Für den historischen WM-Erfolg brauchte es jeden Schweizer Nationalspieler. Doch das sind die fünf Säulen in Murat Yakins ErfolgsteamDer erste Einzug in den WM-Viertelfinal seit 1954 gründet auf einer herausragenden Mannschaftsleistung. Diese Fussballer sind für das Funktionieren der Auswahl besonders wichtig.09.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer Penaltyheld: Gregor KobelDiesen Moment wird er nie mehr vergessen: Gregor Kobel hält den Penalty von Cucho Hernández.Darryl Dyck / APGregor Kobel ist längst ein grosser Torhüter. In der letzten Saison blieb der 28-Jährige mit Borussia Dortmund in 15 Bundesliga-Partien ohne Gegentor; der «Kicker» wählte ihn zum besten Torhüter der Spielzeit.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sein Start als Stammgoalie im Nationalteam nach der Euro 2024 verlief jedoch harzig; die ewigen Vergleiche mit seinem Vorgänger Yann Sommer schienen Kobel zu belasten. Erst in seinem zehnten Länderspiel als Nummer eins blieb er erstmals ohne Gegentor. Das war auf der Amerika-Reise im vergangenen Juni, als beim 4:0 gegen die USA auch Johan Manzambis Stern im Nationalteam aufging; der Youngster brillierte damals mit einem Tor und einem Assist.Spätestens seit letztem Herbst ist Kobel aber der starke Rückhalt, auch dank ihm kassierte die Schweiz in der äusserst souveränen WM-Qualifikation nur zwei Gegentore in sechs Partien. Und doch scheint Kobel erst jetzt richtig angekommen zu sein im Nationalteam: Dank dem abgewehrten Penalty von Cucho Hernández ist ihm ein Platz im kollektiven Fussball-Gedächtnis der Schweiz auf sicher.Kobel Bilanz ist ohnehin beachtlich: In seinem ersten Turnier als Nummer ist er sogleich erfolgreicher als jeder Schweizer Torhüter vor ihm. «Sportlich ist das ganz sicher der schönste Tag meines Lebens», sagte Kobel nach dem historischen Einzug in den WM-Viertelfinal. Aber wer weiss: Vielleicht erlebt er am Sonntag gegen Argentinien bereits den nächsten «schönsten Tag» seines Lebens.Der elegante Abwehrchef: Manuel AkanjiDer unumstrittene Chef im Abwehrzentrum: Manuel Akanji (rechts), hier im Duell mit dem Kolumbianer James Rodríguez.Indrawan Kumala / ImagoManuel Akanji ist neben Granit Xhaka der einzige Weltklassespieler im Kader von Murat Yakin. Keiner verteidigt so elegant wie er, keiner bleibt unter starkem Pressing so cool. Und kaum einem gelingen in der Spieleröffnung so präzise Pässe durchs Zentrum. Akanji ist die Ruhe selbst – und im Nationalteam der unumstrittene Abwehrchef. An der WM bildet der Inter-Verteidiger mit dem ebenfalls brillanten Nico Elvedi bisher ein kongeniales Duo, vielleicht stellt die Schweiz sogar die beste Innenverteidigung aller 48 WM-Teams.Im Auftaktspiel bescherte der 30-Jährige der Schweiz indes eine Schrecksekunde, als er in der zweiten Minute am Ball vorbei schlug und Katar so eine Top-Chance ermöglichte. Aber seither: voll fokussiert, kaum Fehler, herausragendes Positionsspiel – und eben, überragende Vertikalpässe. Dass die Schweiz zuletzt vier WM-Siege aneinander reihte und in der K.-o.