Die Schweiz im WM-Viertelfinal: Was alles passieren musste, damit es so weit kommen konnteDie Schweizer Fussballer stehen vor dem grössten Spiel aller Zeiten. Dahinter steckt eine sehr schweizerische Geschichte. Eine Spurensuche.10.07.2026, 15.52 Uhr8 LeseminutenWohin geht es für sie noch? Die Schweizer Fussballer bejubeln den Viertelfinaleinzug an der Fussball-WM.Maja Hitij / GettyEs gibt ja vieles zu sagen zu diesem Spiel, vor dem die Schweizer Fussballer stehen, am Samstag in Kansas City, aber vielleicht muss man bei den Kindern anfangen. Nicht bei denen in Kansas City, Missouri. Sondern denen in Bühler, Appenzell Ausserrhoden. In Porrentruy, Jura. In Mendrisio, Tessin. Und so weiter.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vielleicht haben die Kinder dort Glück, und in der Samstagnacht öffnen sich ihre Zimmertüren, still und leise, und die Eltern treten ans Bett, kurz vor drei Uhr morgens, und die Kinder schrecken hoch, und dann rasen sie in die Stube. Sie haben natürlich nicht vergessen, warum sie mitten in der Nacht geweckt werden: weil ein Fussballspiel ansteht, das sie vielleicht nie wieder erleben werden. Die Schweiz gegen Messis Argentinien, im Viertelfinal der Fussball-WM.Der Fussball ist eine Erinnerungsmaschine, davon lebt er, daraus zieht er seine Kraft, nicht einmal die Infantino-Fifa konnte ihm das (bisher) nehmen. Und was auch immer passiert in Kansas City: Um Erinnerungen wird es dort gehen, um Bilder, die bleiben, bei Kindern aus Bühler und Porrentruy und Mendrisio.Als die Schweiz 1954 letztmals in einem WM-Viertelfinal stand, war die Welt noch eine andere, und die Fussballwelt erst recht. 16 Teams nahmen damals teil; dieses Jahr sind es 48.Von ihnen sind jetzt nur noch 8 übrig. Und eines ist die Schweiz. Vieles musste passieren, damit das so kommen konnte, im Grossen, aber auch im Kleinen, am Mittwoch etwa, in Vancouver. In der Verlängerung köpfelte der kolumbianische Verteidiger Jhon Lucumí den Ball an die Latte. Später, im Penaltyschiessen, landete dort auch der Schuss von Davinson Sánchez. Und er prallte dann nicht hinter, sondern auf die Linie.Es waren Momente, die den Satz, dass Fussball ein Spiel der «fine margins» sei, mit Leben füllten. In Vancouver hätte auch alles in eine andere Richtung kippen können. Und doch ist das Erreichte kein Zufallsprodukt.Die Schweiz hat viel dafür gemacht, dass sie dort steht, wo sie jetzt steht, über viele Jahre. Dieser Viertelfinaleinzug ist eine überaus schweizerische Geschichte, denn sie erzählt viel darüber, wie das Land funktioniert und was es ausmacht.Ohne die Migrantensöhne wäre alles andersNach dem Spiel in Vancouver, als die anderen Schweizer über den Platz rasten, freudetrunken, brauchte Granit Xhaka zuerst ein paar Momente für sich. Den Schweizer Captain sieht man sonst stets mit durchgestrecktem Rücken und erhobenem Kinn. Doch jetzt schüttelt es Xhaka durch, er kauert auf dem Rasen, das Gesicht in den Händen vergraben.Er ist das Gesicht des Schweizer Teams: Granit Xhaka ringt nach dem Sieg gegen Kolumbien um die Fassung.Jared C. Tilton / GettyXhaka ist der Anführer des Schweizer Teams, ohne ihn stünde es nicht da, wo es jetzt steht. Doch dass Xhaka 1992 in der Schweiz geboren wurde, war eine Laune des Schicksals. Eigentlich wollten Ragip und Elmaze Xhaka nach Schweden, als sie der Krieg Anfang der 1990er Jahre aus dem Kosovo vertrieb. Doch zuerst landeten sie in Basel, und dort blieben sie hängen, und bald kam Granit zur Welt.Der Bub sollte sich bald als guter Fussballer erweisen, und geboren wurde er in einer Zeit, in welcher der Schweizerische Fussballverband (SFV) seine Nachwuchsarbeit umbaute. Der Verband ersann Konzepte , Professionalisierung war das Schlagwort, Nachwuchstrainer erhielten ein Vollzeitpensum, Spitze und Breite wurden im Juniorenfussball getrennt, eine einheitliche Spielphilosophie wurde festgelegt. Das alles kostete, und das Geld dafür kam auch von einer Bank, die zuerst Schweizerische Kreditanstalt hiess und später Credit Suisse.Ein Konzept, erdacht von einem Mann namens Hansruedi Hasler, der ab Mitte der 