WM-Flop 2022, Krieg, Hausarrest und Qualifikation in extremis: Vor dem Spiel gegen die Schweiz spricht wenig für KatarDie Fussballer aus dem kleinen Wüstenstaat stürzten vor vier Jahren an ihrem Heimturnier ab. Jetzt wollen sie Wiedergutmachung. Doch die Vorzeichen sind schlecht.13.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKatar hat nur 3 Millionen Einwohner, aber nur 15 Prozent Einheimische und demzufolge nur wenig lizenzierte Fussballer.Noushad / ImagoEs gibt bessere Voraussetzungen als einen Arbeitsstopp, Hausarrest und eine Familie, die sich, über 5000 Kilometer Luftlinie entfernt, Sorgen macht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Julen Lopetegui, der Trainer der katarischen Fussball-Auswahl, ist in Doha in den letzten Monaten neu auf die Welt gekommen. Die Ausweitungen des Iran-Kriegs verhinderten nicht nur Testspiele, sondern lehrten den Spanier auch das Leben im Krieg. Alarmsignale wegen möglicher Angriffe, Mitteilungen auf dem mobilen Kommunikationsgerät, Instruktionen, in Deckung gehen – «man kann sich daran gewöhnen», sagte Lopetegui unlängst der «Gazzetta dello Sport», «man sieht Raketen und hört weit entfernt Explosionen».Dagegen wird die beeinträchtigte Turnier-Vorbereitung zur Nebensache. Trotzdem hätte sich Lopetegui mehr Normalität gewünscht, hat doch Katar an der WM-Endrunde etwas gutzumachen. Die WM 2022 wurde für den Veranstalter zwar nicht zur organisatorischen, aber zur sportlichen Peinlichkeit.Julen Lopetegui (Zweiter von rechts) hat als Cheftrainer von Katar keine leichte Aufgabe.Noushad Thekkayil / ImagoKatar war 2022 schnell aller Sehnsucht beraubt2010 hatte das Land das Turnier in einer umstrittenen und mutmasslich korrumpierten Wahl zugesprochen erhalten. Zwölf Jahre später lösten sich alle Hoffnungen in Luft auf, da nützten auch die bäumige Aspire-Akademie und alles Geld und Flehen des Emirs nichts mehr. Schon nach zwei WM-Auftritten war alles aus. Ecuador, Senegal und die Niederlande waren zu stark. Am Ende 0 Punkte, 1:7 Tore. Noch nie ist einem Veranstalterland so schnell der WM-Schnauf ausgegangen.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenWas im Wüstenstaat folgte, war die Beschleunigung des Trainerkarussells. Nach dem Spanier Felix Sanchez, dem WM-Coach von 2022, lösten sich zwei Portugiesen und zwei weitere Spanier ab, ehe 2025 in der Not Lopetegui gerufen wurde. Das ist jener Trainer, der im spanischen Fussballverband hochkam, der die Auswahl 2018 schier makellos an die WM in Russland führte, ehe er unmittelbar vor Turnierbeginn abgesetzt wurde. Der Grund: sein Abgang zu Real Madrid, der bereits feststand.1994 war Lopetegui an einer WM dabeiDas ist mittlerweile acht Jahre her. Lopetegui sagt heute, dass ihn diese Zäsur stark gemacht habe. So erlebt der 59-jährige Baske 2026 seine erste WM, einmal abgesehen davon, dass er für das Turnier 1994 in den USA als dritter spanischer Torhüter aufgeboten war.In Katar kann Lopetegui aus der Nähe mitverfolgen, wie schwer es ist, den Fussball zwar mit viel Geld, aber ohne Tradition und ohne Verankerung voranzubringen. Das kleine Land hat 3 Millionen Einwohner, aber nicht mehr als 15 Prozent Einheimische und demzufolge nur wenig lizenzierte Fussballer. Das Niveau der Liga bleibt bescheiden.Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass die nationale Auswahl von Fragen der Nationalität heimgesucht wird. Wie nach dem Asien-Cup 2019, dem Pendant der EM-Endrunde in Europa, den Katar im eigenen Land gewann. Der Verband der Vereinigten Arabischen Emirate zweifelte nach der Halbfinal-Niederlage gegen Katar die Spielberechtigung des Stürmers Almoez Ali an.Diese stand wegen der sudanesischen Wurzeln des Spielers zur Debatte. Die Klage gelangte bis vor den internationalen Sportgerichtshof (TAS), der sie 2020 schliesslich abwies. In die Begründung floss mit ein, dass «seine biologische Mutter in Katar geboren wurde».Sechs Katarer haben über 100 LänderspieleDer heute 29-jährige Almoez Ali, mit 55 Toren der Rekordtorschütze Katars, gehört im WM-Aufgebot Lopeteguis zu jenen sechs Spielern, die mehr als 100 Länderspiele summieren. Das weist auf Erfahrung, aber eben auch auf eine gewisse Überalterung hin. Der Captain Hassan al-Haydos debütierte 2008 und war schon einmal aus dem Nationalteam zurückgetreten, ehe ihn Lopetegui zurückholte.Al-Haydos wird Ende Jahr 36 und kommt auf über 180 Länderspiele. Da erblasst sogar der Schweizer Rekordnationalspieler Granit Xhaka mit seinen 146 Einsätzen für die Landesauswahl vor Neid.Es kann nur besser werden: v. l. n. r. Akram Afif, Sultan Al-Brake, Karim Boudiaf, Mohamed Naceur Almanai und Almoez Ali.Ibraheem Al Omari / ReutersImmerhin: Nach dem WM-Blackout im eigenen Land hatte das katarische Team einen Lichtblick. Es errang 2024 den zweiten Asien-Cup-Sieg in Folge. Damals war Akram Afif mit acht Toren bester Torschütze des Turniers, im Final verwertete er gleich drei Elfmeter.Ob Akram Afif auch die Schweizer zu erschrecken vermag? Nicht viel spricht dafür. Nicht die durch den Iran-Krieg eingeschränkte WM-Vorbereitung, nicht die teilweise turbulente Qualifikation, in der sogar Vorwürfe der Bevorteilung kursierten (Heimspiele, Erholungszeiten). Nicht die Tatsache, dass Katar nur wegen des aufgeblähten Teilnehmerfelds auf WM-Reise ist. Es kann nur besser werden. Es muss besser werden als 2022, als Katar auch an den zu hohen Erwartungen scheiterte. Zumindest diese sind aus der Welt geschafft.Passend zum Artikel
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