Die Schweiz steht erstmals in der Neuzeit in einem WM-Viertelfinal – sie hat sich das Glück im Penalty-Drama gegen Kolumbien erkämpftDer Torhüter Gregor Kobel schwingt sich gegen Kolumbien zum Matchwinner auf. Die Schweiz steht unter den besten acht Teams der Welt. Der Lohn ist in der Nacht auf Sonntag ein Rendez-vous mit dem Titelhalter Argentinien.08.07.2026, 01.37 Uhr4 LeseminutenDank ihm duelliert sich die Schweiz nun mit Argentinien: Gregor Kobel.Joeran Steinsiek / ImagoSo oft haben der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft in Penaltyschiessen die Nerven versagt. Gewiss, es gab die unvergessliche Sternstunde der EM 2021, als Yann Sommer den Penalty von Kylian Mbappé parierte und sein Team zum Sieg führte. Aber sonst las sich die Bilanz wenig vorteilhaft: Nur eines von sechs Penaltyschiessen an grossen Turnieren vermochte die Schweiz zu gewinnen. Es gibt Erinnerungen, die haben sich wie Traumata ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Die Niederlage gegen die Ukraine 2006, als alle Schweizer Penaltyschützen scheiterten, darunter Marco Streller. Der EM-Viertelfinal gegen England von 2024.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aber am Dienstag wischten die Schweizer diese düsteren Erinnerungen weg. In Vancouver, der kanadischen Westküstenmetropole, die bisher ein Kraftort für dieses Team war. Und die der Bundesrat zumindest für den Rest dieser WM zum 27. Kanton ernennen sollte. Dort hatten die Schweizer nacheinander Kanada (2:1) und Algerien (2:0) bezwungen. Und dort schaltete sie nun Kolumbien aus. Die Nummer 13 der Fifa-Weltrangliste. Ein Gegner von einem anderen Kaliber als die bisherigen Widersacher.Der Schweizer Matchwinner heisst Gregor Kobel. Der Torhüter von Borussia Dortmund parierte den Penalty von Cucho Hernandez. Zuvor waren bereits Manuel Akanji und Davinson Sanchez gescheitert. Für die Schweiz verwandelten Granit Xhaka, Zeki Amdouni, Cedric Itten und Ruben Vargas. Nach 120 torlosen Minuten siegten die Schweizer 4:3 nach Penaltyschiessen.Die Schweizer waren als leichte Aussenseiter in diese Partie gestiegen. Gegen einen physisch starkes, defensiv sattelfestes, opportunistisches Team, das Ergebnisfussball von überschaubarer Attraktivität spielt. Ein einziges Gegentor hatten die Kolumbianer in den ersten vier WM-Partien kassiert. In Vancouver wurde augenfällig, weshalb. 90 Minuten lang geschah: praktisch nichts. Einen kombinierten Expected-Goals-Wert von 0,7 erspielten sich die Teams. Rund um den Globus werden sich unter den neutralen Zuschauern mutmasslich auch ungefähr 0,7 Personen gesagt haben: Doch, von diesem Spiel gerne einmal noch zusätzliche 30 Minuten mittels Verlängerung.Manzambis Absenz wog schwerIn einem ruppigen, zähen Abnützungskampf fehlten den Schweizern in der Offensive die Ideen. Sie waren ersatzgeschwächt in diese Partie gegangen, mit Michel Aebischer, Luca Jaquez und Johan Manzambi fehlten drei Akteure verletzungsbedingt. Ruben Vargas stand zudem nur für einen Teileinsatz zur Verfügung. Vor allem die Absenz der Unbeschwertheit der grossen WM-Entdeckung Manzambi schwächte die Schweizer spürbar, er musste mit einer im Abschlusstraining zugezogenen Knieprellung passen.Ohne ihn war es in den Angriffsbemühungen mit dem Schweizer Überraschungsmoment nicht weit her. Der Trainer Murat Yakin zauberte ein Mittelfeld mit Remo Freuler, Granit Xhaka und Ardon Jashari aus dem Hut. Jashari, 23, der Profi der AC Mailand, hatte an dieser WM zuvor überhaupt keine Rolle gespielt. Wenig überraschend fand er keinen Zugriff auf die Partie – und wurde schon zur Pause ausgewechselt.Zu den Spielern, die den Ausfall Manzambis kompensieren sollten, gehörte Fabian Rieder. Stade Rennes hat vor drei Jahren knapp 15 Millionen Euro an die Young Boys überwiesen, seither hat der Berner selten beweisen können, diese Ablöse wert zu sein. Im Nationalteam hat er in 32 Partien ein einziges Tor erzielt, das 4:2 in der Nachspielzeit im Sommer 2025 in einem bedeutungslosen Testspiel gegen Mexiko.Das Vabanquespiel des Trainers Yakin geht aufGegen Kolumbien hatte Rieder, 24, zwei gute Chancen. Er vergab sie beide. Schon gegen Algerien hatte er in der Nachspielzeit Kaltblütigkeit vermissen lassen und danach gesagt: «Den muss ich machen.» Rieder agierte ein weiteres Mal glücklos. Und zur allgemeinen Verwunderung ersetzte Yakin seinen besten Torschützen Breel Embolo in der 87. Minute mit Cedric Itten. Itten, 29, stieg zuletzt mit Fortuna Düsseldorf aus der zweiten Bundesliga ab. Und er hat im Nationalteam seit dem 12. September 2023 kein Tor mehr erzielt. Fünf Treffer totalisiert Itten in seiner Nationalmannschaftskarriere, er hat sie gegen Andorra, Bulgarien, Georgien und Gibraltar erzielt. Eher nicht Nationen, mit denen man sich im WM-Achtelfinal misst. Trotzdem erhielt Itten den Vorzug gegenüber Zeki Amdouni und Noah Okafor.Eine Schweizer Niederlage hätte fraglos Personaldiskussionen ausgelöst. Aber wer gewinnt, hat immer recht, also hat Yakin alles richtig gemacht; sein Vabanquespiel ist aufgegangen, Itten verwandelte seinen Penalty. Und wen interessiert schon die Stilnote, wenn man im WM-Viertelfinal steht?Was von dieser Partie auch bleibt: Die Schweizer Defensive bestätigte den hervorragenden Eindruck, den sie seit längerem vermittelt: Sie kontrollierte die hochkarätige kolumbianische Offensive um Luis Diaz (Bayern München), James Rodriguez (ex Real Madrid) und Luis Suarez (Torschützenkönig in Portugal bei Sporting Lissabon) gekonnt. Die wenigen gefährlichen Aktionen entschärfte der souveräne Torhüter Kobel.Nächster Gegner ist in der Nacht auf Sonntag im Stadion des NFL-Teams Kansas City Chiefs um 3 Uhr morgens Argentinien. Der amtierende Weltmeister wandelte am Dienstag einen 0:2-Rückstand gegen Ägypten noch in einen 3:2-Sieg um. Matchwinner war einmal mehr die Lichtgestalt Lionel Messi.Passend zum Artikel
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