Die Schweiz und WM-K.-o.-Spiele – das war bisher kompliziert. Jetzt kann das Nationalteam die Geschichte umschreibenDie Schweizer Fussballer haben in der Neuzeit noch kein K.-o.-Spiel an einer WM gewonnen. Die Enttäuschung wäre riesig, wenn es gegen Algerien wieder nicht klappt.02.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHat eine Entwicklung vom Pragmatiker zum versierten Taktiker hinter sich: der Nationalcoach Murat Yakin (rechts).Lee Smith / ReutersDer WM-Sechzehntelfinal gegen Algerien in der Nacht auf Freitag (5 Uhr MESZ) wird für die Schweizer Fussballer eine besondere Affiche. Weil sie im BC-Place-Stadion in Vancouver auf ihren früheren Coach, Vladimir Petkovic, treffen. Vor allem aber, weil sie im Sechzehntelfinal endlich einen Makel loswerden wollen. Nämlich den, dass sie in der Neuzeit noch kein einziges K.-o.-Spiel an der WM gewonnen haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Schweiz reden einige Beobachter nach dem Gruppensieg bereits davon, wie günstig die Konstellation an dieser WM doch nun sei: dass das Nationalteam im allfälligen Achtelfinal nicht, wie zunächst befürchtet, auf Portugal treffen würde. Sondern «nur» auf Kolumbien oder Ghana.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenDoch dabei geht vergessen, dass Knock-out-Spiele an der WM noch immer etwas Besonderes sind für die Schweiz. Sie hat in diesem Jahrtausend erst vier solcher Partien absolviert, 2006, 2014, 2018 und 2022. Stets waren es WM-Achtelfinals, jedes Spiel ging verloren, und jedes Spiel hatte seine ganz eigene, besondere Geschichte.2006 versagen den Schweizern gegen die Ukrainer im Penaltydrama zu Köln die Nerven. Unvergessen, wie Marco Streller vor seinem Elfmeter züngelt, nervös anläuft – und dann einen Schuss abgibt, der eigentlich ein Rückpass ist. Wie danach auch Ricardo Cabanas und Tranquillo Barnetta verschiessen.2014 halten die Schweizer in São Paulo dem Argentinien Messis 118 Minuten lang heroisch stand. Dann unterläuft Stephan Lichtsteiner ein Fehlpass, Lionel Messi passt auf Ángel Di María, 0:1. Unvergessen auch, wie Blerim Dzemaili danach, Minute 121, nur den Pfosten trifft.Oder wie sich die Schweizer 2018 in St. Petersburg über den Platz schleppen, beim 0:1 gegen Schweden völlig entkräftet wirken. Als ob ihnen das 2:1 gegen Serbien in Kaliningrad – der Doppeladler-Jubel und seine Folgen – sämtliche Energie entzogen hätte. Und vielleicht hat es das ja auch.2022 schliesslich das 1:6 gegen Portugal in Doha. Murat Yakin stellt hinten rechts Edimilson Fernandes auf, das Experiment geht schief, die Schweiz wird überfahren. Ein Debakel, wie es in solchen Spielen selten vorkommt. Eines, das Yakin damals als Nationaltrainer infrage stellt.Das frühe WM-Aus wäre ein ScheiternJetzt, vier Jahre später, hat Yakin mit dem Nationalteam die Chance, die Geschichte der verlorenen Schweizer K.-o.-Partien an Weltmeisterschaften umzuschreiben. Wobei die Ausgangslage ein bisschen eine andere ist, weil es nun ja erstmals WM-Sechzehntelfinals gibt, was die Bedeutung der Partie gegen Algerien nicht ganz so gross macht.Und doch: Nach allem, was das Nationalteam in den letzten Jahren geleistet hat, wäre ein frühes WM-Aus eine noch grössere Enttäuschung als die bisherigen Niederlagen. Nun muss es doch einfach klappen, ist man geneigt zu sagen. Wegen Murat Yakins Ankündigung, die «beste WM der Geschichte» zu spielen. Wegen des Selbstverständnisses, das dieses Nationalteam schon länger vor sich herträgt und dem es mit dem Erreichen der EM-Viertelfinals 2021 und 2024 zwei Mal gerecht geworden ist.Diese Erfolge haben das Selbstverständnis verändert. Und im kleinen Land eine so grosse Erwartungshaltung entstehen lassen, dass ein Ausscheiden gegen Algerien nicht bloss als Niederlage, sondern als verpasste Chance gelten würde.Aber eben: Die Schweiz und K.