Viermal benutzte Murat Yakin den Begriff, als er nach dem Sieg gegen Bosnien über seine Entscheidungen in diesem Spiel sprach. Viermal in 45 Sekunden sagte er: „Cooling Break“. In der ersten Cooling Break, der Trinkpause also, habe Bosnien das eigene Spiel ans System der Schweizer angepasst. Das habe ihnen ein wenig Mühe bereitet. Für ihn, den Schweizer Trainer, sei es aber wichtig gewesen, mit den eigenen Veränderungen bis zur zweiten Cooling Break zu warten: „Weil da der Gegner nicht mehr reagieren kann.“Wer Yakin so reden hörte nach diesem 4:1 seiner Mannschaft im Spiel gegen Bosnien-Hercegovina, der bekam den Eindruck: Bei dieser Weltmeisterschaft wird in mancher Hinsicht ein anderes Spiel gespielt als zuvor.Werben, Trinken und TaktierenKaum etwas ist in den ersten Tagen dieser WM so aufgeregt besprochen worden wie die Werbe- und Trinkpausen, die der Weltfußballverband FIFA vor dem Turnier eingeführt hat. Vor allem weil man ahnt, dass es dem Verband mehr ums Werben als ums Trinken geht. Die neuen Unterbrechungen sind allerdings nicht nur Werbe- und Trinkpausen, es sind auch Taktikpausen. Und das Spiel der Schweizer gegen Bosnien war ein gutes Beispiel dafür, wie dieser Eingriff den Fußball verändert.68 Minuten dieser Partie waren gespielt, als Bosniens Trainer Sergej Barbarez begann, die blau-gelbe Menschenmasse im Stadion mit den Armen zu dirigieren. Die Masse war gerade lauter geworden, weil Barbarez’ Spieler in den vergangenen Minuten besser geworden waren. In den Sekunden zuvor hatten sie einmal ordentlich geflankt und einmal aufs Tor geschossen – das war in wenigen Momenten fast so viel Torgefahr wie in den 67 Minuten davor. Barbarez forderte die blaue Masse nun auf, noch lauter zu werden: Weil er spürte, dass seine Mannschaft das Momentum gewann.Statt zwanzig Minuten mit Momentum hatten Barbarez’ Spieler dann aber plötzlich drei Minuten mit Trinkflasche vor sich. Sie kamen zusammen, besprachen sich, kühlten ab aus ihrer heißen Phase. Ein paar Meter entfernt gab Murat Yakin die Anweisung, die drei Wechsel durchzuführen, die er vorbereitet hatte. 120 Sekunden nachdem der Ball wieder im Spiel war, traf Johan Manzambi vom SC Freiburg, gerade eingewechselt, zum 1:0 für die Schweiz. Am Ende gewann seine Mannschaft 4:1 in diesem Spiel, das bis zur zweiten Trinkpause 0:0 gestanden hatte.Es ist nicht das erste Mal bei dieser WM, dass die Trinkpause den Spielverlauf offensichtlich beeinflusst, weil sie den Rhythmus einer Mannschaft bricht. Beim Spiel der Japaner gegen die Niederlande etwa sah man solche Momentumwechsel, bei Brasilien gegen Marokko auch. Brasiliens Trainer Carlo Ancelotti erzählte hinterher, die Unterbrechung sei wichtig gewesen für neue Anweisungen. Sein Stürmer Vinícius Júnior hatte kurz nach der Pause das 1:1 geschossen.Auch der deutschen Mannschaft half im ersten Spiel die Pause, das Momentum wiederzugewinnen. Nach dem 1:1 für Curacao wirkten die Deutschen geschlaucht vom Gegentor, bis sie sich bei ein paar Schlucken Wasser wieder sammeln konnten. Die Trinkpause habe geholfen, um den Spielern ein paar Dinge auf der Taktiktafel zu zeigen, sagte Julian Nagelsmann danach. Emma Hayes, Trainerin der US-Nationalmannschaft der Frauen, sagte zuletzt im britischen Fernsehen, sie nenne die neuen Pausen deshalb „Momentum Breaks“: Sie seien ein enormer Vorteil für die Mannschaft, die das Momentum gerade verliert.Ein fundamentaler Eingriff ins SpielAm Freitag in Inglewood sagte Sergej Barbarez, bis zur zweiten Trinkpause sei seine Mannschaft in dieser Hälfte besser gewesen. „Wir haben ein paar richtig gute Chancen gehabt, wir haben Kontrolle über das Spiel gehabt, wir haben viel Pressing ausgeübt.“ Es ärgerte ihn, wie die Auszeit ihm in dieser kurzen Angriffsperiode dazwischengefunkt hatte, in einem Spiel, das sonst vor allem die Schweizer gestaltet hatten.Bei Yakin klang es dagegen wie ein genialer Zug, seine Taktiktrümpfe erst in der letzten Pause gespielt zu haben. Spielentscheidend sei das gewesen, sagte er, „dass wir im richtigen Moment den Führungstreffer gesucht haben“. Man müsse sich anpassen, lernen, wie man diese Pausen taktisch einsetzen kann.Die FIFA hat aus einem Sport mit zwei Halbzeiten im Grunde einen Sport mit vier Vierteln gemacht, zumindest für diese WM. So sagte das auch Frankreichs Trainer Didier Deschamps vor ein paar Tagen. Das fügt dem Spiel die Option zu taktischen Korrekturen hinzu. Es nimmt ihm aber auch etwas, und es ist in jedem Fall ein fundamentaler Eingriff ins Spiel. Denn in diesem Sport, in dem ein einzelner Moment den Ausschlag geben kann, hat das Momentum schon viele Spiele entschieden. Es schafft Phasen, die schwer erklärbar sind; wenn eine Mannschaft plötzlich formationslos umherirrt nach einem Gegentor, während die andere sich berauscht. Das ist Teil dessen, was dem Fußball seine Unberechenbarkeit schenkt.Bei einem der berühmtesten Spiele des bisherigen Jahrhunderts, dem 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien bei der WM 2014, stand es nach 21 Minuten 1:0. Nach 29 Minuten stand es dann 5:0. Irgendwann dazwischen würde es 2026 eine Trinkpause geben.
Fußball-WM 2026: Wie die Trinkpausen das Spiel verändern
Nicht nur Murat Yakin zeigt: Trinkpausen nützen den Sponsoren – und Trainern, die die Partie beeinflussen wollen. Sie verändern das Spiel massiv.











