Als Manuel Akanji den dritten Elfmeter seiner Mannschaft schießt und der Ball über das Tor fliegt, passiert etwas Schönes: Akanji wird abgeholt. Gleich zwei Kollegen, Kapitän Granit Xhaka und Zeki Amdouni, kommen dem Unglücklichen entgegen und bringen ihn zurück zum Rest des Teams am Mittelkreis. Später wird der Trainer der Mannschaft, Murat Yakin, unter anderem darüber sprechen: über die vielen Details, die auch bei diesem Elfmeterschießen für die Schweizer gestimmt haben.Nicht nur, dass Akanji abgeholt wurde, auch, dass andere Schützen auf dem Weg zum Punkt ein Stück weit begleitet worden sind, dass sie sich nicht von den kleinen Provokationen der Kolumbianer haben stören lassen, sodass sie auf den Punkt bereit gewesen sind, als es darauf ankam – wenn auch nicht der frühere Dortmunder Akanji.Eigentlich will Yakin am frühen Dienstagabend im Presseraum des Stadions von Vancouver, wo die Schweizer drei WM-Spiele gespielt und gewonnen haben, gar nicht darüber sprechen. „Ich kann die Details nicht erwähnen“, hat er auf die entsprechende Frage gerade noch geantwortet. Aber weil dieser Abend so schön ist, wie er selbst immer wieder betont, tut er es dann doch.Zum ersten Mal seit 1954 im WM-ViertelfinaleFür die Schweizer ist es der größte Erfolg bei einer Weltmeisterschaft überhaupt. Zum ersten Mal seit 1954 stehen sie im Viertelfinale. Sie haben zugleich eine Art Trauma im Elfmeterschießen überwunden: Von bislang sechs Anläufen bei großen Turnieren sind fünf schiefgegangen.Es ist nebenbei auch ein persönliches Trauma für Akanji gewesen, der beim bislang letzten Versuch, bei der EM 2024 im Viertelfinale gegen England, gleich den ersten verschossen hat. Und beim vorletzten, im EM-Viertelfinale gegen Spanien 2021, auch schon unter den drei Fehlschützen gewesen ist.Trainer Murat Yakin (l.) feiert mit seinen Schweizern den Einzug ins WM-ViertelfinaleEPAYakin erzählt nun also: über jenen Workshop, den er vor einer Weile mit seinen Spielern zu diesem Thema abgehalten hat – schön für einen Trainer, wenn sich so etwas am Ende auszahlt. Aber noch schöner ist für Trainer Yakin an diesem letzten kanadischen Abend der WM noch etwas anderes. Und falls man bis dahin noch nicht an ein anderes Spiel und ein anderes Elfmeterschießen bei dieser Weltmeisterschaft gedacht hat, das der Deutschen im Sechzehntelfinale gegen Paraguay, lässt es sich spätestens jetzt wirklich nicht mehr vermeiden.Bei Einwechslungen ans Elfmeterschießen gedachtYakin erzählt, wie sein Matchplan voll aufgegangen sei, zu dem „irgendwie“ auch dieses Elfmeterschießen gehört habe, und dass er bei seinen Auswechslungen vorher auch deshalb darauf geachtet habe, potenzielle Schützen aufs Feld zu bringen. Außer Akanji treffen alle Schweizer, während zwei Kolumbianer scheitern: Davinson Sánchez an der Latte, Cucho Hernández an Torwart Gregor Kobel. Zwar muss man schon hinzufügen, dass ein Elfmeterschießen immer auch eine Frage von Glück und Pech bleibt. Aber es geht auch immer darum, diesen Faktor so klein wie möglich zu halten.Wenn nun die kleine Schweiz unter den besten acht Mannschaften der Welt ist, während die großen Deutschen schon seit acht Tagen zu Hause sind, dann hat das also auch damit etwas zu tun. Damit, dass die Deutschen die Details im entscheidenden Moment vergessen oder sich von vornherein gar nicht darum geschert hatten. Und damit, dass die Schweizer unter ihrem Uhrmachermeister Yakin sich als Ultrarealisten dieser WM erwiesen haben, insbesondere in diesem Achtelfinale gegen Kolumbien.Gerade weil ihnen jede fußballerische Träumerei fern ist, dürfen sie nun weiterträumen: wie es wäre, mit ihrem Schweizer Patent auch den Weltmeister Argentinien herauszufordern. „Die Reise ist noch nicht zu Ende“, sagt Yakin über das Viertelfinale in Kansas City am Samstag. „Man hat in den letzten beiden Spielen gesehen, dass Argentinien doch auch verwundbar ist. Das wird ein interessantes Spiel.“ Seine Spieler klingen nicht weniger forsch. „Ziel Nummer eins ist jetzt erreicht. Aber wenn du im Viertelfinale stehst, ist der Hunger größer als jemals zuvor“, sagt Kapitän Xhaka.Die Unfähigkeit der KolumbianerEinerseits hat es ja schon ein bisschen Glück gebraucht, dass der eigene Matchplan gegen Kolumbien tatsächlich so aufgegangen ist, oder anders gesagt: die Unfähigkeit der Kolumbianer, aus einem klaren Chancenplus in dieser zähen Partie, die erst in der Verlängerung ein bisschen Abenteuer geboten hat, ein Tor zu machen.Andererseits kann Yakin zu Recht auf die Entwicklung seiner Mannschaft verweisen: die in den vergangenen fünf Jahren, seit er im Amt ist. Oder auf die seit der USA-Reise vor einem Jahr, als die Mannschaft mit dem Selbstvertrauen aus zwei Siegen nach Hause kam. Oder auch auf die in den 24 Stunden vor dem Spiel gegen Kolumbien. Im Abschlusstraining hat sich Johan Manzambi verletzt, der 20 Jahre alte Angreifer des SC Freiburg, der bislang eine Schweizer Entdeckung dieser WM ist.Yakin erzählt am Dienstagabend auch, was das für einen Trainer bedeutet, wenn alle taktischen Details schon einstudiert sind und dann, mit der letzten Aktion, doch plötzlich alles anders wird; für Manzambi wird es auch gegen Argentinien nicht reichen. Gern beim Fußballspielen zugeschaut hat man den Schweizern wirklich nicht, noch ein bisschen weniger als den Kolumbianern.Was aber dennoch schön zu sehen war: wie dieses Team sich gemeinsam seiner Aufgabe verschrieben hat, explizit auch der, zu leiden. „Jeder Zweikampf ist ein Duell auf Härte“, sagt Yakin über die Spiele gegen südamerikanische Teams. „Wenn du das nicht annimmst, dann gewinnst du auch nicht.“Bevor man auf die Idee kommt, schon wieder an die Deutschen zu denken, könnte man nun anfangen, über einzelne Schweizer zu sprechen: über Xhaka, den Kapitän, über Kobel, den Elfmeterhelden, über Denis Zakaria, der ein herausragendes Spiel auf der rechten Abwehrseite gegen Luis Díaz gemacht hat, über den Innenverteidiger Nico Elvedi. Aber das würde auch bedeuten, sich in Details zu verlieren. Eines aber sei zur Sicherheit doch noch erwähnt: dass Manuel Akanji wirklich nie wieder einen Elfmeter schießen will, das hat er am Dienstagabend schon gesagt.