Das Schweizer Nationalteam schafft an der Fussball-WM Historisches – weil es auf alle Eventualitäten eine Antwort findetDer erste WM-Viertelfinal seit 1954 ist der Lohn dafür, dass Yakins Team sämtlichen Widerständen trotzt. Die Spielergeneration um Granit Xhaka und Ricardo Rodríguez hat eine Beharrlichkeit entwickelt wie keine vor ihr.08.07.2026, 06.55 Uhr6 LeseminutenDas Schweizer Nationalteam kann jetzt auch Penaltys: Zeki Amdouni (links) Granit Xhaka und Cedric Itten verwandeln – nur Manuel Akanji (Zweiter von links) verschiesst.Peter Klaunzer / KeystoneVor zwei Tagen sitzt Rubén Vargas im Medienzentrum des kanadischen National Soccer Development Center und sagt diesen Satz: «Wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Platz stehe, werde ich hingehen und den Elfmeter schiessen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt ist Vargas der letzte Schweizer Penaltyschütze im WM-Achtelfinal gegen Kolumbien. Der eingewechselte Flügel sieht eine gelbe Wand vor sich, die über 40 000 kolumbianischen Fans im BC-Place-Stadion in Vancouver versuchen, ihn mit einem gellenden Pfeifkonzert zu verunsichern. Der Druck ist maximal, der Gang zum Penaltypunkt dauert eine halbe Ewigkeit. Doch Vargas bleibt cool und trifft, das Fussball-Nationalteam bezwingt Kolumbien 4:3 nach Elfmeterschiessen und schreibt Geschichte: Erstmals seit 1954 steht die Schweiz wieder in einem WM-Viertelfinal.Gregor Kobel tritt aus Sommers grossem SchattenNeben Vargas ist Gregor Kobel die grosse Figur in diesem Penaltyschiessen. Er, der lange nicht aus dem grossen Schatten der Überfigur Yann Sommer herausfand. Er, der immer wieder kritisiert wurde, weil er nicht ganz so abgeklärt hinten heraus spielt wie sein Vorgänger. Jetzt hat Kobel seinen grossen Moment im Nationalteam: Nachdem der Kolumbianer Davinson Sánchez mit seinem Versuch nur die Latte getroffen und Manuel Akanji meterweit drüber geschossen hat, pariert der 28-Jährige den Versuch von Cucho Hernández. Das reicht.Die grosse Figur des Penaltyschiessens: Torhüter Gregor Kobel.Abbie Parr / APDenn danach treffen Cedric Itten und der kolumbianische Superstar Luis Díaz. Und dann erlöst Vargas eine ganze Nation. Von diesem Spiel, das an Dramatik kaum zu überbieten ist – es strapazierte die Nerven gehörig. Vom Penaltyfluch – nur eines von sechs Elfmeterschiessen gewann das Nationalteam an grossen Turnieren. Aber vor allem vom ewigen Achtelfinal-Leiden an Weltmeisterschaften – immer wieder scheiterte die Schweiz, 1994, 2006, 2014, 2018 und 2022.Doch jetzt hat das Schweizer Nationalteam endlich sein langersehntes Ziel erreicht: «die beste WM der Geschichte». Es ist der Lohn für die goldene Schweizer Generation mit Granit Xhaka und Ricardo Rodríguez, die im Jahr 2009 U-17-Weltmeister wurden und das A-Nationalteam seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten prägen. Der Lohn dafür, dass diese Spielergeneration in den vergangenen Jahren einen Siegeswillen, eine Beharrlichkeit, auch: eine Widerstandsfähigkeit entwickelt hat wie keine vor ihr. Seit 2014 qualifizierte sie sich für jede Endrunde, immer wieder überwand sie Widerstände. Aber sie blieb eben auch immer wieder an der scheinbar natürlichen Grenze WM-Achtelfinal hängen. Bis zu diesem 7. Juli 2026.Und Hindernisse musste Murat Yakins