InterviewDer Schweizer Nationaltrainer Murat Yakin sagt über sich: «Gambler klingt negativ. Taktikfuchs gefällt mir besser»Yakin will mit dem Fussball-Nationalteam die beste WM der Geschichte spielen. Der Coach erklärt, wie er im Turniermodus funktioniert – und was hinter seinem Mut zum Risiko steckt.03.06.2026, 05.30 Uhr9 Leseminuten«Die Erwartungshaltung war gross nach den Erfolgen unter meinem Vorgänger Vladimir Petkovic – das habe ich gespürt, aber ich habe es ausgeblendet»: Murat Yakin, Schweizer Nationalcoach.Alessandro della Valle / KeystoneMurat Yakin, Sie wollen mit dem Nationalteam die beste WM der Geschichte spielen. Wird die Schweiz Weltmeister? Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nimmt man die EM 2024 und sieht, dass die Mannschaft nicht gross verändert ist, dürfen wir von einem guten Resultat träumen. In Deutschland fehlte wenig, und wir hätten den Final erreichen können. Wir wollen unseren Fussball zeigen und unseren Plan durchziehen. Dann sehen wir, was herauskommt.In der Gruppe mit Katar, Bosnien-Herzegowina und Kanada muss die Schweiz Erster werden. Einverstanden?Das kann man so sehen, nach der starken Qualifikation sind die Erwartungen an uns gestiegen. Die Gegner werden uns aber studiert haben und wissen genau, welche Probleme sie uns bereiten können, wenn sie tief stehen und auf Konter spielen. Es wird ein hartes Stück Arbeit.Während der WM werden Sie der wichtigste Botschafter der Schweiz sein. Der mediale Fokus liegt auf dem Nationalteam, jedes Detail wird registriert. Mögen Sie diese Aufmerksamkeit im Turniermodus?Ich bin ein Teamplayer wie alle anderen im Nationalteam. Während des Turniers setze ich alles daran, dass die Mannschaft den Fussball zeigen kann, den wir uns vornehmen. Das bedeutet mir viel mehr als alles andere, etwa die Berichterstattung über mich. Die ist vielleicht ein Nebeneffekt, gegen den ich mich nicht wehre. Aber letztlich ist sie eine Nebensächlichkeit.Haben Sie die Brillenmodelle für die WM-Auftritte schon ausgewählt?Die Sache mit den Brillen an der EM 2024 war spontan. Es hiess, ich hätte das mit einer Marketingstrategie geplant und viel Geld für die Inszenierung ausgegeben. Das stimmt überhaupt nicht. Ich selbst habe den Hype erst registriert, als die «New York Times» über mein Auftreten geschrieben hat. Gekümmert hat mich das nicht.Schicke Brille beim grossen Sieg: Yakin jubelt nach dem 2:0 gegen Italien im Achtelfinal an der EM 2024.Markus Schreiber / APIhnen scheint vieles leichtzufallen, Sie wirken locker, kommen in der Öffentlichkeit gut an. Vor den Spielen suchen Sie beim Einlaufen jeweils den Kontakt zu den Schweizer Fans. Warum?Das hat sich einfach so ergeben. Mit dem Nationalteam hat man ja nur wenige Partien. Während die Spieler ständig Rückmeldungen erhalten, steht man als Trainer oft alleine da, in der Öffentlichkeit kriegt man wenig Feedback. Deshalb ist mir dieses Ritual mit den Fans wichtig, um Danke zu sagen für die Unterstützung. Ich geniesse den direkten Austausch mit ihnen, schätze ihren Support und das ehrliche Feedback.Für interne Rückmeldungen holten Sie vor der EM 2024 Giorgio Contini in den Staff. Jetzt ist Davide Callà Ihr Assistent. Wie hat sich die Dynamik im Trainerteam seither verändert?Wichtig ist, dass der Staff mit guten Charakteren besetzt ist. Dass ich Giorgio für die Aufgabe gewinnen konnte, war ein Glücksfall. Mit seiner Mehrsprachigkeit war er für das Team und unseren Erfolg an der EM 2024 sehr wichtig. Aber ich wusste, dass er weg sein wird, wenn er ein gutes Angebot erhält. Giorgio hat mich stets herausgefordert, das war entscheidend.Und jetzt macht das Davide Callà?Ja, aber auf eine andere Art. Davide hat sich im FC Basel als Assistenztrainer enorm entwickelt, ist vielsprachig, er hat ein natürliches Selbstvertrauen und bringt viel Positivität ins Team. Auch er ist ein Glücksfall für uns.Sie stehen vor Ihrer dritten Endrunde. 