Murat Yakin, der Tüftler: Was hinter den taktischen Kniffen des Schweizer Nationaltrainers stecktYakin macht seinem Ruf als Taktikfuchs an dieser WM alle Ehre. Um in der K.-o.-Phase zu bestehen, muss das Team aber abgezockter werden.28.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Meister der Spielvorbereitung: Murat Yakin, der Schweizer Nationalcoach.Jared C. Tilton / Fifa via GettyZur Halbzeit musste Murat Yakin am Mittwoch sein weisses T-Shirt wechseln. Aber nicht etwa, weil er beim 2:1 des Fussball-Nationalteams gegen Kanada in Vancouver derart ins Schwitzen gekommen wäre. Sondern weil ihn das Schiedsrichterteam dazu aufforderte. Zu stark ähnelte der Schweizer Coach den in Weiss spielenden Kanadiern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Also kehrte Yakin nach der Pause mit dem gleichen Kleidungsstück, einfach in schwarzer Farbe, zurück. Sein T-Shirt mit dem markanten P auf der Brust stammt aus der Sonderkollektion, die der Ausrüster des Nationalteams zum Zehn-Jahre-Jubiläum des Trainers Pep Guardiola bei Manchester City entworfen hatte.Verwechslungsgefahr hin oder her: Das Bild des Konfusion stiftenden Nationaltrainers passt bestens zu dem Eindruck, den der 51-Jährige an der WM bisher hinterlassen hat. Denn da hat Yakin nicht allein die Unparteiischen, sondern vor allem die Gegner und deren Trainer bereits wieder gehörig verwirrt. Und damit seinem Ruf als Taktikfuchs einmal mehr alle Ehre erwiesen.Luca Jaquez hinten rechts, Fabian Frei zurückgeholtAls Yakin nach dem Kanada-Spiel auf den T-Shirt-Tausch angesprochen wurde, sagte er: «Ich bin ein grosser Fan von Pep Guardiola und seiner Art, wie er Fussball spielen lässt. Das ist erfrischend, taktisch clever, mit all den Positionen, Rotationen, Überzahlsituationen. Er bereitet seine Spieler mit vielen Details extrem gut auf die Partien vor.»Das klang fast wie eine Selbstbeschreibung. Seit seinem Amtsantritt im Sommer 2021 überraschte auch Yakin immer wieder mit personellen und taktischen Varianten, oft findet er in der Gegneranalyse Lösungsansätze, die vieles sind, aber gewiss nicht naheliegend. So hat er schon manchen Trainer ausgecoacht, jüngst Jesse Marsch.Unkonventionelle Ideen: Murat Yakin und sein Team in der Trinkpause während dem Spiel gegen Kanada.Peter Klaunzer / KeystoneIm Duell um den Gruppensieg setzte Yakin gegen Kanada hinten rechts auf Luca Jaquez. Der 23-Jährige kam beim VfB Stuttgart in der letzten Saison nie auf dieser Position zum Einsatz. Trotzdem hielt Yakin ihn für die beste Option, um dem kanadischen Tempo-Fussball auf den Flügeln zu begegnen. Der gelernte Innenverteidiger spielte defensiv solid und leitete mit zwei Steilpässen beide Tore der Schweiz ein.Jaquez’ Nomination ist bloss die letzte in einer Reihe unkonventioneller Ideen, die Yakin als Nationaltrainer umgesetzt hat. Im Herbst 2021, als Granit Xhaka ausfiel, holte er kurzerhand Fabian Frei zurück ins Team. Mit ihm im Zentrum spielte die Schweiz gegen Italien 0:0, später qualifizierte sie sich souverän für die WM 2022. Dort liess Yakin den Neuling Fabian Rieder gegen Brasilien überraschend auf der linken Seite agieren.Als grösste taktische Meisterleistung Yakins gilt aber noch immer das erste Gruppenspiel an der EM 2024. Da nominierte Yakin gegen Ungarn unerwartet Michel Aebischer im linken Couloir und Kwadwo Duah im Sturm. Nach zwölf Minuten: Pass von Aebischer auf Duah, 1:0. Kurz vor der Pause: Schlenzer Aebischer, 2:0. Die Schweiz gewann 3:1 und stiess bis in die Viertelfinals vor.Wegen der nonchalanten Art haftet Yakin das Etikett des Gamblers an. Doch die Zuschreibung stört ihn. Hinter seinen taktischen Innovationen stecke mehr als blindes Vertrauen in seine Intuition, erklärte er vor kurzem im Gespräch mit der NZZ. Er bereite solche Kniffe monatelang vor und übe sie mit seinen Spielern in den Trainings und Testspielen ein.Maximale Flexibilität und FluiditätDie akribische Gegner-Vorbereitung hängt eng mit der Idee von Yakins Fussball zusammen. Er setzt auf Ballbesitz und Dominanz – also Spielkontrolle. Dabei vertraut Yakin einem Grundgerüst aus Routiniers, die praktisch immer spielen: Gregor Kobel im Tor, Manuel Akanji, Nico Elvedi und Ricardo Rodríguez in der Abwehr, Remo Freuler und Granit Xhaka im Zentrum, Breel Embolo im Sturm.Darum herum experimentiert