Der Rest des Schweizer Teams war bereits auf dem Weg zu Ruben Vargas, nur Granit Xhaka blieb zurück. Vom Pressesprecher bis zum Außenverteidiger lieferte sich das gesamte Schweizer Team ein Wettrennen im Sprint darum, wer als Erster beim finalen Elfmeterschützen Vargas ankommen könnte. Am Ende teilten sich mehrere Beteiligte den Sieg. In einer Jubeltraube versank der ehemalige Augsburger, der die Schweiz gerade mit seinem Treffer zum 4:3 im Elfmeterschießen gegen Kolumbien erstmals seit 1954 in das Viertelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft gebracht hatte. Nur Xhaka kniete immer noch im Mittelkreis des BC Place, des Stadions von Vancouver. Er hatte den Kopf auf den Rasen gelegt. Und weinte.33 Jahre alt ist Xhaka inzwischen und sichtlich ergraut im Haupthaar, weshalb ihm der Titel Leitwolf noch besser zu Gesicht steht. Er ist längst mit gehörigem Abstand Schweizer Rekordnationalspieler, vor einigen Wochen spielte er seine 150. Partie für die Nati. Doch dieses Bild aus Vancouver wird aus der Kollektion der vielen besonderen Momente in Erinnerung bleiben. In der langen Karriere dieses begnadeten Fußballspielers mit einem manchmal streitbaren Charakter tauchten zwei Dinge bisher sehr selten auf: Fehlpässe – und Tränen. „Oft wirkt er nach außen kühl“, sagte der Schweizer Trainer Murat Yakin später über die Szene: „Aber heute hat er auch seine sanfte Seite gezeigt.“Kolumbien verliert gegen die Schweiz:Gelbe Shirts, die Tränen trocknen müssenNach 120 ausgeglichenen Minuten bezwingt die Schweiz Kolumbien im Elfmeterschießen – und steht zum ersten Mal seit 1954 in einem WM-Viertelfinale. Die Südamerikaner trauern ihren Chancen nach.„Leute, die mich kennen, wissen, dass ich sehr viel Druck auf mich nehme – für mich selber und für die Mannschaft“, erklärte Xhaka diesen Moment: „Da ist so viel abgefallen. Ich habe diesen Moment für mich genießen müssen. Auch wenn ich natürlich noch gar nicht realisiert hatte, was da passiert ist.“Der emotionale Xhaka, er wurde zum Sinnbild für diesen historischen Triumph einer Schweizer Mannschaft, die in der jüngeren Vergangenheit immer wieder nah dran war, in ein WM-Viertelfinale einzuziehen. Allein Xhaka spielte bereits sein viertes Achtelfinale, die Geschichte der vorangegangenen drei muss man kennen, um die Bedeutung des Sieges gegen Kolumbien einordnen zu können. 2014 verloren die Schweizer 0:1 nach Verlängerung gegen Argentinien. 2018 schieden sie mit einem knappen 0:1 gegen Schweden aus. 2022 dann folgte ein 1:6 gegen Portugal. „Es hat uns immer wieder das Glück gefehlt“, erinnerte sich Xhaka: „Und einmal hatten wir ein Katastrophenspiel, wo wir eine Klatsche bekommen haben.“Diesmal war das Glück auf Schweizer Seite. Inmitten der beeindruckenden Atmosphäre, die allen voran die Zehntausenden kolumbianischen Anhänger beim letzten Spiel dieser WM in Kanada erzeugten, erwischte Kolumbien keinen herausragenden Tag: Luis Díaz etwa gelang es kaum, in Einzelaktionen Gefahr auszustrahlen. Zwei gefährliche Abschlüsse der Lateinamerikaner in 120 Minuten parierte der Schweizer Torwart Gregor Kobel, einen jagte Jaminton Campaz in der 115. Minute über die Latte. Ein Fehler von Xhaka hatte dessen Großchance überhaupt ermöglicht, aber, wie gesagt: Das Glück war auf Schweizer Seite an diesem Dienstag. Auch im Elfmeterschießen, als der Versuch des Kolumbianers Davinson Sánchez an die Latte und der Ball dann knapp vor und nicht hinter die Torlinie prallte.Eine beachtliche Leistung der Schweizer war diese Partie trotzdem, weil sich die Mannschaft sehr gut gegen den physischen Fußball der Kolumbianer wehrte. Das Resultat war nicht immer schön anzusehen: Von der 32. Minute an brachte die Schweiz keinen Schuss mehr aufs Tor zustande, Xhaka etwa überragte diesmal nicht mit eleganten Schnittstellenpässen, sondern mit Zweikampfpräsenz. „Er hat gelitten, gekämpft und war bis zur letzten Minute wichtig“, sagte Trainer Yakin. Der einräumte, dass die nicht allzu festliche Spielweise durchaus geplant war. Ohne den Kreativspieler Johan Manzambi im Mittelfeld, der sich im Abschlusstraining verletzt hatte, fehlte Struktur in der neu formierten Offensive. „Die Reife der Mannschaft hat sich gezeigt“, sagte Yakin später.Ein Viertelfinale gegen Argentinien? „Das ist jetzt ein schöner Druck“, sagt XhakaNun wartet Weltmeister Argentinien im Viertelfinale auf die Schweiz, was einerseits eine historische Dimension hat. „Noch mal gegen Argentinien anzutreten, gegen die wir 2014 verloren haben, obwohl wir sie fast schon hatten“, war laut Xhaka daher allein schon eine Sondermotivation. Damals entschied ein Tor von Ángel Di María in der 118. Minute das Duell. Als einer von drei Spielern im Kader der beiden Nationen wird Xhaka jetzt auch bei der Revanche zwölf Jahre später antreten: Bei den Schweizern ist neben ihm Außenverteidiger Ricardo Rodríguez dabei, bei den Argentiniern nur dessen direkter Gegenspieler Lionel Messi. Der läuft bekanntlich mit dem erklärten Ziel auf, Weltmeister zu werden, was sich bei den Schweizern nur der einzige Elfmeter-Fehlschütze Manuel Akanji zu erwähnen traute („Wir sind nicht froh, wenn wir Zweiter werden“).Xhaka hingegen, der im Elfmeterschießen trocken den ersten Schweizer Schuss im Tor untergebracht hatte, kehrte noch im Verlauf der Interviews in den mahnenden, kühlen Ton zurück. Jener Ton, der ihn in seiner Führungsrolle ausmacht und mit dem er die eigene Mannschaft nach dem 1:1 im Auftaktspiel gegen Katar vor einigen Wochen deutlich kritisiert hatte – darin sehen bis heute viele den Auftakt zur erfolgreichen Schweizer WM-Kampagne. „Ganz sauber vorbereiten“ werde man sich auf die Partie. Und dann wieder ein Ziel abarbeiten.„Ziel Nummer eins war die Qualifikation, Nummer zwei war die Gruppenphase, Nummer drei war ein K.-o.-Spiel gewinnen“, sagte Xhaka: „Jetzt haben wir Nummer vier erreicht: Geschichte schreiben.“ Die Ambition sei zwar ganz klar, Argentinien zu schlagen. Aber anders als bisher kann die Schweiz befreit an die Umsetzung gehen: „Das ist jetzt ein schöner Druck“, sagte Xhaka.