Messi!» Was wäre bei einem Sieg noch passiert? Mitte-Präsident Bregy hat versprochen, mit dem Weltmeistertitel werde er sich die Haare blond färben. Am Ende einer langen Nacht hat sich die Nati mit einer heldenhaften Niederlage aus dem Turnier verabschiedet. Adieu und merci.Am Schluss lärmen die ArgentinierMit dem Tageslicht kommt die Enttäuschung - Fans im jurassischen Porrentruy. Jean-Christophe Bott / KeystoneBenedikt Koller, Kansas City KC Hooley House, ein Irish-Pub in Downtown. Hier treffen sich die Fans des Nationalteams ein paar Stunden vor dem Anpfiff. Die Stimmung ist unschweizerisch ausgelassen. Georgina ist aus St. Louis angereist, fünf Stunden Autofahrt. Es hat sich gelohnt, sagt sie: «Heute zeigen wir der ganzen Welt, wer wir sind.» Überhaupt sind viele Auslandschweizer unter den Supportern des Nationalteams hier in Kansas City. Und natürlich sind auch die ganz treuen da, jene, die dem Nationalteam überallhin folgen. Leute wie Dan, der im Turnierverlauf mehrmals hin und her geflogen ist, zwischen Nordamerika und der Schweiz. Er gibt sich nüchterner als Georgina, sagt: «Wenn alles normal läuft, geht es nach heute Abend ohne uns weiter.»Ob Auslandschweizer oder Weitgereiste, was hier alle eint: Sie sind Fans des Nationalteams – und tragen das selbstbewusst in die Welt hinaus. Mit Trikots, Fahnen, Fangesängen. Die Schweiz könne es mit Lionel Messi aufnehmen, sagt einer. Nach dem Abpfiff ist es im zweiten Rang, wo die rund 1000 organisierten Schweizer Fans das Nationalteam antrieben, dann deutlich ruhiger als nach den letzten Partien der Schweiz. Jetzt bringen hier die rund 60 000 argentinischen Fans das Stadion zum Beben. «Meeessi, Meeessi, Meeessi», singen sie.Schwalbe auf der Piazza GrandeSie bringen ihn auch diesmal nicht heim: Breel Embolo fällt – und fliegt vom Platz.Ashley Landis / APUrs Bühler, Locarno Gibt’s einen eindrücklicheren Ort für ein Public Viewing als das berühmteste Freiluftkino der Schweiz? Rund um Locarnos Piazza Grande, die im August wieder das Filmfest nähren wird, sind die Häuserfassaden in Rot-Weiss getaucht statt in Leopardenmuster: Die Deutschschweizer Organisatoren des Musikfestivals «Moon and Stars», das zurzeit hier gastiert, zeigen das Spiel auf Grossbildschirm. Es ist 24 Grad warm, Tausende sind gekommen, obwohl die Sitzplätze an Festbänken 29 Franken kosten.Baschi ist aufgeboten worden, um vor dem Anpfiff live «Chum bring en hei» zu singen, die im Tessin kaum bekannte WM-Hymne von 2006. Für etwas südliches Kolorit sorgt immerhin, dass die Übertragung auf RSI läuft, das auch den vernünftigeren Kommentator hat als SRF. Sonst hört man viel Schweizerdeutsch, «Schwiizer Nati, olé!», bis eine Schwalbe die Tristesse im Morgengrauen einleitet. Fazit: 1. Sie bringen ihn auch diesmal nicht heim. 2. Intimere Public Viewings wie das im Bagno Publico von Locarno haben mehr Atmosphäre. 3. Wer in der Masse mitfiebern will, tut das besser im Stadion.Im Schweizer Leibchen durch BerlinHannes Boos / Maurice Koepfli, Berlin In der Berliner S-Bahn trällert ein junger Deutscher beim Anblick des Schweizer Nationalmannschafts-Trikots: «I dr Nati, dr Schwizer Nati, do isch dr Breel dehei – Oh Embolo, Oh Embolo». Es ist der Tag vor dem Spiel der Schweiz gegen Argentinien, weitere Schweizer Fan-Utensilien sind in der deutschen Hauptstadt nirgends zu sehen.