Mannschaft auch an dieser Endrunde überwinden. Da war der blamable Auftakt mit dem 1:1 gegen Katar. Die teaminternen Verstimmungen danach. Das kapitale zweite Gruppenspiel gegen Bosnien. Yakins Ensemble raufte sich zusammen, es steigerte sich von Spiel zu Spiel in diese WM hinein, entwickelte sich zur Turniermannschaft. Zeigte im Sechzehntelfinal gegen Algerien die wohl abgeklärteste Leistung eines Schweizer Nationalteams seit langem – und belohnte sich dafür mit dem WM-Achtelfinal gegen den Weltranglisten-Elften Kolumbien.Doch dann schon wieder Ungemach: Vor dem Spiel gegen Kolumbien mussten gleich drei Spieler das Abschlusstraining verletzungsbedingt abbrechen, neben Djibril Sow die zwei produktivsten Schweizer Offensivspieler Johan Manzambi und Rubén Vargas. Fünf der neun Schweizer Turniertore hatten sie erzielt. Manzambis Knie ist jetzt das Knie der Nation; dass er an diesem Turnier noch einmal zum Einsatz kommt: unwahrscheinlich.Der Nationaltrainer Murat Yakin umarmt Ruben Vargas und Yvon Mvogo.Peter Klaunzer / KeystoneYakin versuchte, die Contenance zu wahren, vor dem wichtigsten Spiel seiner Trainerkarriere sagte er: «Grosse Spiele werden von grossen Spielern entschieden.» Und vielleicht auch von grossen Trainern? Eigentlich liebt Yakin solche Momente, Improvisieren liegt ihm, das hat er mehrfach betont. Aber der Ausfall Manzambis, dieses Überfliegers im Schweizer Team, war auch für ihn «ein Schock», wie er nach dem historischen Achtelfinal-Sieg zugab.Der Nationaltrainer musste also Lösungen finden, wie schon so oft: Er nominierte Ardon Jashari an Manzambis Stelle. Doch schnell wurde ersichtlich, dass der Spieler der AC Milan hinter der Sturmspitze eine Fehlbesetzung ist. Jashari, der Sechser, fand nie richtig ins Spiel, in der Pause ersetzte Yakin ihn durch Djibril Sow. Und rückte Rieder auf die Zehnerposition. Von da an funktionierte das Spiel der Schweizer besser.Und doch taten sie sich schwer gegen die physisch robusten Kolumbianer. Dass sie nur wenige Torchancen haben würden, war anzunehmen; nur ein Gegentor hatte die defensiv starke Mannschaft von Néstor Lorenzo an der WM bis dahin zugelassen. Umso wichtiger wäre es gewesen, eine der wenigen Torchancen zu nutzen. Doch Rieder nach einer halben Stunde und Sow direkt nach Wiederanpfiff vergaben die besten Schweizer Gelegenheiten.Die Schweiz gewinnt dank ihrer WiderstandskraftNach dem Seitenwechsel entwickelte sich die Partie immer mehr zu einem intensiven Abnützungskampf. Hart geführte Zweikämpfe, Nicklichkeiten, viele Unterbrechungen: Immer wieder unterbanden die Kolumbianer den Spielaufbau der Schweizer durch Interventionen hart an der Grenze des Zulässigen.Doch wie Yakins Team darauf reagierte, sagt viel aus über die Qualität dieser Equipe: Sie liess sich nicht beirren, versuchte das Spielgeschehen zu kontrollieren, auch: zu beruhigen. Und blieb selbst dann abgeklärt, wenn sie zuweilen tief in die eigene Platzhälfte zurückgedrängt wurde. Dieses Länderspiel wird als eines der unansehnlichsten in der Amtszeit von Murat Yakin in Erinnerung bleiben. Aber darum ging es an diesem Abend nicht. Yakin sagte: «Wir mussten dagegenhalten, über den Kampf, die Härte in dieses Spiel hineinfinden.» Und seine Mannschaft beweist, dass sie mittlerweile ganz unterschiedliche Modi beherrscht: