PfadnavigationHomeSportFußballWMWM„Geldmacherei der Fifa“ – So lukrativ sind die störenden TrinkpausenVon Sergen KayaVolontär an der Axel Springer AcademyStand: 12:40 UhrLesedauer: 5 MinutenMit einem 4:1 gegen Bosnien-Herzegowina ist die Schweiz der K.-o.-Phase der Fußball-WM einen großen Schritt näher gekommen. Erst der eingewechselte Johan Manzambi vom SC Freiburg knackte die bosnische Defensive.Die Fifa begründet die neuen Trinkpausen mit Spielerschutz. Das ist maximal die halbe Wahrheit, öffnet sich doch ein neuer Werbemarkt. Zugleich wird der Rhythmus des Spiels extrem beeinflusst. Die Debatte tobt.Als Schiedsrichterin Tori Penso am Donnerstagabend die Partie zwischen Kanada und Katar in Vancouver nach 22 Minuten stoppte, waren die Pfiffe der Fans sofort da. Nicht eine Fehlentscheidung oder ein Videobeweis sorgte für Unmut, sondern eine Regel, welche die Weltmeisterschaft gerade grundlegend verändert. Erstmals wird jede Partie unabhängig von Wetter, Temperatur oder Stadionbedingungen alle 22 Minuten für jeweils drei Minuten unterbrochen.Aus den beiden vorgeschriebenen Pausen pro Spiel werden bei 104 Begegnungen exakt 208 Unterbrechungen. Insgesamt entstehen dadurch 624 Minuten zusätzliche Sendezeit, das sind mehr als zehn Stunden. Was von der Fifa als Maßnahme zum Schutz der Spieler verkauft wird, entwickelt sich in den Stadien zunehmend zum Reizthema. In Vancouver wurde hörbar gebuht, ähnliche Reaktionen gab es in Atlanta, Arlington, Inglewood und Toronto.Offiziell soll die Regel die Belastung durch Hitze und Luftfeuchtigkeit reduzieren. Die Fifa verweist auf Erfahrungen aus der Klub-WM im vergangenen Jahr und argumentiert, man wolle gleiche Bedingungen für alle Mannschaften schaffen. Die Vorgabe gilt deshalb überall. Auch in überdachten und klimatisierten Arenen. Genau das stößt auf Widerstand. Zu den Kritikern gehört Virgil van Dijk. „Man sollte jedes Spiel unterschiedlich betrachten“, forderte der niederländische Kapitän. ARD-Experte Bastian Schweinsteiger bezeichnete die Regelung als „fragwürdig“. US-Coach Mauricio Pochettino würde Trinkpausen nur zulassen, „wenn die Bedingungen extrem sind“. Lothar Matthäus sprach sogar von einer „Geldmacherei der Fifa“ und dürfte damit richtig liegen.Bis zu 17.825 Euro pro Sekunde Die zweimal dreiminütigen Unterbrechungen schaffen einen Werbemarkt, den es mitten im Spiel bislang nicht gab. MagentaTV hat nach Angaben von Senderchef Arnim Butzen sämtliche 208 verfügbaren Werbeflächen verkauft. Butzen erklärt, alle Werbeplätze mit einer Länge von bis zu 80 Sekunden seien vergeben: „Die Einnahmen aus der Werbevermarktung werden immer relevanter.“Lesen Sie auchAuch ARD und ZDF nutzen die neuen Werbefenster. Nach Informationen von ntv kostet Werbung während einer Pause bei kleineren Spielen mindestens 1200 Euro pro Sekunde. Bei Partien mit hoher Reichweite steigen die Preise drastisch. Für einen Werbeplatz während eines möglichen deutschen Sechzehntelfinales werden demnach bis zu 17.825 Euro pro Sekunde verlangt. Ein 20-Sekunden-Spot würde damit mehr als 356.000 Euro kosten. Die ARD verkaufte ihr „Cooling Break Paket“ mit sechs Werbespots bereits für rund 600.000 Euro.Lesen Sie auchGanz frei vermarkten können die Öffentlich-Rechtlichen die zusätzlichen Minuten allerdings nicht. Nach dem Medienstaatsvertrag dürfen ARD und ZDF nach 20 Uhr sowie an Sonntagen keine Werbung