-Phase aus dem Spiel heraus noch kein Gegentor zuliess – es hat viel mit dem stilsicheren Abwehrchef in Top-Form zu tun.Nur ein souveräner Penaltyschütze wird Akanji wohl nicht mehr. Wie bereits in den EM-Viertelfinals 2021 gegen Spanien sowie 2024 gegen England versagten dem Leader auch gegen Kolumbien die Nerven. Akanji entschied sich im letzten Moment um, wohin er schiessen würde – was selten eine gute Idee ist. So drosch er den Ball wie bei einem Field Goal im American Football in hohem Bogen ins Publikum. Hinterher beschied er Murat Yakin, dass das sei sein letzter Penalty im Nationalteam gewesen sei. Der Coach sagte dazu: «Man sollte allerdings nicht vergessen, dass wir dank Manu überhaupt erst das Penaltyschiessen erreichten.»Der ewige Linksverteidiger: Ricardo RodríguezVerteidigt im Nationalteam seit 16 Jahren hinten links: Ricardo Rodríguez.Anne-Marie Sorvin / ImagnRicardo Rodríguez’ Wert für das Schweizer Nationalteam wird man vielleicht erst begreifen, wenn der 33-Jährige irgendwann fehlen wird. Während die Position des Rechtsverteidigers lange eine Baustelle war, verteidigt hinten links seit 16 Jahren Rodríguez. Er und Granit Xhaka, 2009 gemeinsam U-17-Weltmeister, sind die einzigen im aktuellen Kader, die bereits beim denkwürdigen 0:1 im WM-Achtelfinal gegen Argentinien vor zwölf Jahren dabei waren. Damals, in São Paulo, war Rodríguez ein so starker Linksverteidiger, dass Real Madrid an ihm interessiert war.Eine halbe Ewigkeit später ist er immer noch da, man kann sich die Auswahl ohne ihn fast gar nicht mehr vorstellen. 17 Partien an vier WM-Endrunden absolvierte Rodríguez bisher – eine Bestmarke, die er sich mit seinem guten Freund Xhaka teilt. Aber so viele WM-Minuten wie der Zürcher, das hat nicht einmal der Captain geschafft: 1540.Klar, mittlerweile ist Rodríguez langsamer geworden. Aber von seiner Solidität hat er so gut wie nichts eingebüsst. Die geringere Geschwindigkeit macht er mit Routine und perfektem Positionsspiel wett. Und: Er begeht fast keine Fehler. Seine Auftritte mögen unspektakulär wirken, aber er ist die Zuverlässigkeit in Person, und das macht ihn, den ewigen Linksverteidiger, im Nationalteam so wertvoll. Auch in diesem Sommer ist er wieder einmal vertragslos; zuletzt spielte er für Betis Sevilla. Aber Rodríguez spielt eine so abgeklärte WM, dass er auch heuer bei einem guten Klub im Ausland unterkommen wird. So er denn will.Als Murat Yakin vor der WM mit einer Dreierkette experimentierte, drohte Rodríguez aus der Stammformation zu fallen. Im Testspiel gegen Jordanien wurde er dann tatsächlich erstmals seit langem nicht nominiert. Aber wenig später war Rodríguez wieder gesetzt, an der WM spielte er immer von Anfang an. Yakins Planspiele quittierte er kürzlich so: «Ich war überrascht. Schliesslich habe ich im Nationalteam immer gute Leistungen gezeigt.» Und zu seiner Rolle im Team sagte Rodríguez: «Ich sage in der Mannschaft schon meine Meinung, wenn es nötig ist. Aber ich bin keiner, der die Kritik öffentlich macht, ich will keine Konflikte.» Das gelassene Gegenstück zum impulsiven Xhaka – auch das ist Ricardo Rodríguez.Das Herz der Mannschaft: Granit XhakaLädt sich viel Verantwortung auf – und manchmal wird es zu viel: Granit Xhaka.Ethan Cairns / APGranit Xhaka steht auch an dieser WM wieder stets im Zentrum, und zwar nicht nur auf dem Platz. Nach dem 1:1 gegen Katar rügte der Captain seine Mitspieler, sagte, das Team müsse «auf den Boden der Realität» zurückkommen. Schon während der WM-Vorbereitung hatte ihm einiges nicht gepasst: die Einreiseprobleme von Breel Embolo etwa. Oder die maue Darbietung im letzten Testspiel gegen Australien.Aber Xhaka redet nicht nur von hehren Zielen, er setzt sie auch um. Und immer übernimmt er Verantwortung. Wie im kapitalen zweiten Gruppenspiel gegen Bosnien (4:1), als er mit einer starken Leistung voranging und das Team zum Sieg führte. Gegen Kanada absolvierte er dann sein 150. Länderspiel – er befindet sich nun auf einer Stufe mit Lothar Matthäus.Nach Vargas’ verwandeltem Penalty gegen Kolumbien sank