Granit Xhaka hat den Schweizer Fussball geprägt wie kein anderer Spieler vor ihm – wie weit trägt er das Nationalteam an der WM?Für Granit Xhaka, den Captain der Nationalmannschaft, sind im Herbst seiner Karriere andere Dinge wichtig als früher, auch sein Auftreten hat sich verändert. Aber eines ist gleich geblieben: Wie es der Schweiz an der WM ergehen wird, hängt von ihm ab.07.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEr ist jetzt reifer und ruhiger: Granit Xhaka, der Captain des Nationalteams.Lars Baron / FIFA via GettyAm Anfang dieser Geschichte steht ein Zufall. Denn eigentlich hatten die Xhakas andere Pläne, als sie 1990 aus Kosovo flüchteten, um den Kriegswirren in ihrer Heimat zu entkommen. Nach Schweden sollte es gehen, aber zuerst landeten sie in Basel. Sie wollten nur kurz bleiben, bei einer Bekannten der Mutter. Doch sie gingen nie mehr.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So kam es, dass im Jahr 1992 in Basel ein Bub namens Granit Xhaka geboren wurde, am 27. September. Jetzt, fast 34 Jahre später, weiss man eines schon, ganz egal, was an der Fussball-WM passieren wird: Der Zufall hat es gut gemeint, mit Xhaka und mit der Schweiz.Vielleicht ist Granit Xhaka der beste Fussballer, den das Land je gesehen hat; das hängt davon ab, welche Parameter man wie gewichtet. Bestimmt aber hat er den hiesigen Fussball geprägt wie kein anderer Spieler vor ihm.Xhaka und die Ehrerbietung in SunderlandDie WM in den USA, Mexiko und Kanada wird für den Mittelfeldspieler bereits die vierte. Und vielleicht wird es auch seine letzte, so, wie es für eine Reihe anderer Fussballer die letzte sein könnte: etwa für Ricardo Rodríguez, Xhakas Freund, seit die beiden 2009 U-17-Weltmeister wurden. Oder für Remo Freuler, mit dem Xhaka im Mittelfeld das Herz des Schweizer Teams bildet.Ein letzter Tanz noch. Oder auch nicht, weil Xhaka mit seinen 33 Jahren noch so vor Kraft strotzt, dass ein Ende eigentlich nicht absehbar ist. Wie formulierte es Breel Embolo unlängst mit einem Lächeln: Die älteren Spieler in der Nationalmannschaft seien «hartnäckige Hunde».Seit Dienstag weilen die Schweizer in San Diego, sie bereiten sich dort auf die WM vor, und man darf beim Turnier einiges von ihnen erwarten. Das Team hat in letzter Zeit einen gefestigten, reifen Eindruck gemacht. Ganz so, als wisse es genau, was es kann und was nicht. Und auch – und vor allem – was es sein will.Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass das alles auch auf Granit Xhaka zutrifft. Der 33-Jährige hat sich in den letzten Jahren verändert, vielleicht sogar verwandelt.An frühere Turniere ist Xhaka als Spieler von Arsenal angereist oder von Bayer Leverkusen. Jetzt tut er das als Fussballer von Sunderland, dem Klub aus dem rauen Nordosten Englands, der erst im letzten Jahr in die Premier League aufgestiegen ist.Als Xhaka im letzten Sommer verkündete, dass es ihn nach Sunderland ziehe, wurde das vielerorts mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Der Schweizer erklärte den Transfer später auch damit, dass er «Momente des Leidens» erleben wolle. Was einiges darüber erzählt, was ihn nun, im Herbst seiner Karriere, noch interessiert und reizt.Vor ein paar Jahren hat Xhaka den Entschluss gefasst, dass er Trainer werden will. Das hat seinen Blick auf das Spiel verändert und die Art, wie er sich auf dem Platz verhält. Er wolle nun, sagte er der «Süddeutschen Zeitung» einmal, «andere Spieler besser machen: durch Leistung, Motivation, Führung». Sein langjähriger Berater José Noguera sagt, Xhaka sei gereift, auch weil er jetzt wisse, was er später werden wolle. «Granit hat nun nicht mehr das Gefühl, immer alles selbst machen zu müssen auf dem Platz», sagt Noguera.In Sunderland wollten sie Xhaka, um ein unerfahrenes Team anzuleiten. Kaum sass er in der Kabine, war er auch schon der Captain. Bald lobte ihn der Trainer Régis Le Bris als seinen «verlängerten Arm». Xhaka taktete das Spiel seines Teams mit sicherem Gespür. Am Ende belegte Sunderland Platz sieben. Europa League statt Abstieg, was in der Premier League eigentlich meist das Los der Aufsteiger ist. Eine Sensation.In Sunderland ist Xhaka der