Die Schweizer Fussballer entwickeln sich immer mehr zur Turniermannschaft. Das nährt die Hoffnung auf einen historischen WM-ErfolgReife, Resilienz, Effizienz: Das Nationalteam stellt an der WM die Attribute eines Topteams unter Beweis. Folgt im Achtelfinal gegen Kolumbien die nächste Leistungssteigerung?04.07.2026, 18.21 Uhr5 LeseminutenDie Schweizer Fussballer jubeln nach Dan Ndoyes Tor zum 2:0 im WM-Sechzehntelfinal gegen Algerien.Peter Klaunzer / KeystoneSich in ein Fussballturnier hineinsteigern, Widrigkeiten überwinden, an diesen wachsen und ein schwer zu bezwingendes Kollektiv werden – das beschreibt eine Turniermannschaft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kein anderes Nationalteam beherrschte diese besondere Qualität über Jahrzehnte hinweg so wie das DFB-Team, keines legte an Endrunden in einer solchen Regelmässigkeit Steigerungsläufe hin, wie die Deutschen es taten. Deshalb waren Turniermannschaft und Deutschland lange Zeit gleichsam ein Synonym. Nur: In der letzten Dekade ist den Deutschen diese Fähigkeit abhandengekommen, ihr Mythos ist zerstört – das Sechzehntelfinal-Aus an der WM gegen Paraguay war nur noch der letzte Beweis dafür.Ist der Begriff der Turniermannschaft nach der Havarie des DFB-Teams nun also leer? Mitnichten. Denn gerade schickt sich ein neuer Anwärter an, den Begriff mit neuem Leben zu füllen: die Schweiz. Das Team von Murat Yakin hat an der laufenden WM bisher all das unter Beweis gestellt, was eine Mannschaft von Format an einer Endrunde auszeichnet: Reife, Resilienz, Effizienz. Sie hat sich in dieses Turnier hineingekämpft und hineingespielt.So richtig angekommen sind die Schweizer am Donnerstagabend mit dem souveränen 2:0 im Sechzehntelfinal gegen Algerien. Zum ersten Mal errangen sie drei WM-Siege in Folge, zum ersten Mal seit 1938 haben sie ein WM-K.-o.-Spiel gewonnen. Doch die Schweizer wollen nach der überzeugenden Darbietung gegen Algerien nun mehr. Nämlich erneut Geschichte schreiben, mit dem ersten Viertelfinaleinzug an einer WM überhaupt.Das Team wuchs an internen und externen WiderständenHistorisches hatte der Nationaltrainer Murat Yakin schon vor dem Turnier im Sinne, fast mantraartig wiederholte er, er wolle mit dem Team «die beste WM der Geschichte» spielen. Dass dieses Ziel nun tatsächlich in Griffweite liegt, ist angesichts der Vorgeschichte alles andere als eine Selbstverständlichkeit.Zu dieser Vorgeschichte gehört, wie die WM für die Schweiz begonnen hat: denkbar schlecht. Der Stürmer Breel Embolo durfte wegen einer abgewiesenen Esta-Einreisegenehmigung zunächst nicht in die USA einreisen. Dazu kamen eine neuerliche Doppeladler-Geste im Baseball-Stadion in San Diego sowie publik gewordene Vorwürfe von Manuel Akanji an die Adresse eines Verbandssponsors. Oft entwickeln solche Nebengeräusche eine eigene Dynamik – selten zugunsten eines Teams.Der Schweizer Nationalspieler Breel Embolo bejubelt auf dem Rasen in Vancouver den Führungstreffer für seine Mannschaft gegen Algerien in der zehnten Minute.Lindsey Wasson / APDoch die Schweizer liessen sich von den Nebengeräuschen nicht beirren. Weder von den äusseren Widrigkeiten, die sich aus Embolos Einreiseproblemen und dem damit verbundenen medialen Wirbel ergaben, noch von den teaminternen Spannungen, die nach dem enttäuschenden letzten Testspiel gegen Australien und dem blamablen 1:1 zum WM-Auftakt gegen Katar an die Öffentlichkeit drangen. Nicht alle sollen goutiert haben, wie vehement Xhaka den fehlenden Fokus kritisiert hatte; der «Blick» berief sich auf eine Quelle, die im Zusammenhang mit dem Verhalten des Captains das Wort «toxisch» verwendet habe.Rubén Vargas sagte nach dem Katar-Spiel, sie dürften sich nun nicht «gegenseitig auffressen». Und tatsächlich: Das Team raufte sich zusammen, zeigte beim kapitalen 4:1 gegen Bosnien die geforderte Reaktion und schloss die Vorrunde dank dem 2:1 im Direktduell gegen Kanada als Gruppensieger ab. Yakins Mannschaft ist an der Schwere der jeweiligen Aufgabe gewachsen – maximaler Druck animiert sie regelmässig zu Bestleistungen.Am Donnerstag zeigten die Schweizer im Sechzehntelfinal nun ihre bisher reifste WM-Partie. Eindrücklich war vor