Die Zeit ist reif: Wollen die Schweizer Fussballer an einer WM Bleibendes schaffen, dann ist jetzt der Moment dafürAm Samstagabend startet die Schweiz gegen Katar in die WM. Sie hat, was es braucht, um ein erfolgreiches Turnier zu bestreiten. Man darf von ihr diesen Sommer einiges erwarten.13.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Schweizer Trainer Murat Yakin hat seit dem letzten WM-Spiel, dem 1:6 gegen Portugal, einiges richtig gemacht.Peter Klaunzer / KeystoneMit den Schweizer Fussballern ist es seit einigen Jahren so: Man hat vor grossen Turnieren immer irgendwie das Gefühl, dass sie gerade jetzt im Zenit stehen, definitiv und endgültig, und dass danach, wenn das grosse Turnier vorbei ist, die Überreife lauert, also: der Zerfall, der einen langsamen Neubeginn nötig macht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So fühlt es sich auch jetzt wieder an, vor der WM 2026, die für die Schweiz am Samstag in San Francisco beginnt, mit dem ersten Gruppenspiel gegen Katar (21 Uhr MESZ). Aber dieses Mal noch ein bisschen mehr.Wenn die Schweizer Fussballer an einer WM Bleibendes schaffen wollen, dann ist jetzt der Moment gekommen. An den letzten WM waren sie das Team, das die Gruppenphase übersteht. Und sich dann umgehend verabschiedet. Sie waren stets zuverlässig, aber mehr waren sie nie.In der Neuzeit hat die Schweiz noch kein einziges K.-o.-Spiel an einer WM gewonnen; 2006, 2014, 2018 und 2022 schied sie im Achtelfinal aus, und eigentlich enttäuschte sie jedes Mal, mit einer Ausnahme: WM 2014, São Paulo, das späte Drama in der Verlängerung gegen Messis Argentinien.Die beste WM der Geschichte?Diesen Sommer wolle die Schweiz «die beste WM der Geschichte» zeigen, so haben das die Protagonisten des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) in letzter Zeit bei jeder Gelegenheit verkündet. Aus dem Satz spricht das Selbstverständnis, mit dem die Schweiz schon länger an Endrunden reist. Und auch das Wissen darum, dass die Sterne gerade günstig stehen. Wobei sich der Trainer Murat Yakin oder der Präsident Peter Knäbel nicht festlegen mögen, was denn nun genau die «beste WM der Geschichte» wäre. Zur Erinnerung: 1954 erreichte die Schweiz den Viertelfinal.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenWie auch immer: Der Optimismus ist berechtigt. Man darf vom Schweizer Team in diesem Sommer einiges erwarten, bestimmt auch einen Sieg in der K.-o.-Phase. Auch zwei. Oder sogar drei. Daran ändern auch die letzten Tage nichts, die von vielen Nebengeräuschen geprägt waren, allen voran: die Einreiseprobleme von Breel Embolo und der Ausbruch von Granit Xhaka.Der Captain kritisierte nach dem 1:1 gegen Australien so ziemlich alle in der Schweizer Delegation, Mitspieler und Staff, und das in einer Deutlichkeit, die überraschend kam. Man müsse aufwachen, sagte Xhaka unter anderem.Der 33-Jährige sprach mit der Dringlichkeit eines Mannes, der weiss, dass die Dinge endlich sind. Xhaka ist das Gesicht dieser Generation. 2009 wurde er mit dem U-17-Team in Nigeria Weltmeister; er lernte dort, dass eine Schweizer Auswahl jeden Gegner bezwingen kann. Diesen Glauben pflanzte er später auch dem A-Nationalteam ein.Mittlerweile hat Xhaka 146 Länderspiele angehäuft und Ricardo Rodríguez, der andere verbliebene U-17-Weltmeister im Schweizer Team, 138. Das Duo führt die Liste der Rekord-Nationalspieler an und steht sinnbildlich für eine Auswahl, in der viele Länderspiele zusammenkommen, auch: viel Turniererfahrung.Die personelle Konstanz in der Auswahl ist erstaunlich. Sieben der elf Spieler, die an der EM 2021 den Stamm bildeten, könnten das auch jetzt wieder tun, fünf Jahre später. Doch, von wegen Reife und Überreife: Die WM 2026 ist in dieser Zusammensetzung der letzte Tanz dieser Mannschaft auf der WM-Bühne. Viele ihrer Leistungsträger sind um die dreissig Jahre alt – und teilweise deutlich älter.Wie wird sich der Teamgeist während der wochenlangen WM entwickeln? Ardon Jashari, Luca Jaquez, Noah Okafor, Zeki Amdouni, Ruben