Bereit für Historisches: Die Energiekurve der Schweiz zeigt vor dem WM-Achtelfinal gegen Kolumbien steil nach obenVor drei Wochen war die Stimmung im Fussball-Nationalteam angespannt. Doch die Kritikkultur erweist sich als grosse Stärke dieser Mannschaft. Nun ist der Achtelfinal nicht gut genug.07.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHat viel zum Steigerungslauf des Schweizer Nationalteams an dieser WM beigetragen: der Flügelspieler Rubén Vargas.Ercin Erturk / ImagoVor fast genau drei Wochen erschien Rubén Vargas schon einmal zum Medientermin. Damals sass der Schweizer Fussballer auf dem Podium im WM-Camp in San Diego, er wirkte niedergeschlagen und sagte: «Wir dürfen uns jetzt nicht gegenseitig auffressen.» Zwei Tage zuvor hatte die Schweiz im WM-Auftaktspiel gegen Katar nur ein 1:1 erreicht, die Stimmung im Team war angespannt. Und man merkte, dass der Fehlstart nach einer WM-Vorbereitung voller Nebengeräusche auch an Vargas nagte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Sonntag sitzt Vargas, 27, wieder vor den Journalisten, diesmal im National Soccer Development Center, wo normalerweise das MLS-Team Vancouver Whitecaps trainiert. Hier hat sich das Schweizer Nationalteam vor dem WM-Achtelfinal gegen Kolumbien einquartiert, die Schar der Journalisten ist jetzt grösser, und Rubén Vargas wirkt wie verwandelt. Er sagt: «Die Stimmung im Team ist immer besser, wenn man Spiele gewinnt und es gut läuft.»Ein SteigerungslaufIn den vergangenen Wochen ist viel passiert. Die Equipe von Murat Yakin hat sich nach der Blamage gegen Katar in dieses Turnier hineingearbeitet. Legte einen Steigerungslauf hin. Und zeigte am Donnerstag beim 2:0 im Sechzehntelfinal gegen Algerien einen sehr abgeklärten, reifen Auftritt. Nun braucht sie noch einen Sieg, um erstmals in der Neuzeit den WM-Viertelfinal zu erreichen.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenRubén Vargas trug mit seinen zwei Toren und einem Assist viel zur Leistungssteigerung bei. Im gleissenden Licht standen indes andere, Johan Manzambi etwa, dieser Dribbler und Draufgänger, von dem nun alle schwärmen. Vargas ist das ganz recht so. Er brauche das Scheinwerferlicht nicht, sagt er. Er sei zufrieden, wenn er einfach seine Rolle gut ausfülle.Hat sich ins Scheinwerferlicht gespielt: der Schweizer Offensivspieler Johan Manzambi.Anne-Marie Sorvin / ReutersUnd worin besteht die genau? Vargas sagt: «Als Offensivspieler sind wir die ersten Verteidiger. Ich habe es mir angewöhnt, auch defensiv hart zu arbeiten.» Es sind typische Vargas-Sätze, aus ihnen spricht Pflicht, Demut, Solidarität. Alles wenig spektakulär. Aber die Sätze verdeutlichen, was dieses Nationalteam gerade so stark macht: dass jeder zuverlässig seine Aufgabe erledigt. Dass jeder weiss, was zu tun ist – und das umsetzt. Für den Flügel Vargas bedeutet das, auch die Defensivaufgaben ernst zu nehmen, wobei er das «gerne macht», wie er betont.Wie diese Mannschaft funktioniert, zeigte sich jüngst beispielhaft während des Algerien-Spiels. Und vor allem danach. Während Beobachter und Experten nach dem 2:0 im Brustton der Überzeugung von der Klasse und Abgeklärtheit des Nationalteams sprachen, erschienen der Coach Murat Yakin, Granit Xhaka und Breel Embolo durchwegs selbstkritisch zu den TV-Interviews. Alle waren sie glücklich über den Sieg, das schon. Aber da geht noch mehr – perfekt war das nicht, so der Tenor.Yakin sagte: «Die Statik ging nicht ganz auf in den ersten 10 bis 15 Minuten.» Die Algerier hatten sein Team mit ihrem schnellen, präzisen Kurzpassspiel in die Defensive gedrängt, die Schweizer kamen nicht ins Pressing, es fehlte der Zugriff. «Nach dem Tor durch Embolo in der 10. Minute haben wir deshalb eine kleine taktische Veränderung im Zentrum vorgenommen.» Yakins Spieler standen nun noch etwas tiefer, aber Algerien blieb gefährlicher und drückte vor dem Seitenwechsel auf den Ausgleich.Weshalb in der Pause sehr direkte und kritische Worte fielen. Embolo sagte: «Kompliment an die