allem, wie sie die Algerier nach der 2:0-Führung in der zweiten Halbzeit komplett abmeldeten, das Geschehen mittels Ballbesitz und routinierter Verteidigungsarbeit jederzeit kontrollierten. Viele Beobachter sprachen hinterher von der abgeklärtesten Leistung des Schweizer Nationalteams seit langem.Die Spieler der Schweizer Nationalmannschaft schwören sich vor dem Anpfiff gegen Algerien auf dem Rasen in Vancouver in einem engen Kreis aufeinander ein.Fran Santiago / GettyZwar war Algerien mit seinem Kurzpassspiel anfänglich spielbestimmend gewesen. Aber die Schweizer brachen den hohen Druck des Gegners im Stile einer grossen Mannschaft: mit zwei Toren aus drei Topchancen – es war eiskalte Effizienz. Und vor allem fielen diese Tore für die Schweiz zum bestmöglichen Zeitpunkt.Das erste Goal durch Johan Manzambi beendete die Druckphase des Gegners; das zweite durch Dan Ndoye direkt nach Wiederanpfiff liess die Algerier gar nicht nochmals aufkommen. Nicht zwingend das bessere Team sein, aber den Gegner im entscheidenden Moment zurückschlagen: Auch darin zeigt sich die Klasse einer Turniermannschaft.Yakins taktische Flexibilität zahlt sich ausUnd so lässt sich nun trefflich darüber diskutieren, ob die Schweiz vielleicht sogar eine Spitzenmannschaft sei. Was auf jeden Fall dafür spricht: Murat Yakins taktische Flexibilität. Sie war an dieser WM wiederholt entscheidend – und ist neben der Routine und der Eingespieltheit einer der Hauptgründe für den Erfolg dieses Teams.Die vielen Spielerwechsel und zahlreichen taktischen Varianten von Yakin elektrisieren zwar nicht jeden Beobachter; manche halten seine Spielweise für nerdig, andere für unattraktiv. Unbestritten ist nur: Der Nationaltrainer passt seinen Fussball konsequent den Stärken und Schwächen des jeweiligen Gegners an.Deshalb stellte er in vier WM-Spielen bereits drei verschiedene Rechtsverteidiger auf – weil ihm auf dieser Position gegen jeden Gegner ein anderes Spielerprofil vorschwebte. Deshalb liess er gegen Bosnien, als die Schweiz unter grossem Druck stand, zunächst defensiv, gegen Algerien hingegen von Beginn an sehr offensiv spielen – weil er den spielstarken Nordafrikanern seinerseits mit geballter Offensiv-Power begegnen wollte.Wie erfolgreich Yakins taktische Cleverness ist, verdeutlichte das Spiel gegen Algerien, das ja auch das Duell zweier taktisch versierter Trainer war. Hier Murat Yakin, der gegenwärtige Schweizer Nationaltrainer. Dort sein Vorgänger Vladimir Petkovic, der die fussballerische Identität dieser Auswahl zwischen 2014 und 2021 massgeblich geprägt hat. Yakin sagte vor dem Duell der beiden Taktikfüchse, die Schweizer wollten die Startphase nutzen und den Gegner sofort unter Druck setzen. Entsprechend stellte der Coach auf. Er nominierte den spielstarken Denis Zakaria hinten rechts und erstmals das Offensiv-Trio mit den schnellen Rubén Vargas, Johan Manzambi und Dan Ndoye.Torschütze Dan Ndoye (Mitte) bejubelt gemeinsam mit seinen Teamkollegen Johan Manzambi (links) und Ruben Vargas (rechts) den Treffer zum 2:0 gegen Algerien.Peter Klaunzer / KeystoneZwar musste Yakin nach der Startviertelstunde eine kleine taktische Anpassung vornehmen, um den Spielaufbau der Algerier besser zu stören. Doch von da an fanden die Nordafrikaner in der Offensive kaum noch Entfaltung. Das zeigt: Yakin und die Schweizer können auf Widrigkeiten auch während eines Spiels reagieren und entsprechend umstellen.Nun stellt sich die Frage, ob das Nationalteam im Achtelfinal gegen Kolumbien zur nächsten Leistungssteigerung fähig ist und am Dienstag erstmals unter die besten acht WM-Teams vorstösst. (MESZ 22 Uhr). Murat Yakin würde damit zum erfolgreichsten Nationalcoach in der Geschichte des Schweizerischen Fussballverbands avancieren.Aussichtslos ist das Unterfangen gegen Kolumbien, den Elften der Fifa-Weltrangliste, jedenfalls nicht. Schliesslich ist die Schweiz (15. der Fifa-Liste) bisher mit der Grösse der Herausforderung gewachsen. Sie hat die Qualitäten einer echten Turniermannschaft entwickelt – und ist vielleicht sogar ein Spitzenteam.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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