Xhaka am Dienstag zu Boden. Während seine Mitspieler ausgelassen zusammen jubelten, kauerte er minutenlang allein am Mittelkreis. Und weinte einfach nur. Danach sagte der 33-Jährige: «Ich nehme immer so viel Druck auf mich. Für mich selbst, aber auch für die Mannschaft. Diesen Moment wollte ich einfach nur für mich geniessen.»Plötzlich fiel die ganze Last ab von ihm, der immer und immer wieder gesagt hat, er packe bis zum WM-Final. Der von seinen Mitspielern und sich selbst seit seinem ersten Länderspiel 2011 im Wembley immer so viel gefordert hat. Der erstmalige Einzug in den WM-Viertelfinal: Es ist sein Vermächtnis.Der Captain und das Herz dieser Mannschaft hat immer laut geredet, gross gedacht. Und geliefert. Wobei: Xhaka wäre nicht Xhaka, wenn er nun zufrieden wäre. Sein Hunger sei «grösser den je», sagte er nach dem Achtelfinal-Sieg gegen Kolumbien. Xhaka will auch dieses Mal in den WM-Final. So nah war er noch nie, zwei Siege fehlen ihm.Der Unersetzliche im Sturm: Breel EmboloMusste an dieser WM schon viel einstecken: Breel Embolo (unten), der hier vom kolumbianischen Torhüter Camilo Vargas angegangen wird.Gregory Bull / APBreel Embolo ist im Nationalteam seit Jahren die alternativlose Option im Sturmzentrum. Wenn man seine Statistik anschaut, weiss man auch warum. 26 Tore in 91 Länderspielen hat er seit dem Debüt im Jahr 2015 unter Vladimir Petkovic erzielt; 15 allein in den letzten 18 Partien.Das Spielsystem des Nationalteams ist seit langem auf ihn, den einzigen Stürmer, ausgerichtet. Weil er mit seiner starken physischen Konstitution vorne die Bälle halten, ablegen, weiterleiten kann. Wobei Embolos Spielweise auch sinnbildlich für die Widerstandsfähigkeit steht, die in den letzten Jahren zum Markenzeichen dieser Auswahl geworden ist: Er scheut keinen Zweikampf, ist hartnäckig, gibt keinen Ball verloren. Auch wegen solcher Tugenden gewann das Nationalteam am Dienstag zum ersten Mal einen WM-Achtelfinal, nachdem es seit 2014 drei Mal an dieser Hürde gescheitert war.Und doch ist diese WM bisher noch nicht Embolos Turnier. Mit seiner abgewiesenen Einreisebewilligung sorgte er schon vor dem Start für Unruhe im Schweizer Lager. Aber vor allem wirkte Embolo bisher oft isoliert im Sturmzentrum – inbesondere im Achtelfinal gegen Davinson Sánchez und Jhon Lucumí, den zwei kolumbianischen Recken im Abwehrzentrum. Als er kurz vor Anbruch der Verlängerung ausgewechselt wurde, verstand Embolo die Welt nicht mehr.Und es ist ja auch verständlich. Denn Embolo hat eine Qualität, die wenige andere Stürmer so haben: Er schiesst oft Tore, auch wenn er sonst kaum zu sehen ist. Gegen Katar traf er vom Penaltypunkt zur 1:0-Führung, im Sechzehntelfinal gegen Algerien ebenfalls. Auch zwei Assists hat er bereits gesammelt. Wie er das genau macht, erschliesst sich einem manchmal nicht. Aber Embolo ist immer da, wenn es zählt. Die Konstante im Sturm. Der Unersetzliche.Was auch für seine Funktion neben dem Platz gilt. Er ist ein Integrationsfaktor. Sorgt in der Kabine für Unterhaltung. Vermittelt zwischen der frankofonen und den deutschsprachigen, den älteren und den jüngeren Spielern. Und den Humor verliert Embolo sowieso nie. Nach dem Sieg im Sechzehntelfinal gegen Algerien scherzte er: «Es gibt immer einen Weg, in die USA zu kommen.»Doch vorerst blieben er und das Nationalteam für ein weiteres Spiel in Vancouver, und schrieben dort Geschichte. Erst jetzt, für den WM-Viertelfinal, geht es zurück in die USA. Nach Kansas City in Missouri, zum Rendez-vous mit dem Weltmeister Argentinien und Lionel Messi.