Kommen die Schweizer Fussballer jetzt in den Flow? Das hängt davon ab, ob Yakin mehr Manzambi wagtDas Nationalteam hat an Endrunden schon mehrmals komplizierte Momente überstanden – und danach Fahrt aufgenommen. Soll das an dieser WM erneut gelingen, muss sich an der Spielanlage aber etwas ändern.21.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer glücklichste Tag seines Lebens: Johan Manzambi (links) feiert mit Ersatztorhüter Yvon Mvogo seine zwei Tore gegen Bosnien-Herzegowina.lex Livesey / FIFA via GettyEndlich. Am Donnerstag in der zweiten WM-Woche wirken die Schweizer Fussballer erstmals gelöst. Soeben haben sie Bosnien 4:1 bezwungen, der Angreifer Johan Manzambi spricht vom «glücklichsten Tag» seines Lebens, er ist mit zwei Toren der Matchwinner. Und der Rechtsverteidiger Silvan Widmer redet in der Mixed Zone vom immensen Druck, der da gerade abgefallen sei.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der SRF-Experte Benjamin Huggel sagt hinterher, die Schweiz habe sich rehabilitiert. Für das 1:1 im WM-Auftaktspiel gegen Katar – peinlich zwar, im Rückblick aber nicht weiter schlimm. Alles wieder gut also?Dank dem Erfolg im kapitalen zweiten Gruppenspiel hat sich die Ausgangslage des Nationalteams an der WM jedenfalls schlagartig verändert. Vor dem Bosnien-Spiel drohte noch das Szenario eines blamablen Vorrunden-Aus. Jetzt steht das Team so gut wie sicher in den Sechzehntelfinals. Am Mittwoch duelliert es sich mit Kanada um den Gruppensieg.Genugtuung und ErleichterungFür die zuletzt vielkritisierten Schweizer war der Erfolg gegen Bosnien eine Genugtuung. Denn in den letzten Wochen war wieder einiges zusammengekommen, was Debatten um dieses Team entfachte.Zuerst die Einreiseprobleme von Breel Embolo, dann das maue Testspiel gegen Australien und eine Kollegenschelte des Captains Granit Xhaka. Und nach dem Remis gegen Katar gleich nochmals eine Generalkritik von Xhaka. Murat Yakins Equipe war nicht nur überraschend schnell aus dem WM-Fahrplan geraten, Mitte Woche schrieb der «Blick» auch noch, dass nicht alle im Team die harten Worte des Captains goutieren würden. Plötzlich stand sogar der interne Zusammenhalt infrage.Sorgt immer wieder für Wirbel: Captain Granit Xhaka.eter Klaunzer / KeystoneUnter welchem Druck die Equipe stand, illustrierte die Pressekonferenz am Tag vor dem Bosnien-Spiel. Da sassen Murat Yakin und Remo Freuler im Bauch des SoFi-Stadions in Los Angeles und beantworteten die Fragen der Journalisten. Die Szenerie im düsteren Innenraum wirkte wie eine Parabel auf den Zustand des Teams: Der kränkelnde Yakin murmelte Unverfängliches, Freuler sagte, vielleicht stehe er vor seinen letzten zwei Partien als Nationalspieler.Doch dann: Galavorstellung von Johan Manzambi, der Bosnien nach seiner Einwechslung in der 71. Minute fast im Alleingang erledigte. Grosse Erleichterung. Und plötzlich dominierte eine andere Sichtweise: Wo zuvor Kritik war, sprachen Beobachter nun von Resilienz und dem Charakter der Mannschaft. Was gute 20 Minuten so alles bewirken können.Die starke Schlussphase gegen Bosnien dürfte aber kaum reichen, um die irritierenden Eindrücke der vergangenen Wochen einfach wegzuspülen. Aber klar ist: Dank dem Befreiungsschlag sind die Schweizer Fussballer im Turnier angekommen, das Feld liegt nun weit offen vor ihnen. Gewinnen sie am Mittwoch in Vancouver gegen den Co-Gastgeber und sichern sich Platz eins, treffen sie im Sechzehntelfinal auf einen Gruppendritten. Eine machbare Aufgabe. Und dann könnte es weit gehen.Vielleicht wird es im Rückblick heissen, das Nationalteam habe das Momentum im Bosnien-Spiel auf seine Seite gezogen. Denn solche Partien können ungeahnte Energien freisetzen und die Stimmung im Team grundlegend verändern. Das wissen die Schweizer aus eigener Erfahrung, sie kennen sich aus mit komplizierten Starts an Endrunden. Schon mehrfach haben sie solche überstanden und dann Fahrt aufgenommen.An der Euro 2021 hagelt es Kritik, als die Schweizer mit einem blassen Auftritt gegen Wales ins Turnier starten