Der Freigeist Johan Manzambi flösst den Schweizern beim 4:1-Sieg gegen Bosnien-Herzegowina Leben ein – und macht Trainer Yakins Dilemma noch grösserDer junge Genfer liefert eines dieser Spiele ab, über die man noch eine Weile reden wird. Und lanciert für die Schweiz die WM. Die Qualifikation für die Sechzehntelfinals ist ihr so gut wie sicher.19.06.2026, 06.00 Uhr5 LeseminutenIst der Mann des Spiels gegen Bosnien-Herzegowina: Johan Manzambi.Peter Klaunzer / KeystoneManchmal reichen ein paar Minuten, und die Welt sieht ganz anders aus, das haben die Schweizer Fussballer an dieser WM nun schon zwei Mal am eigenen Leib erfahren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gegen Katar, beim Auftaktspiel, kassierten sie nach 94 Minuten ein Ausgleichstor, das mittelschwere Verwerfungen auslöste.Gegen Bosnien-Herzegowina verwandelt die Schlussphase das Spiel für sie zum Guten, vier Tore haben sie am Ende erzielt. Es sind Tore wie eine dicke Schicht Schminke, denn lange hatte es in diesem Spiel nicht nach einem Schweizer Treffer ausgesehen. Und schon gar nicht nach vier.Mechanisch tragen die Schweizer ihre Angriffe in Los Angeles oft vor, sie wiederholen die immer gleichen Abläufe und Muster, und irgendwann verheddern sie sich in der bosnischen Abwehr. Es fehlt ihnen an Spontanität und Kreativität, vor allem aber: am Mut, etwas zu wagen. Sie können nicht verbergen, dass sie schwierige Tage hinter sich haben.Doch dann wirbelt für das Schweizer Team plötzlich ein Jungspund über den Platz, dem sein Trainer vorher noch mitgegeben hat, er solle sein Talent sprechen lassen.Zuletzt traf Shaqiri an einer WM doppeltEs war Johan Manzambi, an den Murat Yakin diese Worte gerichtet hatte, und der rast nun durch das SoFi-Stadion von Los Angeles, dieses gigantomanische Bauwerk, das Sportlern eine Bühne bietet, wie es nur wenige gibt auf der Welt. Der junge Genfer bot dort eine Performance dar, über die man noch eine Weile sprechen wird.72 Minuten sind gespielt, als Manzambi den Platz betritt, 0:0 steht es da, und 18 Minuten später: 3:0, und immer hatte der 20-Jährige seine Füsse im Spiel. Das erste Tor, Minute 74, leitet er mit einem Dribbling ein und erzielt es dann mit einem wuchtigen Direktschuss selbst; vor der roten Karte gegen den bosnischen Verteidiger Tarik Muharemovic, Minute 80, spielt er den entscheidenden Pass in die Tiefe; vor dem zweiten Tor der Schweizer, Minute 84, hat er wieder die Füsse im Spiel; schliesslich finalisiert er einen sehenswerten Angriff mit dem Tor zum 3:0, Minute 90.Es ist ein beeindruckendes Feuerwerk des 20-Jährigen. Er flösst dem Schweizer Spiel Leben ein, weil er unbekümmert über den Platz stromert. Hinterher spricht er davon, dass dies gerade der «schönste Moment» seines Lebens sei.Die Schweizer Fussballer gehören an der Fussball-WM schon seit längerer Zeit zu den Stammgästen. Gerade nehmen sie zum sechsten Mal in Folge teil, doch zwei Tore im gleichen Spiel, das ist noch nicht vielen Spielern gelungen; der letzte war Xherdan Shaqiri, der 2014 in der Vorrunde gegen Honduras gar drei Mal traf.Ausgerechnet Shaqiri, weil Manzambi ein Fussballer ist, der im Schweizer Nationalteam am ehesten in seine Fussstapfen treten kann, auf seine ganze eigene Art. Auch er ist ein Freigeist, wie Shaqiri, wobei ihn auch rohe Energie auszeichnet und die Lust am am Zweikampf.Shaqiri und Manzambi trennt als Fussballer mehr als sie verbindet, aber eines ist beiden gemein: dass sie Spiele alleine auf den Kopf stellen können. Und dass es von ihrem Schlage nicht viele gibt.Manzambi vereint so viele verschiedene Qualitäten, dass ihn jeder Trainer ein wenig anders einsetzt. In der Nationalmannschaft spielt er auf dem Flügel. In seinem Klub, dem SC Freiburg, dagegen im zentralen Mittelfeld. Und dort mal etwas offensiver und mal etwas defensiver.Nach Freiburg siedelte Manzambi, der in Genf aufgewachsen ist und dessen Eltern aus Kongo-Kinshasa stammen, im Jahr 2023 über, mit nur 17 Jahren. Zuvor war er Scouts des deutschen Bundesligaklubs