In der 23. Spielminute soll Wilton Sampaio in die Pfeife pusten. Und wenn der Schiedsrichter aus Brasilien an diesem Donnerstag (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft unterbricht, wird der Ball im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt für drei Minuten ruhen, damit die Spieler dort dasselbe tun können.„Hydration breaks“ – so nennt der Internationale Fußball-Verband (FIFA) die Trinkpausen, die bei jedem Spiel des Turniers jeweils einmal pro Halbzeit eingelegt werden müssen. Das ist neu. Das ist gut. Wer eine WM mit mehr Spielen will, muss ein Spiel mit mehr Pausen wollen. Gerade in Mexiko, gerade in den Vereinigten Staaten. Doch was, wenn die FIFA sich gar nicht so sehr sorgt, dass denen der Saft ausgeht, die die größte Show spielen – sondern denen, die sie zahlen und zeigen?1200 Euro pro SekundeWährend der „hydration breaks“ der WM dürfen nämlich nicht nur die Fußballspieler eine Trink-, sondern die Fernsehsender eine Werbepause machen. Auch das ist neu. Aber gut ist das nicht. Das ZDF, so steht es auf der Website der ZDF Werbefernsehen GmbH, bietet den „Exklusivblock im Vollbild“ bei „nicht-deutschen Spielen […] schon ab 1200 Euro pro Sekunde“ an.Auf dieses neue Werbegeld sollen die Sender nach der WM wieder verzichten? Das wäre so, als dürften Fußballfans die Spiele auf dem Flachbildschirm schauen und müssten danach wieder in die Röhre gucken. Nein, wenn Wilton Sampaio an diesem Donnerstag in seine Pfeife pustet, wird das ein Pfiff sein, der im Zeitalter des Videoschiedsrichters, und gerade in diesem, nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.So wird der Fußball mit dieser WM in Amerika vielleicht das Merkmal verlieren, das ihn bislang mehr als alle anderen von den amerikanischen Sportarten unterscheidet: den Fluss des Spiels. Es gibt zumindest in Europa bisher sowohl in der ersten als auch in der zweiten Halbzeit keine Unterbrechung, die monetarisiert wird, kein TV-Time-out, keine Trinkpause. Doch wenn die Europäer auch außerhalb Mexikos, außerhalb der Vereinigten Staaten dauerhaft Unterbrechungen mitten im Spiel suchen (und wer würde dagegen wetten?), müssten sie im Zeitalter des Videoschiedsrichters keine erfinden.Man könnte das alles auch so sagen: In Amerika wird der nächste Schritt in der Amerikanisierung des Fußballs vollzogen. Und wenn nicht alles täuscht, ist er auch in Europa vorbereitet worden.Die Amerikanisierung lässt sich nicht aufhalten, aber es lässt sich zumindest bedauern, dass sie an dem Punkt aufhört, an dem sie wirklich interessant werden könnte. Würde etwa ein sogenannter Salary Cap, eine Gehaltsobergrenze für Klubs nach amerikanischem Vorbild, verhindern, dass der FC Bayern München die nächsten dreizehn deutschen Meisterschaften gewinnt, dass der Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain die nächsten drei Spieler kauft, die perfekt in sein Spielsystem passen, kosten sie, was sie wollen?Das kann man nicht sicher sagen. Was man aber sicher sagen kann: dass es vielversprechender wäre als alles, was die FIFA und vor allem auch die Europäische Fußball-Union UEFA versucht haben.