1990er Jahre lange Zeit Technischer Direktor im SFV ist. Geld, das von einer Bank mit Sitz am Zürcher Paradeplatz kommt. Und ein Bub, dessen Eltern einst aus dem Balkan in die Schweiz einwanderten, gehört zu denen, die das alles mit Leben füllen.2009 ist Xhaka Teil des Schweizer Teams, das in Nigeria U-17-Weltmeister wird. Bis heute steht dieser Erfolg zusammen mit dem U-17-Europameistertitel von 2002 dafür, wie viel der SFV bei der Ausbildung zuvor richtig konzipiert und umgesetzt hatte. Und er gilt als Geburtsstunde von allem, was danach kommt für den Schweizer Fussball. Weil sich damals Türen öffneten, die vorher geschlossen schienen. Weil sich zeigt, dass alles möglich ist. Sogar Weltmeister zu werden. Und natürlich ist es Xhaka, der später verkünden wird, dass er seinen Koffer bis zum Final packe.Neben ihm stehen viele andere Migrantensöhne im U-17-Weltmeisterteam von 2009. Sie tragen Namen wie Haris Seferovic, Nassim Ben Khalifa, Pajtim Kasami oder Ricardo Rodríguez. Dieser Rodríguez erzählt später einmal, dass nach dem Weltmeistertitel nicht viele von ihm und Xhaka gesprochen hätten.Aber Xhaka und Rodríguez sind immer noch da, als Einzige, und als Rodríguez einmal in der NZZ darüber sinnierte, warum das so ist, sagte er: «Von mir und Granit weiss ich, dass Fussball das war, was wir wirklich wollten, und dafür haben wir hart trainiert.» Und danach, nachdem er über seine schulischen Schwächen gesprochen hatte: «Ich wusste, ich muss unbedingt Fussballer werden, nur so kann ich mein Leben machen.»Die gutschweizerische Konzeptarbeit trifft auf junge Männer, die zuerst einfach einmal gut Fussball spielen. Die aber auch andere Attribute einbringen. Hingabe zum Beispiel und den Willen, sich ganz dem Sport zu verschreiben. Vielleicht auch, und auch wenn Stereotype kein guter Weg sind, um sich grossen Fragen anzunähern: ein unschweizerisches Selbstbewusstsein. Eine andere Attitüde, Stichwort: gross denken. Zumindest wird das immer wieder vorgebracht, von Beobachtern, auch von ehemaligen Trainern und Funktionären.Auf jeden Fall kommen Qualitäten, Wesenszüge, Herangehensweisen zusammen, die sich gegenseitig befruchten. Und am Ende profitieren alle. Mittlerweile verkörpern die Fussballer schon seit vielen Jahren, was die Schweiz ist: ein Migrationsland, in dem viele verschiedene Lebenswege zusammenkommen. Gut zwei Drittel des gegenwärtigen Nationalteams haben einen Migrationshintergrund. Und wenn es bei den Fussballern auf dem Platz nicht so gut läuft oder sie sich abseits des Platzes etwas leisten, dann bekommen sie zu spüren, dass einige im Land mit dieser Schweiz immer noch etwas fremdeln.Die Kontinuität als StärkeSchweiz gegen Argentinien, im WM-Viertelfinal 2026: Das ist eine Geschichte, deren Anfänge weit zurückliegen. Und eine, an der über die Jahre viele mitgeschrieben haben. Hansruedi Hasler. Granit Xhaka. Und gerade auch: Murat Yakin, der Nationaltrainer.Yakin hat den Posten 2021 von Vladimir Petkovic übernommen, der 2014 für Ottmar Hitzfeld gekommen war, welcher wiederum 2008 Köbi Kuhn abgelöst hatte, der seit 2001 auf diesem Posten war. Das macht in der Summe vier Trainer, in 25 Jahren.Sie haben beide am Gebäude des Schweizer Fussballs gebaut: Murat Yakin, der jetzige Nationaltrainer, und sein Vorgänger Vladimir Petkovic.Nick Didlick / APDie Kontinuität ist im Fussball jener Wert, von dem seine vielen Akteure am meisten reden und den sie am wenigsten pflegen. Aber dem SFV kann man diesen Vorwurf nicht machen, er ist da ein sehr schweizerischer Verband. Geführt wurde er viele Jahre von Männern, die sich durch die föderalen Strukturen nach oben gearbeitet hatten. Sie waren gerne Präsident, das schon, aber selten mit dem Wissen, der Autorität und auch dem Geltungsdrang ausgestattet, ständig ins Tagwerk einzugreifen. Das Ergebnis war ein etwas behäbiger Verband. Aber auch einer, der den Dingen Zeit liess, um zu reifen.So wie die Schweiz keine Entlassungskultur hat, tut das auch der SFV nicht; er hat sich der Trainer- und generell der Funktionärstreue verschrieben, und die Bilanz gibt ihm recht. Seit 2004 