er. Wobei seine Spieler ständig in Bewegung sein sollen. Wichtig ist, dass die Positionen besetzt sind, nicht, wer sie besetzt. Yakins Prinzip lautet: maximale Flexibilität und Fluidität, besonders in der Offensive. Das erklärt, weshalb er Spieler wie Michel Aebischer oder Fabian Rieder auf den unterschiedlichsten Positionen einsetzt, mal hier, mal dort, je nach Gegner.Werden auf unterschiedlichen Positionen eingesetzt: Michel Aebischer, Fabian Rieder und Christian Fassnacht (von links nach rechts).Joeran Steinsiek / ImagoYakins Spielsystem sorgt für permanente Rotation – wodurch die Spannung im Team hoch bleibt. Jeder kann eine Chance erhalten. Am besten illustriert das die Besetzung der Position hinten rechts: Braucht der Nationaltrainer einen spielstarken Rechtsverteidiger wie gegen das tief stehende Katar, so lässt er Denis Zakaria spielen. Stehen die Schweizer unter massivem Druck und benötigen defensive Solidität wie im richtungsweisenden Gruppenspiel gegen Bosnien, nominiert er Silvan Widmer. Gegen Kanada wiederum hielt Yakin Jaquez’ Schnelligkeit für das probate Mittel.Und oft hat er mit seinen taktischen Anpassungen goldrichtig gelegen. Doch einmal, im WM-Achtelfinal 2022, ging ein Experiment gründlich schief. Die Schweiz erlitt mit dem 1:6 gegen Portugal die schlimmste Niederlage der jüngeren Geschichte. Damals fielen mehrere Spieler krank aus, und es rächte sich, dass Yakin nur zwei ausgebildete Rechtsverteidiger mitgenommen hatte. Edimilson Fernandes wurde von den Portugiesen überfahren. Und Yakin danach hart kritisiert.Im Grunde genommen ist die Position bis heute eine Baustelle – oder wie Yakin es formulieren würde: Sie ist flexibel besetzbar geblieben. Nach dem Kanada-Spiel sagte er: «Ich habe auf verschiedenen Positionen unterschiedliche Optionen. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall.» Es ist ein typischer Yakin-Satz, aber offensichtlich hat er seine Lehren aus dem Debakel gegen Portugal gezogen.Die Anpassungsfähigkeit zeichnet Yakins Coaching indes noch viel grundsätzlicher aus. Yakin lebt im Moment, er ist undogmatisch und offen für Inputs – ob diese nun vom Datenanalysten-Team um Kevin Ehmes, von seinem Captain Granit Xhaka oder aus der Öffentlichkeit kommen. Vor dem ersten WM-Spiel rechtfertigte er Manzambis Reservistenrolle noch damit, dass der junge Genfer defensive Mängel aufweise. Danach erhörte Yakin die Rufe der neun Millionen Sofa-Nationaltrainer – und beorderte Manzambi gegen Kanada in die Startformation. Er ist stolz auf seine taktische Versiertheit.Das Nationalteam beherrscht bis jetzt nur einen ModusDass er stark im Moment lebt, einem Fussballer im einen Spiel vertraut und im nächsten wieder nicht, erschwert allerdings die Vertrauensbildung. Wie einem Routinier wie Widmer die Versetzung auf die Bank vermitteln, nachdem dieser im zweiten WM-Spiel doch eine gute Leistung gezeigt hat? Es hat halt was anderes gebraucht. Schwierig.Hinzu kommt ein weiterer Vorbehalt. Bisher beherrschte das Nationalteam an dieser WM nur einen Modus: das Spiel mit Ballbesitz. Doch gegen Katar und Kanada schien die Energie der Spieler nach einer Stunde jeweils zu schwinden. Ist das Yakins laufintensiver Spielweise geschuldet? Plötzlich schenkte das Team Bälle her, plötzlich war die Spielkontrolle weg.Gegen die harmlosen Gegner in der Vorrunde ging das noch glimpflich aus, doch stärkere Teams dürften diese Schwäche ausnutzen. Wollen die Schweizer «die beste WM der Geschichte» spielen, muss der Coach eine Strategie entwickeln, wie die Equipe das Geschehen auch ohne Ball kontrollieren kann. Wie sie abgezockt bleibt, wenn der Gegner den Druck erhöht und die Schweiz in die Defensive drängt.Nach dem Kanada-Spiel frohlockte Adrian Arnold, der Medienchef des Verbands, Yakin habe jetzt acht Tage zur Vorbereitung auf den Sechzehntelfinal. Es ist eine ungewöhnlich lange Zeit während eines Turniers. Und womöglich lang genug, meinte Arnold, damit der Ausrüster des Nationalteams ein T-Shirt mit einem M für Murat Yakin produzieren könne.Das ist unwahrscheinlich. Doch sollte die Schweiz erstmals den WM-Viertelfinal erreichen, kreiert Puma vielleicht tatsächlich auch eine Sonderkollektion für den Nationalcoach. Bis dahin braucht Murat Yakin aber noch zwei taktische Meisterleistungen. Mindestens.Passend zum Artikel