ausstrahlen. Zahlreiche Unterbrechungen in den Abendspielen bleiben deshalb werbefrei. Für MagentaTV gilt diese Einschränkung nicht.Wie groß das wirtschaftliche Potenzial ist, zeigt der Blick in die USA. Nach Berechnungen von Bloomberg könnten durch die neue Regel während des Turniers mehr als 800 zusätzliche Werbespots entstehen. Mehrere US-Medien berichteten zudem, dass der übertragende Sender Fox nach einer Werbeunterbrechung sogar den Wiederanpfiff verpasste und erst Sekunden später zurück in die Live-Übertragung schaltete.„Vielleicht war das unser Vorteil“Der frühere englische Nationalspieler Ian Wright sagte laut Business Insider bei ITV, die Neuerung wirke wie „eine weitere Möglichkeit, Werbung ins Spiel zu bringen“. Für viele Zuschauer erinnern die zusätzlichen Unterbrechungen zunehmend an amerikanische Sportarten wie Football, Basketball oder Eishockey, bei denen Werbepausen seit Jahrzehnten Teil des Geschäftsmodells sind.Die Regel verändert jedoch nicht nur die Vermarktung, sondern auch das Spiel selbst. Trainer nutzen die drei Minuten für taktische Anpassungen, die während der laufenden Partie kaum möglich sind. Belgiens Nationaltrainer Rudi Garcia bezeichnete die Unterbrechungen deshalb als „Coaching Break“ statt als Trinkpause. Besonders deutlich wurde der Einfluss beim 4:1 der Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina. Trainer Murat Yakin wartete mit personellen Veränderungen bewusst bis zur zweiten Unterbrechung. Kurz danach fiel die Führung, anschließend brach Bosnien auseinander. „Vielleicht war das unser Vorteil“, sagte Yakin später.Kritiker sprechen inzwischen von „Momentum Breaks“. Mannschaften, die gerade Druck aufbauen, verlieren ihren Rhythmus. Teams in Schwierigkeiten erhalten dagegen Zeit zur Neuordnung. Die ehemalige englische Nationaltrainerin Emma Hayes nennt es einen spürbaren Eingriff in den natürlichen Verlauf des Spiels.Ganz von der Hand zu weisen sind die Argumente der Fifa allerdings nicht. Mehrere Wissenschaftler halten das Turnier in Nordamerika für eines der klimatisch anspruchsvollsten der Geschichte. Hohe Temperaturen und extreme Luftfeuchtigkeit können die Belastung für die Spieler erheblich erhöhen. Allerdings gibt es auch aus der Wissenschaft Kritik am Modell des Weltverbandes. In einem offenen Schreiben forderten mehrere Forscher bereits vor Turnierbeginn Kühlpausen von mindestens sechs Minuten. Drei Minuten könnten zwar helfen, die Körpertemperatur zu senken, seien bei extremer Hitze aber oft zu kurz.Die Bundesliga wird das Modell nicht übernehmenDie Diskussion dreht sich deshalb längst nicht mehr nur um Wasserflaschen und Hitzeschutz. Allein die Einnahmen der Fifa aus dem Verkauf der Fernsehrechte werden auf mehr als vier Milliarden US-Dollar geschätzt. Die zusätzlichen Werbefenster schaffen weitere Erlösquellen für Sender und Sponsoren. Gleichzeitig sehen viele Fans den Charakter ihres Sports verändert.Lesen Sie auchDie Bundesliga wird das Modell nicht übernehmen. Auch die Uefa plant nach eigenen Angaben keine vergleichbare Regel für Champions League oder Europameisterschaften. Damit könnte die nordamerikanische Premiere ein einmaliger Versuch bleiben. Die Diskussion über die 208 Unterbrechungen dürfte dennoch weitergehen – nicht wegen der Wasserflaschen am Spielfeldrand, sondern wegen der Millionen, die sich in den zusätzlichen sechs Minuten pro Spiel verdienen lassen.