hat die Schweiz nur eine Endrunde verpasst. Das ist sonst nur ganz grossen Fussballnationen wie Frankreich, England oder Portugal gelungen. Und an der WM hat sie seit 2014 jede Gruppenphase überstanden, was neben ihr lediglich Frankreich, Brasilien und Argentinien geschafft haben.Auch Murat Yakin blieb der SFV einst treu, obwohl es im Herbst 2023 knapp wurde für ihn. Yakin lieferte damals nur wenige Argumente, warum er weiter Nationaltrainer sein sollte. Trotzdem behielt er seinen Job. Der Verband gestand ihm zu, aus seinen Erfahrungen zu lernen, auch: seinen Fehlern. Und Yakin wurde besser. Band Granit Xhaka, den Unentbehrlichen, stärker in seine Entscheidungen ein. Akzeptierte Veränderungen und Professionalisierungen im Staff. Seit 2024 sitzt etwa Kevin Ehmes, der Spielanalyst, auf der Trainerbank.Yakin baut, woran schon Kuhn, Hitzfeld und Petkovic bautenYakin arbeitet am Gebäude des Schweizer Fussballs weiter, einem Gebäude, an dem schon Kuhn, Hitzfeld und Petkovic gebaut haben. Kuhn, der vom U-21-Nationaltrainer zum Cheftrainer befördert wurde und viele Junge einsetzte. Hitzfeld, der Trainer von Weltruf, der den Schweizern beibrachte, wie man nicht verliert, wie die NZZ einmal schrieb. Petkovic, der ihnen den Hitzfeldschen Pragmatismus austrieb und den Anspruch einimpfte, dominant und ambitioniert zu spielen.Nun leitet Yakin ein Team an, das davon lebt, dass es viele Stile beherrscht, auch: viele Gangarten, das zeigte sich an dieser WM. Gegen Algerien, im Sechzehntelfinal, schaltete die Schweiz in der zweiten Halbzeit in den Kontrollmodus. Gegen Kolumbien hielt sie in einem harten, intensiven Spiel dagegen. Und zeigte dabei jene «grinta», die sonst vor allem südamerikanischen Teams zugesprochen wird. Was auch für das Spiel gegen Argentinien hoffen lässt.Gegen Argentinien dürften sieben Schweizer mitspielen, die schon an der EM 2021 zum Kern des Teams gehörten. Auch darin spiegelt sich eine Schweizer Wesensart: Weil sie so ein kleines Land ist, hat sie weniger Fussballer zur Auswahl als die meisten Konkurrenten. Und muss darum länger an ihnen festhalten, mehr aus ihnen herausholen.Damals, 2021, schaffte es die Schweiz erstmals in einen EM-Viertelfinal. Und durchbrach damit eine Art gläserne Decke, weil sie das nach vielen Achtelfinal-Niederlagen erstmals schaffte. Nun hat sie an der WM den nächsten Bann gebrochen.Er traf einst nicht, und diesmal schon: Rubén Vargas, der entscheidende Penaltyschütze von Vancouver.Jared C. Tilton / GettyGegen Kolumbien verwertete Rubén Vargas, der Flügel, den entscheidenden Penalty. Auch 2021, im EM-Viertelfinal gegen Spanien, war Vargas angetreten. Damals hatte er verschossen. Diesmal erzählte Vargas hinterher, er habe sich vor einem Schuss noch nie sicherer gefühlt.Etwas erleben. Versagen. Es wieder erleben und besser machen, weil man sich sicherer fühlt. Es sind auch die vielen Erfahrungen, welche die Schweiz stark machen; dazu gehört auch die, in der Vergangenheit auf Nebenschauplätzen Energie verloren zu haben, etwa bei den wilden, emotionalen Spielen gegen Serbien an der WM 2018 und 2022.Dem Team ist in diesen Tagen anzumerken, dass sich viele Protagonisten schon lange kennen. Dass sie miteinander vertraut sind. Dass sie ein gemeinsames Gedächtnis haben. Das hilft auch den Jüngeren, Johan Manzambi etwa, dem Shootingstar dieser WM.Und es führt zu einer Kardinalfrage, nicht einer für jetzt, aber für später: wie es weitergeht, wenn die Fussballer, die das Team gerade tragen, irgendwann nicht mehr da sind, allen voran: Granit Xhaka, der bald 34 wird.Er hoffe, dass es wieder einmal eine Generation wie seine geben werde, sagte Xhaka, als er sich in Vancouver wieder gefangen hatte. Und fügte dann an: «Aber es ist eine spezielle Generation.» Womit dazu alles gesagt ist.Wo das alles noch hinführt, wird sich am Sonntagmorgen zeigen, 3 Uhr Schweizer Zeit, in Kansas City, Missouri. In Bühler, Mendrisio, Porrentruy. Aber sicher ist eines: Es brauchte vieles, damit es kam, wie es gekommen ist. Und wer weiss schon, ob die Schweiz je wieder so etwas erleben wird.Passend zum Artikel