Vargas und Breel Embolo (von links) beim Training in San Diego.Peter Klaunzer / KeystoneDas Versprechen ManzambiDie Schweizer haben Xhaka, den Captain, der eine hervorragende Saison in der Premier League gespielt hat. Sie haben mit Gregor Kobel einen Goalie, der zur erweiterten Weltspitze gehört, und mit Akanji einen Abwehrchef, der bei Inter Mailand spielt – und damit bereits beim dritten Spitzenklub in einer europäischen Topliga. Sie haben Freuler, der mit Xhaka ein Duo im zentralen Mittelfeld bildet, das sich seit Jahren wunderbar ergänzt. Sie haben das Tempo von Dan Ndoye und im Sturm mit Embolo einen verlässlichen Fixpunkt.Und sie haben, zu guter Letzt, mit Johan Manzambi eines der interessanteren Talente im europäischen Fussball. Erst vor einem Jahr war der Zwanzigjährige erstmals in der Nationalmannschaft dabei. Doch er hat in letzter Zeit schnell grosse Fortschritte gemacht und soll mit 50 Millionen bereits den höchsten Marktwert des Teams haben. Es deutet einiges darauf hin, dass Manzambi an der WM zur Schweizer Startformation zählen wird.Manzambi kann das Team bereichern, er ist ein aussergewöhnlicher Fussballer, weil er Energie und Kreativität verbindet und die Lust am Zweikampf mit jener am Dribbling.So oder so scheinen die Schweizer für die Herausforderungen, die eine Endrunde bereithält, gewappnet. Das legen die Eindrücke aus den letzten zwei Jahren nahe. 2025 meisterten die Schweizer die WM-Qualifikation überraschend problemlos und kassierten nur zwei Gegentore. 2024 erreichten sie an der EM den Viertelfinal, und sie verloren dort gegen England ein Spiel, das sie auch hätten gewinnen können.Stabilität, Vertrautheit und Erfahrung zeichnen die Schweizer aus; solche Qualitäten können ein Team an einer WM weit tragen. Es ist zudem ihr Glück, dass sie vom Verletzungspech völlig verschont blieben.Yakin wird bereit sein müssen, wenn es zähltDer Trainer Murat Yakin hat in seinem letzten WM-Spiel, 2022 im Achtelfinal gegen Portugal, seine schlimmste Niederlage erlebt. 1:6 gingen die Schweizer damals unter, auch, weil Yakin seinem Team ein taktisches Experiment zumutete. Es gibt Leute, die ihn einen Gambler nennen; er hört lieber das Wort Taktikfuchs.Auf jeden Fall ist Flexibilität für den Trainer ein hohes Gut, das zeigte sich auch in den letzten Vorbereitungsspielen. Yakin schwebt eine fluide Spielweise vor. Das kann eine wertvolle Waffe sein, wie an der EM 2024, als die Schweizer im Achtelfinal Italien so 2:0 bezwangen. In Taktik-Podcasts reden Experten im Aufgalopp zur WM immer noch anerkennend darüber, wie die Schweiz den Gegner damals ausspielte.Der Trainer wird in den kommenden Wochen da sein müssen, wenn es zählt; eine Qualität, die er in den letzten zwei Jahren mehrfach unter Beweis stellte. Aber anscheinend hielt der Captain Xhaka es jüngst für notwendig, zu einer Art Intervention zu schreiten. Und dabei auch Yakin anzusprechen. Das kann Yakin, der Nebengeräusche wie jeder Trainer unbedingt vermeiden will, nicht gefallen haben. Ob die Geschichte nachwirkt, werden die nächsten Wochen zeigen.In der Gruppenphase, die im aufgeblähten 48er-Feld den Charakter eines überlangen Prologs haben wird, wäre alles andere als ein Schweizer Gruppensieg eine Enttäuschung, weil Katar, Kanada und Bosnien-Herzegowina schwächer einzustufen sind. Danach werden an diesem Turnier viele Faktoren mitspielen. Etwa das Klima. Und die Reisen.Beides könnte für das routinierte, aber eben auch nicht mehr jugendliche Schweizer Team ein Faktor werden. Auch, wie es um den Geist steht in einem Team, das wochenlang zusammen ist, Tag und Nacht, und während die einen spielen und zufrieden sind, sind es die anderen nicht.Am Ende ist es bei Turnieren ja immer so, dass ein paar Steine richtig fallen müssen, damit ein Flow – vielleicht auch: eine Erzählung – entstehen kann. Das lässt sich nur bedingt steuern. Aber wenn es passiert, stehen die Chancen auf die «beste WM der Geschichte» gut.Passend zum Artikel
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