verlängerte Arm des Trainers Régis Le Bris – in der ersten Saison qualifizierte sich der Klub sensationell für die Europa League.Greig Cowie / ImagoIn Sunderland, wo der Fussball für viele alles ist, dankt man Xhaka mit grenzenloser Ehrerbietung. Das renommierte Magazin «The Athletic» wählte ihn zum Transfer des Jahres in der Premier League. Und Mikel Arteta, der Trainer von Meister Arsenal, sagte einmal, Xhaka besitze eine Superkraft: Er könne den Geist eines Teams verändern.Er will Weltmeister werden145 Länderspiele hat Xhaka mittlerweile angehäuft, das macht ihn zum Schweizer Rekord-Nationalspieler. Seit 2018 ist er der Captain des Nationalteams und spätestens seit da der unumstrittene Anführer. In seine Ära fallen die zwei Viertelfinal-Qualifikationen an den EM 2021 und 2024. Zuvor schafften es die Schweizer zwar schon länger an die Endrunden. Doch der Achtelfinal schien eine Art natürliche Grenze für sie zu sein.Xhaka hat dem Nationalteam beigebracht, gross zu denken. Die Chiffre dafür war einst sein Satz, er packe Kleider bis zum Final ein. Das hält er auch dieses Jahr wieder so. Er wolle Weltmeister werden, sagte er kürzlich.Der 33-Jährige ist ein Spieler, wie ihn das Land noch nie gesehen hat, er bewegt, lässt niemanden kalt. Als er an der WM 2018 zusammen mit Xherdan Shaqiri ein Tor gegen Serbien mit dem Doppeladler-Jubel feierte, führte das zu einer hitzigen Debatte über echte und weniger echte Schweizer, die schon vorher schwelte und es bis heute ein bisschen tut.Xhaka hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er zwei Herzen in seiner Brust trägt. Dass er stolz darauf ist, Schweizer zu sein, aber auch auf seine Herkunft. Er benennt die Lebensrealität vieler im Einwanderungsland Schweiz – eine Selbstverständlichkeit, eigentlich, doch für gewisse Kreise ist das schon zu viel. Das beschäftigt Xhaka, auch in seiner Rolle als Captain des multikulturellen Nationalteams. Wie sehr, zeigte sich im Jahr 2022, als er einen rassistischen Leserkommentar auf der Website des «Blicks» in den sozialen Netzwerken mit dem Satz «Es wird sich nie ändern» kommentierte.Als Kind verwaltete Granit Xhaka den Schlüssel und nicht sein älterer Bruder Taulant.Stefan Wermuth / ReutersRuhiger und ausgeglichenerWenn es darum geht, Xhaka zu charakterisieren, dann wird oft die Geschichte mit dem Schlüssel beigezogen. Sie geht so: Obwohl Granit der jüngere der beiden Xhaka-Brüder ist und Taulant der ältere, war es jeweils an Granit, den Schlüssel zu verwalten, wenn die Eltern arbeiten mussten.Die Lust an der Verantwortung ist Xhaka geblieben, der Ehrgeiz lodert nach wie vor in ihm, so sehr, wie er das vielleicht nur in jemandem tut, der von sich sagt, dass er vom Vater noch nie gelobt worden sei. Und wenn er findet, dass etwas gesagt sein muss, dann sagt er das immer noch, laut und deutlich.Aber die zuweilen irritierende Lust zur Provokation ist verschwunden – oder sie tritt einfach nicht mehr zutage –, auch das Unkontrollierte, Überemotionale, das etwa an den beiden letzten WM aus ihm brach, in den Spielen gegen Serbien. Leute aus dem Umfeld des Nationalteams sagen, dass Xhaka viel ruhiger und ausgeglichener sei als früher, mit mehr Positivität führe und anleite.Mit dem Nationaltrainer Murat Yakin hatte Xhaka lange ein schwieriges Verhältnis, insbesondere im Herbst 2023 wurde das deutlich. Doch mittlerweile haben die beiden zueinandergefunden, was auch damit zu tun hat, dass der Trainer den Captain nun öfter einbindet. Er habe lernen müssen, als Nationaltrainer den Austausch mit den Spielern anders zu gestalten als einst im Klub, sagte Yakin unlängst zur NZZ. Und legte damit auch offen, wer wem wie weit entgegengekommen sein dürfte.Mit dem Nationaltrainer Murat Yakin hat sich Xhaka mittlerweile gefunden.Joeran Steinsiek / ImagoIm Nationalteam ist jedenfalls vieles auf Xhaka ausgerichtet. Je besser er ist, desto besser ist die Schweiz, und natürlich gilt das auch umgekehrt. Sie hat sich ihm ein Stück weit verschrieben. Und was ohne Xhaka wirklich alles fehlt, auf dem Platz und daneben, das wird sich erst zeigen, wenn er irgendwann einmal weg ist.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel