Der missglückte WM-Auftakt verschafft dem Nationaltrainer Murat Yakin mehr Gedankenfutter, als ihm lieb sein kannNach dem 1:1 der Schweizer Fussballer gegen Katar steht Yakin vor verschiedenen Fragen. Etwa der, ob er seinem Team zu viel zumutet.15.06.2026, 07.21 Uhr4 LeseminutenDer Nationaltrainer Murat Yakin wünscht sich von seinen Spielern Flexibilität und Dominanz – ist die laufintensive Spielweise die richtige Strategie für ein WM-Turnier unter diesen Bedingungen?Peter Klaunzer / KeystoneEigentlich sollte das WM-Auftaktspiel gegen Katar eine Art Startrampe für die Schweizer Fussballer sein, schliesslich haben sie sich vorgenommen, an diesem Turnier hoch zu fliegen. Aber dann segelte in der 94. Minute eine Flanke der Katarer durch den Schweizer Strafraum, die sich umgehend in das hiesige Fussball-Gedächtnis eingebrannt hat. Auf die Flanke folgte der Ausgleich des krassen Aussenseiters, und als Murat Yakin danach in der Pressekonferenz sass, musste er ein paar unangenehme Fragen beantworten, zum Beispiel: Was ist da schiefgelaufen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ja, was ist da schiefgelaufen? Murat Yakin wäre nicht Murat Yakin, wenn er nicht zuerst einmal mit der Entgegnung geantwortet hätte, dass doch eigentlich gar nicht so viel schiefgelaufen sei. Der Trainer berichtete von der «richtigen Spielweise», der Dominanz seines Teams, der fehlenden Effizienz. In dieser Erzählung ist am Samstag vieles richtig gelaufen, eigentlich, und dass die Schweizer am Ende nicht siegten, war eigentlich nur eines: eine unglückliche Fügung.Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Das Spiel gegen Katar hat Yakin mit einigen Themen versorgt. Zum Beispiel der Frage, ob seine Spielidee für dieses Turnier im amerikanischen Sommer gemacht ist. Oder ob es nicht den einen oder anderen Kompromiss brauchte.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenEs war offensichtlich, dass die Hitze den Schweizern zusetzteZu Yakins taktischen Paradigmen gehört die Flexibilität, der Begriff zählt zu seinem Standardvokabular, er fällt zuverlässig in jeder Pressekonferenz. Das gilt für das System und dessen Umsetzung. Seine Fussballer sollen auf dem Platz immerzu in Bewegung sein, in freie Räume vorstossen, verschiedene Positionen einnehmen, den Gegner überraschen. Und ihn ohne Ball hoch anlaufen. Es ist eine attraktive, anspruchsvolle Spielanlage, die auf Ballbesitz und Dominanz, ein anderes Lieblingswort von Yakin, angelegt ist.Gegen Katar geht der Plan zunächst auf. Die Schweizer treffen auf einen Gegner, dem nicht viel mehr einfällt, als sich vor dem eigenen Strafraum zu verbarrikadieren. Das kann zu komplizierten Spielen führen, doch am Samstag findet die Schweiz immer wieder Wege durch den katarischen Abwehrriegel. Zunächst jedenfalls.Sie ist zu Beginn ein Team wie Wasser, stets in Bewegung, alles fliesst, schöne Kombinationen entstehen, Chancen für ein, zwei, drei Tore. Die Nomination von Denis Zakaria als rechter Verteidiger, der überall auf dem Platz unterwegs ist, und von Michel Aebischer zahlt sich aus; beide gehören zu den Aktivposten im Spiel der Schweizer.Nur hat die Schweiz zur Pause trotz allen Bemühungen lediglich ein Tor erzielt, was auch damit zu tun hat, dass sie zwar ansehnlich kombiniert, aber im Abschluss die nötige Dringlichkeit vermissen lässt. Und je länger das Spiel dauert, desto mehr muss sie ihrer laufintensiven Spielweise in der Mittagshitze von Santa Clara – das Thermometer zeigt weit über 30 Grad – Tribut zollen.Zwar mag hinterher niemand die Temperaturen als Grund für den Leistungsabfall anführen. Das ist ehrenhaft, aber es ist offensichtlich, dass