«Schon verrückt, dass ihr noch dabei seid und wir Deutschen nicht mehr», sagt der Mann in der S-Bahn. Er wirkt erstaunt, als müsste er sich erst daran erinnern, dass der kleine Nachbar noch Teil des Turniers ist. «Ich drücke euch die Daumen», sagt der St. Pauli-Fan vor dem Aussteigen. Und ein alter Mann ruft bei einer Haltestelle in Bezug auf Argentinien: «Die macht ihr fertig!»Vor dem grossen Public Viewing in Friedrichshain wimmelt es um drei Uhr nachts von Menschen in Messi- und Maradona-Shirts. Wer in der Warteschlange dagegen ein Schweiz-Trikot trägt, wird schon mal angepöbelt. «It‘s gonna be dangerous for you», sagt eine Frau im Argentinien-Shirt.Wechsel in eine verrauchte kleinen Bar in Neukölln, wo es spannend aber weniger angespannt zugeht. Die meisten Personen im Lokal jubeln umso mehr für die Schweiz, je länger das Spiel dauert und je mehr die Schweizer kämpfen. Ein äusserst betrunkener Mann stammelt etwas von den Germanen, der Freundschaft zwischen allen Deutschsprachigen und dem Heiligen Römischen Reich. Sein Fazit: Wenn die Schweiz den Match gewinne, dann gewinne auch Deutschland. Dann verliert die Schweiz.Die Nacht und die WM-Reise der Schweiz endet – Fans im Public Viewing in Zürich. Andreas Becker / Keystone«Es stinkt! Danke!»Tom Felber Der Innenhof eines Wohnhauses am Idaplatz in Zürich 3 ist mit einem Container versperrt. «Bitte nicht in unseren Hof pinkeln! Es stinkt! Danke!» steht auf einem Plakat. Es ist eine Abwehrmassnahme der Hausbewohner. Schon seit Wochen wird der Innenhof von Fussballfans, welche die WM-Spiele am Idaplatz verfolgen, als Toilette benutzt. Für die Viertelfinals hat die Stadt nun endlich zwei «Toi Urinal HMT» auf den Platz gestellt.Kurz vor Anpfiff steht der Container nicht mehr im Durchgang. Von Fans auf den Platz gerollt, wird er als erhöhte Sitzfläche benützt, um von hinten die TV-Bildschirme der Calvados-Bar zu erspähen. Hunderte Fans haben sich um 3 Uhr morgens eingefunden.Während des Spiels gehen die Emotionen hoch und die 4-Personen-Freiluft-Urinale werden rege benutzt. Hausbewohner, die vor dem Hof Wache halten, müssen nur drei Wildpinkler wegweisen. Die Schweiz verliert und es herrscht Totenstille auf dem Platz. Das Toi Urinal HMT hingegen war der wahre Gamechanger.Leiden im argentinischen TVThomas Milz, Rio de Janeiro Vier Kommentatoren hat das argentinische Fernsehen aufgefahren. «Vorsicht vor Xhaka, der ist gross und führt das Team an», warnen sie. Und die Schweiz presst Argentinien «wie bisher kein anderer Gegner». «Vamos Argentina, stürzt euch auf sie!» Und schon fällt das 1:0 durch Alexis Mac Allister. Doch die Schweiz hält dagegen. «Wir haben nicht so viel Ballbesitz wie sonst», sagt der Co-Trainer Roberto Ayala in der Pause. Dann die 65. Minute, die Schweiz drängt auf den Ausgleich.«Wir haben die Kontrolle verloren», warnt ein Kommentator, bevor Dan Ndoye ausgleicht. Man macht sich Mut: «Vamos Argentina, wir sind solche Momente doch gewöhnt! Jetzt nur nicht den Kopf verlieren». Doch den verliert Embolo, und die Schweiz ist in Unterzahl. «Wir haben Glück gehabt», sagt Trainer Lionel Scaloni später. «Als es schwierig wurde, haben sie sich eine Rote Karte eingefangen.» Der Kommentator fasst zusammen: «Wir haben gelitten. Aber mit ein bisschen Leiden wird es hinterher umso schöner!»Mit ein bisschen Leiden wird es hinterher umso schöner: Das Fazit des argentinischen TV über den WM-Viertelfinal. Adan González / EPAPassend zum Artikel