-o.-Spiele an der WM, es ist so eine Geschichte.In der Vorrunde hinterliess die Schweiz einen zwiespältigen EindruckEs ist aber auch die Geschichte einer Entwicklung. 2022, nach dem Achtelfinal-Aus gegen Portugal, wurde Yakin in der NZZ noch als Pragmatiker bezeichnet. Er lasse defensiven, unattraktiven Fussball spielen, war da zu lesen. Doch seither hat der Coach einen Wandel vollzogen – und mit ihm das Nationalteam.Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung markierte das 2:0 im EM-Achtelfinal 2024 gegen Italien. Als Yakin die Aufstellung der Italiener sah, sagte er sich: «Die machen wir platt.» Der Coach passte das System an, die Schweizer überfuhren Italien.Während Ottmar Hitzfeld den Schweizern das Selbstvertrauen implementierte, auch gegen grosse Mannschaften zu bestehen, und Vladimir Petkovic den dominanten Spielstil etablierte, erweiterte Yakin das bereits Funktionierende um eine entscheidende Neuerung: maximale Flexibilität. Yakin ist ein Tüftler, ein Pröbler, einer, der den Gegner akribisch studiert – und sein Team akkurat auf dessen Stärken und Schwächen einstellt.Trotzdem hat Yakins Equipe in der Vorrunde einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Sie hat zwar jeden Gegner dominiert, und auch ihre Spielidee war ersichtlich: viel Ballbesitz, viel Kontrolle, klare Abläufe. Aber dem Team gelang es bisher in keinem Spiel, den laufintensiven Yakin-Fussball über 90 Minuten konsequent durchzuziehen. Optimistisch stimmt, dass diese Mannschaft nie wirkte, als ob sie schon am Limit spielte.Gegen Algerien wird sich nun zeigen, was die WM-Vorrunde der Schweizer tatsächlich wert war. Und klar ist: Es braucht eine Steigerung. Denn das Team von Vladimir Petkovic ist eine Ansammlung starker Individualisten: Riyad Mahrez (al-Ahli), Rayan Aït-Nouri (Manchester City), Ramy Bensebaini (Dortmund), Amine Gouiri (Marseille) und Ibrahim Maza (Leverkusen) sind die bekanntesten. Die Algerier werden vor allem dann gefährlich, wenn sie ihr schnelles und präzises Kurzpassspiel entfalten können.Verwundbar wirken die «Wüstenfüchse» indes in der Defensive, weil die offensiven Aussenverteidiger hoch stehen und sich dahinter Lücken auftun. Und noch eine Schwachstelle haben sie: den Torhüter Luca Zidane, Sohn von Zinedine Zidane, der bei den vier Gegentreffern in den ersten zwei WM-Partien keine gute Figur machte.Wollen die Schweizer Fussballer an dieser WM Bleibendes schaffen, wie sie seit langem ankündigen, so müssen sie nun Algerien bezwingen. Die Voraussetzungen dafür waren selten besser, schliesslich wirkt das Team so reif wie noch nie, es scheint auf dem Zenit seines Leistungsvermögens. Deshalb ist der Moment jetzt. Zeit, die Geschichte umzuschreiben. Und endlich das erste K.-o.-Spiel an einer WM zu gewinnen.Mitarbeit: Dominic WirthPassend zum Artikel
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