die Schweizer ihr Tempo auch drosseln müssen, weil sie es nicht mehr weiter gehen können. Und ohne Intensität funktioniert ihr Spiel nicht mehr gleich gut. Vor allem können die Schweizer nicht verbergen, dass sie in der Abwehr verwundbar sind, selbst gegen die schwachen Katarer.Als Yakin wechselt, damit sein Team wieder aktiver wird, er Johan Manzambi bringt, Fabian Rieder, später Zeki Amdouni, verliert die Schweiz ihre Ordnung noch mehr. Weil in der Maschine, die in der ersten Halbzeit so reibungslos lief, plötzlich verschiedene Teile fehlen. Und die neuen Teile nicht alle richtig passen wollen.Wie gut ist eine Maschine, die so empfindlich ist? Und was passiert, wenn die Gegner besser werden, es etwa gegen Bosnien-Herzegowina geht, im zweiten Gruppenspiel, das nach dem Ausrutscher gegen Katar für die Schweizer plötzlich so wichtig geworden ist?Kann man dieses Turnier, das lange dauern wird, vielleicht, hoffentlich, so überstehen?Vielleicht bringt in diesem Sommer manchmal ein bisschen weniger ein bisschen mehr. Ein bisschen weniger Anspruch. Ein bisschen mehr Pragmatismus.Vielleicht traut – oder auch: mutet Yakin den Schweizern etwas zu viel zu; man kann das erste Spiel jedenfalls so lesen. Zur Wahrheit gehört indes auch, dass die Dinge im Fussball rasch kippen können. Ein Tor verändert die Geschichte und damit die Wahrnehmung eines ganzen Spiels. Das wissen die Schweizer nach ihrem WM-Auftaktspiel.Es irritiert, wie unterschiedlich Xhaka und Yakin redenDoch das ändert nichts daran, dass nun etwas zurückbleibt, und zwar nicht nur die kompliziertere Ausgangslage. Auch die unglücklichen Wechsel von Yakin, der ja im Ruf steht, dass er da ist, wenn es zählt. Am Samstag war das nicht so. In der 89. Minute schickte er nach Manzambi, Rieder und Amdouni noch Ardon Jashari und Miro Muheim für die erfahrenen, aber müden Remo Freuler und Ricardo Rodríguez auf den Platz. Beide Neuen spielten eine Rolle, als die Schweiz spät den Ausgleich hinnehmen musste. Muheim köpfelte den Ball gar ins eigene Tor.Nach dem Spiel verzichtete Yakin grösstenteils darauf, seine Einwechselspieler zu kritisieren, er beliess es bei Andeutungen. Dafür wurde sein Captain, Granit Xhaka, deutlicher. Er sprach von «Show-Makern», die da gekommen seien, von fehlender Disziplin. Das ist starker Tobak, weil Xhaka teilweise auf den Mann spielte. Auch wenn er keine Namen nannte, wurde klar, dass unter anderem Manzambi gemeint war, der Shootingstar aus Freiburg, dem Yakin gegen Katar zu Beginn den disziplinierteren, taktisch versierten Aebischer vorzog. Im Spiel zeigte sich dann, weshalb der Trainer sich so entschieden hatte.Yakin hält sich zurück, Xhaka ganz und gar nicht: Man kennt das, es ist eine alte Mechanik, weil die beiden ganz unterschiedlich ticken. Aber es hat doch etwas Seltsames, Irritierendes, wenn es so oft passiert wie in diesen Tagen. Nach dem Spiel gegen Australien. Nach dem Spiel gegen Katar schon wieder.Offensichtlich schätzt Xhaka den Ernst der Lage im Schweizer Camp etwas anders ein als Yakin, der Chef. Auch darüber muss der Trainer in den nächsten Tagen wohl nachdenken.Passend zum Artikel
Nach dem 1:1 gegen Katar muss Murat Yakin sich fragen, ob er dem Team zu viel zumutet
Nach dem 1:1 der Schweizer Fussballer gegen Katar steht Yakin vor verschiedenen Fragen. Etwa der, ob er seinem Team zu viel zumutet.
Nach dem 1:1 gegen Katar muss Yakin überprüfen, ob seine auf hohe Laufintensität und Flexibilität angelegte Taktik im WM-Hitzeklima haltbar ist. Die fehlgeschlagenen Auswechslungen zeigen: Dieses System fordert zu viel – Pragmatismus könnte besser funktionieren als taktische Komplexität.