aufgefallen, als er für das U-17-Team von Servette in einem Cup-Spiel glänzte.Im Breisgau entwickelten sie Manzambi mit Bedacht, zuerst im Nachwuchs, bald erhielt er in der Bundesliga schrittweise mehr Spielzeit. Im Sommer 2025 nahm ihn Murat Yakin mit auf die USA-Reise der Schweizer Nationalmannschaft, und dort hinterliess Manzambi Eindruck: In Nashville gelang ihm gegen die USA in seinem zweiten Länderspiel eine glänzende Vorstellung, inklusive Tor und Assist.Zuletzt lieferte Manzambi eine beeindruckende Saison mit dem SC Freiburg ab, fast immer stand er auf dem Platz und trug viel dazu bei, dass die Deutschen es in den Final der Europa League schafften. Schon vor der WM war er mit einem Marktwert von 50 Millionen der wertvollste Fussballer im Schweizer Kader und auf dem Transfermarkt der begehrteste; die beiden Tore auf der grossen WM-Bühne werden da wie ein Katalysator wirken.Vielleicht wird es irgendwann heissen, dass an der WM 2026 dank Manzambis wunderbaren 18 Minuten von Los Angeles die Dinge in die richtige Richtung gekippt seien. Dass die Schweizer einen schwierigen Aufgalopp erlebt hätten und lange Zeit ein kompliziertes Spiel gegen Bosnien-Herzegowina. Doch dann: Auftritt Manzambi. Und dann sei eine schöne Geschichte losgegangen.Die Qualifikation für die Sechzehntelfinals ist der Schweiz nun jedenfalls kaum mehr zu nehmen. Es brauchte dafür eine überaus unwahrscheinliche Verkettung von Umständen. Ganz sicher ist: Am nächsten Mittwoch spielt die Schweiz gegen Kanada, das am Donnerstag Katar mit 6:0 bezwang, um den Gruppensieg. Und benötigt dafür einen Sieg.Wie viel Manzambi traut sich Yakin?Es ist nicht ohne Ironie, dass Manzambi den Schweizern in Los Angeles den Tag gerettet hat, denn nach dem Auftaktspiel gegen Katar hatte er noch zu den Sündenböcken gehört. Da ärgerte sich der Captain Granit Xhaka nach dem späten Ausgleich über Einwechselspieler, die nicht auf ihren Positionen spielten, die lieber den «Show-Maker» gegeben hätten, statt die Anweisungen des Trainers zu respektieren. Es war offensichtlich, dass da auch Manzambi mitgemeint gewesen war.Auch Yakin fand in San Francisco kritische Worte für jene Fussballer, die er im Verlauf des Spiels eingewechselt hatte. Und schickte Manzambi nun anscheinend mit den Worten auf den Platz, er solle sein Talent sprechen lassen. Jedenfalls erzählte das der Spieler später so.Man hätte Yakin diesen Satz nicht unbedingt zugetraut, weil er sonst kein Mann der blumigen Worte ist. Und weil er es eigentlich gerne hat, wenn seine Fussballer nicht einfach ihr Talent sprechen lassen, sondern auch zuverlässig genau jene Aufgaben erledigen, die er für sie vorgesehen hat.Als Yakin nach dem Spiel erklärte, weshalb er zu Beginn nicht auf Manzambi, sondern auf Fabian Rieder gesetzt hatte, sprach er davon, dass Rieder System und Abläufe besser kenne. Manzambi dagegen brauche noch ein wenig Zeit, bis er «die ganzen kleinen Details» kenne. Wobei dem Genfer dafür gegen Bosnien-Herzegowina ein durchaus erfreuliches Spiel gelang, und vielleicht hatte es ja gerade damit zu tun, dass er nicht alle Details und Abläufe im Kopf hatte. Sondern einfach machte, was ihm gerade in den Sinn kam.Diesmal bringen seine Wechsel den erhofften Effekt, zunächst aber setzt der Nationaltrainer Murat Yakin auf seine bewährten Spieler.Kirby Lee / ReutersMan kann nach diesem Spiel darüber streiten, ob dem Trainer Yakin gegen Bosnien-Herzegowina eine vorzügliche Leistung gelungen ist oder eine eher durchzogene. Ein Fürsprecher wird vorbringen, er habe mit seinen Wechseln in der 72. Minute den Sieg herbeigeführt; auch Ruben Vargas, der Flügelspieler, glänzt mit einem Tor und einem Assist. Aber dagegen lässt sich einwenden, dass Yakin zu konservativ aufgestellt und damit ein lange zähes Spiel mitverantwortet habe.Auf jeden Fall hat Manzambis Gala in Los Angeles ein Dilemma vergrössert, mit dem sich Yakin schon länger herumschlägt. Es dreht sich um die Frage, wie viel Manzambi er sich traut.Passend zum Artikel