Unter dem Vorwand der Fürsorge: Die Fifa reagiert mit den Trinkpausen auf ein Problem, das es gar nicht gibtDie TV-Sender jubeln – mehr Pausen bedeuten mehr Werbung. Doch es gibt durchaus auch Regeländerungen an der WM, die dem Spiel zugutekommen.Stefan Osterhaus, Houston16.06.2026, 12.07 Uhr4 LeseminutenIn Monterrey ist die Trinkpause sinnvoller als anderswo: Die schwedischen Nationalspieler Gustaf Lagerbielke und Isak Hien nutzen sie während des WM-Vorrundenspiels gegen Tunesien.Petter Arvidson / ImagoSechzig Sekunden: Länger soll sie nicht sein, länger darf sie nicht sein – die Trinkpause, die den Spielern an dieser Weltmeisterschaft eingeräumt wird. Eine pro Halbzeit, unabhängig von den Gegebenheiten: An jedem der Austragungsorte haben die Gegner Anrecht darauf, ganz gleich, wie die Bedingungen vor Ort sind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine solche Regel ist kurios. Und sie führt zu Situationen, die nicht einwandfrei nachvollziehbar sind. Beispiel Houston: Da standen sich die deutsche Nationalmannschaft und das Team aus Curaçao gegenüber. Draussen wurde die texanische Metropole ihrem Ruf gerecht, vom Regen bevorzugt zu sein: starke Schauer, eine brutale Luftfeuchtigkeit, die jede körperliche Betätigung unerträglich machte.Pause auch bei 22 GradDrinnen: heruntergekühlt auf 21 oder 22 Grad – ein Temperatursturz von 10 Grad innerhalb weniger Minuten, wenn man von aussen in das stark klimatisierte Stadion kommt. Die Notwendigkeit einer Unterbrechung fürs Trinken erscheint ungefähr so gross wie im mitteleuropäischen Herbst.Die Trinkpause ist ein massiver Eingriff, der das Spiel im Grunde genommen viertelt – so, wie es die Amerikaner vom American Football her kennen. Das dürfte in Zukunft Raum für Werbeeinnahmen eröffnen, geht aber zulasten der wichtigsten Eigenschaften des Spiels: der Flüssigkeit, des Spielflusses, des Schwungs, den sich Mannschaften erarbeiten. Teams, die unter grösserem Druck stehen, profitieren von der Pause eher als diejenigen, die die Initiative auf ihrer Seite haben.Der Eingriff wird auch von den Spielern kritisch gesehen. Virgil van Dijk, der niederländische Innenverteidiger, war der Erste, der sich offen gegen die Regelung aussprach. Er vermutet finanzielle Interessen hinter der Trinkpause: «Ich habe fast alle Spiele bis heute gesehen. Jedes Mal gehen wir in die Werbung – das gefällt mir nicht wirklich.»Tatsächlich liegt van Dijk damit richtig: Der Chef von Magenta TV, Arnim Butzen, sagte dem Fussballmagazin «Kicker», dass sich Werbung während der Trinkpausen bei der Kundschaft grosser Beliebtheit erfreue – ähnlich hoch bewertet wie die Spots vor Spielbeginn.Der belgische Nationalspieler Brandon Mechele erfrischt sich während der Trinkpause in der zweiten Halbzeit des WM-Gruppenspiels gegen Ägypten in Seattle an einem Rasensprenger.Lee Smith / ReutersVan Dijk macht einen VorschlagFür van Dijk zählt dieses Argument nicht. Der Niederländer vom FC Liverpool plädiert für eine Einzelfallprüfung: «Wenn es wirklich heiss ist, kann man darüber reden. Aber meiner Meinung nach muss man jedes Spiel einzeln betrachten.»Die Verteidigung der Fifa ist simpel: Die Massnahmen dienten dem Schutz der Spieler. Zudem solle das Reglement in allen Spielen dasselbe sein. Das ist zwar einleuchtend, trägt aber den gravierenden Nachteilen, die die Pause zur Mitte eines jeden Durchgangs mit sich bringt, nicht ausreichend Rechnung.Zumal es, wie von van Dijk vorgeschlagen, immer noch die Möglichkeit gäbe, die Angelegenheit zur Zufriedenheit beider Teams zu handhaben: Der Schiedsrichter braucht nicht mehr zu tun, als im Vorbeigehen das Einverständnis beider Kapitäne einzuholen. Ohnehin ist die bisherige Geschäftsordnung – neben den Torpfosten des eigenen Teams lagen stets ein paar Flaschen zur Erfrischung bereit – von den Teams so gut wie nie bemängelt worden. Die Fifa erfindet hier also unter dem Vorwand der Fürsorge ein Problem, das schlicht nicht existiert.Schauspieler haben es schwererDie Trinkpause ist längst nicht die einzige Neuerung. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die Fifa als Wächterin der Regelorthodoxie verstand. Aber nicht alles, was sie sich ausdenkt, ist schlecht. Ein Platzverweis dafür, wenn sich ein Spieler die Hand vor den Mund hält, um seine Äusserungen vor Lippenlesern zu verbergen: ergibt Sinn. Die Verschleierung maliziöser Absichten muss vom Regelwerk nicht toleriert werden.Sinnvoll ist auch, dass die Zeit beim Ausführen von Abstössen und Einwürfen auf acht Sekunden limitiert wird. Genauso wie die neue Regel, dass Spieler, die behandelt werden müssen, mindestens sechzig Sekunden warten müssen, bis sie wieder ins Spiel eingreifen können. Allerdings ist fraglich, ob einer der grossen Profiteure der alten Grosszügigkeit gegenüber Schauspielereien noch viel davon haben wird: Bis jetzt spielt Neymar im brasilianischen Nationalteam keine grosse Rolle.Die Ausweitung der Kompetenz des Videoassistenten bei Gelben Karten und bei falschen Eckballentscheidungen ist allerdings höchst problematisch. Sukzessive wird die Kompetenz des Schiedsrichters zurückgedrängt. Von seiner ursprünglichen Intention – nur bei Entscheidungen einzugreifen, die das Spielgeschehen massiv beeinflussen – ist die gegenwärtige Regelung meilenweit entfernt, wenngleich es gewiss eine Definitionsfrage ist, was eine spielentscheidende Situation ausmacht. Teams, die auf Standards spezialisiert sind, werden die neue Regelung daher kritisch betrachten.Die Trinkpausen sind eine willkommene Bühne für Werbung. Auch hier im MetLife Stadium in New Jersey, wo während des WM-Vorrundenspiels Brasilien gegen Marokko die offizielle Trinkpause angekündigt wird.Paul Terry / ImagoPassend zum Artikel
Neue Regeln an der WM: Trinkpausen sind unsinnig
Die TV-Sender jubeln – mehr Pausen bedeuten mehr Werbung. Doch es gibt durchaus auch Regeländerungen an der WM, die dem Spiel zugutekommen.