und danach nichts Besseres zu tun haben, als einen Friseur ins Teamhotel einfliegen zu lassen. Es ist die Zeit der Corona-Restriktionen, die Normalbürger müssen sich zu Hause die Haare schneiden. Frisch blondiert gehen die Schweizer gegen Italien unter. «0:3 nach Figaro-Affäre: Italien rasiert unsere Nati», titelt der «Blick». Das Nationalteam um Granit Xhaka verschanzt sich in der Wagenburg und bezwingt nach dem 3:1 gegen die Türkei den Weltmeister Frankreich im Achtelfinal.Unbändige Freude: Die Schweizer besiegen an der EM 2021 das grosse Frankreich nach holprigem Start ins Turnier.Jean-Christophe Bott / KeystoneAuch an der WM in Brasilien 2014 entlädt sich nach dem 2:5 gegen Frankreich hämische Kritik über die Mannschaft. Am Tag danach übernimmt der Trainer Ottmar Hitzfeld Verantwortung und nimmt nach aussen die Schuld am Totalversagen auf sich. Nach innen richtet Hitzfeld deutliche Worte. Xherdan Shaqiri schiesst in der nächsten Partie gegen Honduras seinen berühmten Hattrick. Und schon sind die Schweizer zurück im Flow, danach liefern sie Argentinien ein denkwürdiges Spiel im Achtelfinal.Jetzt haben die Schweizer Fussballer wieder eine heikle Turniersituation überstanden. Weil sie sich nicht haben beirren lassen. Und immer da sind, wenn es zählt. Es ist das Markenzeichen dieser goldenen Generation um Granit Xhaka und Ricardo Rodríguez.Maximaler Druck scheint diese Nationalmannschaft nachgerade zu Bestleistungen anzuspornen. Bleibt es um das Team ruhig – wie im ersten Teil der diesjährigen WM-Vorbereitung –, sorgt eben der Captain Xhaka für Reibung und Antrieb. Dafür, dass die Spannung hoch bleibt. Nach der Befreiung gegen Bosnien sagte er: «Vielleicht brauche ich manchmal ein bisschen die Provokation. Letztlich ist für mich wichtig, dass die Mannschaft hinter mir steht, dass wir gemeinsam auftreten. Alles andere hat mich noch nie interessiert. Auf dem Platz zählt es.»Wir gemeinsam gegen alle anderen: Daraus ziehen die Schweizer Fussballer immer wieder Energie. Das zeigte die Vergangenheit, das zeigt die Leistung gegen Bosnien.In der Offensive braucht es mehr ÜberraschendesZur Wahrheit gehört aber auch, dass Murat Yakin auf die Einwechselspieler angewiesen war, erst sie lenkten die Partie in die richtige Richtung. Zuvor hatten die Schweizer während 70 Minuten ihren laufintensiven Fussball demonstriert, sich damit teilweise aber selbst schläfrig gespielt.Yakins Spielanlage ist auf Dominanz und Flexibilität ausgelegt. Das gibt gegen schwächere Gegner viel Kontrolle und Sicherheit, doch ausser Taktik-Freaks dürfte das nicht allzu viele Fussballfans faszinieren. Zumal, wenn aus dem Ballgeschiebe kaum Torchancen resultieren wie gegen Bosnien.Lässt einen Fussball für Taktik-Freaks spielen: Nationaltrainer Murat Yakin.Peter Klaunzer / KeystoneTorgefahr entstand erst, als Johan Manzambi kam. Als Yakin seine Spielanlage um eine Facette erweiterte, die bis dahin gefehlt hatte: Unberechenbarkeit. Der 20-Jährige sucht das Risiko, bringt überraschende Bewegungen ins Spiel, hält sich nicht immer strikt an die gewohnten Abläufe und Muster – weder im Angriff noch in der Defensive. Gegen Katar führte das dazu, dass Manzambi das späte 1:1 mitverschuldete. Aber wenige Tage später gegen Bosnien eben auch dazu, dass er mit seinen unbekümmerten Aktionen die Hoffnung einer ganzen Nation zurückbrachte.Ob die Nationalmannschaft jetzt in den Flow kommt? Das dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob Murat Yakin bereit ist, sein Spielsystem etwas zu modifizieren. Ob er mehr Mut zum Risiko aufbringt und seiner Offensive mehr spielerische Freiheiten zugesteht. Kurzum: ob er mehr Johan Manzambi wagt. Der Stürmer hat gezeigt, was dadurch möglich wird.Passend zum Artikel
WM 2026: Mehr Mut mit Manzambi - Murat Yakin muss im Nationalteam mehr auf diesen setzen
Das Nationalteam hat an Endrunden schon mehrmals komplizierte Momente überstanden – und danach Fahrt aufgenommen. Soll das an dieser WM erneut gelingen, muss sich an der Spielanlage aber etwas ändern.