Mannschaft, wie wir in der Halbzeit ehrlich zueinander waren. Wir haben uns gesagt, dass wir alle 10 bis 15 Prozent mehr machen müssen.» Und der Captain Xhaka ergänzte: «Wir sind alle genug alt. Es ist immer besser, wenn man solche Sachen direkt anspricht.» Sie seien mit der ersten Halbzeit nicht zufrieden gewesen, hätten besprochen, was nicht gut gewesen sei. Und das dann geändert. Nach dem Seitenwechsel kontrollierten die Schweizer die Algerier komplett.Der Achtelfinal ist nicht gut genug: der Stürmer Breel Embolo (links) und der Nationaltrainer Murat Yakin im Gespräch.Peter Klaunzer / KeystoneDie Episode mag wie eine Anekdote wirken, aber sie sagt viel aus über die Qualitäten und das Selbstverständnis dieses Nationalteams.Xhaka spricht immer an, was ihm missfällt. Und zwar nicht erst seit seiner Kollegenschelte nach dem 1:1 im Testspiel gegen Australien und dem blamablen WM-Auftakt, als er sagte, die Mannschaft müsse jetzt «auf den Boden der Realität» zurückkommen. Der Captain wirkt dabei immer ein bisschen wie Will Teasle, dieser grimmige Sheriff aus dem Rambo-Klassiker «First Blood», der noch die kleinste Nachlässigkeit seiner Mitmenschen tadelt. Der «Blick» schrieb nach dem Katar-Spiel, nicht alle im Team würden Xhakas vehemente Kritik goutieren, und berief sich dabei auf eine Quelle, die im Zusammenhang mit Xhakas Verhalten das Wort «toxisch» verwendet habe.Granit Xhaka (links) spricht an, was ihm missfällt – die Kritikkultur im Nationalteam funktioniert.Albert Gea / ReutersDie Aussagen der Protagonisten nach dem Algerien-Spiel legen aber einen anderen Schluss nahe: Die Kritikkultur im Nationalteam funktioniert. Es ist nie genügsam, will stets mehr. Spricht Probleme offen an. Und findet auf Widrigkeiten innert Kürze Lösungen. «Das macht eine gute Mannschaft aus», sagt Vargas.Wäre das bloss dahingesagt und nicht gelebte Erfahrung, wären die konzentrierten, solidarischen Leistungen wie das 4:1 im wegweisenden zweiten WM-Spiel gegen Bosnien-Herzegowina und das 2:1 gegen Kanada im Direktduell um den Gruppensieg kaum möglich gewesen. Das Nationalteam zieht offensichtlich Kraft aus seiner konstruktiven Streitkultur.Wie sonst lässt sich erklären, dass es gerade zum ersten Mal drei WM-Spiele in Folge gewann, obwohl der Start in dieses Turnier so schwierig war? Und nun, vor dem WM-Achtelfinal, emotional so im Aufwind ist wie vielleicht noch nie? Während die beiden Serbien-Spiele an den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 dem Team Energie entzogen und danach bittere Outs im Achtelfinal resultierten, scheint die Energiekurve in diesem Jahr gerade umgekehrt zu verlaufen: steil ansteigend.Die Kolumbianer plagt ein GrippevirusDie Schweiz hat in den vergangenen Wochen die Qualitäten einer Turniermannschaft unter Beweis gestellt und mehrfach Widrigkeiten überwunden. Jetzt ist sie bereit, Historisches zu leisten. Der Nationalteam-Direktor Pierluigi Tami sagte dazu: «Wichtig ist die Frage: Wie gross ist der Wille, die Hürde Kolumbien unbedingt zu nehmen? Ich spüre in der Mannschaft und dem Staff: Sie wollen um jeden Preis den nächsten Schritt machen.»Beste Voraussetzungen also, um am Dienstag in Vancouver Geschichte zu schreiben. Zumal Kolumbien Energieprobleme der ganz anderen Art hat. Anders als die Schweizer, die bereits ihr drittes WM-Spiel in Vancouver absolvieren, haben die Südamerikaner einen beschwerlichen Reiseparcours hinter sich. Ihr Sechzehntelfinal gegen Ghana fand im schwülheissen Kansas City statt, zudem hatten sie einen Tag weniger Erholung. Und nun grassiert im Team des Trainers Néstor Lorenzo auch noch ein Grippevirus. Die robusten Kolumbianer gehen also geschwächt in dieses Knock-out-Spiel. So ganz anders als die Schweiz.Passend zum Artikel
WM 2025: Die Energiekurve der Schweiz zeigt vor dem Achtelfinal steil nach oben
Vor drei Wochen war die Stimmung im Fussball-Nationalteam angespannt. Doch die Kritikkultur erweist sich als grosse Stärke dieser Mannschaft. Nun ist der Achtelfinal nicht gut genug.