Ballbesitz, geordnetes Verteidigen, wenn nötig auch Abwarten. Darin zeigt sich ihre ganze Routine und Klasse.Und Yakin betonte noch etwas Entscheidendes: «Wir haben uns mit allen möglichen taktischen Varianten beschäftigt, jeden Gegenspieler einzeln studiert, einen Penalty-Workshop durchgeführt.» Kurzum: Die Mannschaft war auf alle Eventualitäten vorbereitet. Auf die erwarteten zähen 90 Minuten, eine mögliche Verlängerung, ein Penaltyschiessen. Der Achtelfinal-Erfolg ist das Resultat akribischer Vorbereitung auf den Moment x: Niemand beherrscht das besser als der Schweizer Nationaltrainer Murat Yakin.«Unser Hunger ist grösser als je zuvor». Granit Xhaka und Breel Embolo.Peter Klaunzer / EPAHätte die Schweiz dieses Duell verloren, wären seine Wechsel infrage gestellt worden; offensiv ging fast gar nichts mehr, nachdem Yakin kurz vor Anbruch der Verlängerung Cedric Itten für Breel Embolo und Silvan Widmer für den überragenden Rechtsverteidiger Denis Zakaria brachte. Aber die eingewechselten Amdouni, Itten und Vargas trafen im Penaltyschiessen. Und so kann Murat Yakin niemand vorwerfen, sein Matchplan sei nicht aufgegangen.Sicher, die Schweizer mussten bange Momente erdauern wie in der 99. Minute, als Jhon Lucumís Kopfball an die Latte prallte. Oder als Granit Xhaka in der letzten Minute der Verlängerung ein Black-out hatte, den Ball vertändelte und Jaminton Campaz allein vor Kobel über das Tor schoss. Doch verunsichern liess sich das Team auch davon nicht. Stattdessen bewies es seine Leidensfähigkeit.Vor allem Xhaka musste in diesem Spiel einiges erdauern. In der Anfangsphase hatte er kaum Bälle, er dirigierte seine Mitspieler, war unzufrieden, während des ersten Hydration Break warf er entnervt eine Flasche zu Boden. Und dann eben diese Szene tief in der Verlängerung. Hätte Kolumbien getroffen, es wäre Xhakas schlimmstmöglicher Abgang von der WM-Bühne gewesen; seine Generation wäre unvollendet geblieben. Doch es kam anders, diesmal scheiterten die Schweizer nicht schon wieder. Campaz schoss drüber. Und dann wurde Kobel zum Schweizer Penalty-Helden.Als Lohn treffen die Schweizer nun in der Nacht auf Sonntag (3 Uhr MESZ) im Football-Stadion von Kansas City auf den Titelverteidiger Argentinien. Die Südamerikaner bekundeten in den letzten zwei Partien gegen die Kapverden und Ägypten grosse Mühe, mehrfach waren sie auf die Geistesblitze ihres Superstars Lionel Messi angewiesen. In der gegenwärtigen Verfassung muss sich das Nationalteam vor dem dreifachen Weltmeister nicht übermässig fürchten.Wie sehr er erleichtert sei, wurde Granit Xhaka noch gefragt. Der Captain sagte: «Unser Hunger ist grösser als je zuvor. Wenn man so nahe dran ist, die nächste Geschichte zu schreiben, dann muss man mit der Mentalität ins Spiel gehen, auch den WM-Viertelfinal zu gewinnen. Und dann ist noch mehr möglich.» Es ist genau diese Einstellung, die den Schweizer Fussball so weit gebracht hat. Und das Nationalteam nun von noch mehr träumen lässt.
WM 2026: Die Schweizer Fussballer finden auf alle Eventualitäten eine Antwort
Der erste WM-Viertelfinal seit 1954 ist der Lohn dafür, dass Yakins Team sämtlichen Widerständen trotzt. Die Spielergeneration um Granit Xhaka und Ricardo Rodríguez hat eine Beharrlichkeit entwickelt wie keine vor ihr.