2021 kamen Sie aus Schaffhausen in der Challenge League und wurden Nationaltrainer. Sind Sie heute ein anderer Coach? Ich habe mich entwickelt. Man kann das nicht nur von den Spielern verlangen. Ich war und bin immer offen und will dazulernen. Vor meiner Zeit als Nationaltrainer durfte ich bei all meinen Trainerstationen in wechselnden Konstellationen und mit unterschiedlichen Zielvorgaben meinen Rucksack füllen. Ich habe meine Linie und Prinzipien, gleichzeitig muss man sich anpassen an den Zeitgeist, die Jugend, die verschiedenen Charaktere und Menschen.Ihr Anfang als Nationalcoach glich einem Sprung ins kalte Wasser: 2021 hatten Sie die WM-Qualifikation für Katar vor der Brust, im wichtigen Spiel gegen Italien fehlte Granit Xhaka, Sie mussten improvisieren. Wie haben Sie sich seither verändert?Wollen Sie fragen, ob ich die grauen Haare wegen der Spieler oder wegen der Journalisten bekommen habe? Weder noch, graue Haare habe ich schon viel länger. Im Ernst: Die Erwartungshaltung war gross nach den Erfolgen unter meinem Vorgänger Vladimir Petkovic – das habe ich gespürt, aber ich habe es ausgeblendet.Mussten Sie sich umgewöhnen?Ich musste sofort wieder den Rhythmus auf Toplevel annehmen nach der Phase in Schaffhausen mit Fussballern, die mit dem Lohn knapp über die Runden kamen. Aber aus meiner Zeit als Spieler und dann als Trainer wusste ich natürlich, was Topniveau bedeutet. Ich habe mir nicht den Kopf zerbrochen über die Verantwortung oder darüber, ob ich ein Risiko eingehe. Ich kann mich rasch anpassen und mit verschiedensten Charakteren und Situationen gut umgehen. Vielleicht habe ich das gelernt, weil ich in einer grossen Familie aufgewachsen bin.Vom Trainer im FC Schaffhausen zum Nationalteam: Yakin diskutiert mit dem vierten Offiziellen im Challenge-League-Match bei den Grasshoppers.Walter Bieri / KeystoneGehört dazu, dass Sie gut improvisieren können? Damals fehlten neben Granit Xhaka auch Remo Freuler, Xherdan Shaqiri und Breel Embolo.Improvisieren macht mir keine Mühe, das stimmt. Ich musste eine Lösung finden mit einem Spieler, der die Strategenrolle von Granit übernimmt. Ich weiss noch, wie mir beim Duschen klar wurde, dass ich Fabian Frei aufbieten muss, weil er das kann.Auch später haben Sie mit Aufstellungen überrascht. An der WM 2022 mit Fabian Rieder, der gegen Brasilien auf der Seite spielte. An der EM vor zwei Jahren schickten Sie den Zentrumsspieler Michel Aebischer auf die linke Seite. Woher kommen solche Eingebungen?Die fallen nicht einfach vom Himmel. Nehmen wir Michel Aebischer. Ich wusste, dass unser Spiel eine taktische Variante braucht, um den Gegner überraschen zu können. Etwa drei Monate vor der EM habe ich mit Michel gesprochen, ob er sich eine defensive Rolle auf der Seite vorstellen kann. Man merkt jeweils an der Reaktion des Spielers, wie eine Idee ankommt. Michel hat sich mit der Aufgabe auseinandergesetzt, beim 3:1 gegen Ungarn hat die Variante dann perfekt funktioniert.Stört es Sie, wenn man Sie als Gambler bezeichnet?Gambler klingt negativ. Taktikfuchs gefällt mir besser. Ich scheue kein Risiko, aber es steckt immer ein Plan dahinter. Die Spieler müssen im Training spüren, dass nicht alles über den Haufen geworfen wird und eine Idee wie jene mit Aebischer an der EM funktionieren kann. Vertrauen die Spieler einer taktischen Idee, funktioniert sie auch.Das Vertrauen zwischen Mannschaft und Trainer, wie hat es sich entwickelt?Neu für mich war am Anfang, dass ich die Mannschaft nur kurz für Trainings zur Verfügung habe. Ich kannte einige Spieler von früher. Yann Sommer, Fabian Schär, Fabian Frei, Breel Embolo, die Familien von Xherdan Shaqiri oder von Granit Xhaka etwa. Mit der Zeit habe ich gelernt, den Austausch mit den Spielern anders zu gestalten als im Klub, wo ich die Spieler stets um mich herum habe.«Wir haben gelernt, alles auf den Tisch zu legen»: Yakin über seine Beziehung zum Captain Granit Xhaka.ImagoWar im Lernprozess die Kritik von Granit Xhaka nach dem Match in Pristina 2023 die wichtigste Lektion?Granit geht es immer ums Gewinnen, um das Wohl der Mannschaft. Ich war als Spieler auch so. Damals ging es um alles, um die EM-Qualifikation. Deshalb konnte ich das sofort einordnen. Ich brauche Spieler wie Granit. Ich sagte ihm, komm das nächste Mal direkt zu mir, nicht via Medien. Es war keine Kritik, sondern eine Anregung. Wir haben beide daraus gelernt. Es ist nicht so, dass ich alles besser weiss als die Spieler, sie stehen am Ende auf dem Platz. Ich habe gespürt, dass ich die Spieler, allen voran Granit, noch mehr einbinden muss.Seither haben Sie einiges investiert in die Beziehungspflege mit Ihrem wichtigsten Spieler.Reden Sie von jenem Glas Rotwein, das wir in Leverkusen getrunken haben, als Granit am Tag danach sogar ein Tor schoss?Ja, wenn man es als Zeichen für eine engere Beziehung nimmt.Granit hat mir dann geschrieben, wie denn der gute Tropfen geheissen habe . . . Aber Spass beiseite: Wir haben gelernt, alles auf den Tisch zu legen, und pflegen einen sehr engen Austausch. Wir haben uns auch im letzten Sommer während der Testspielreise in den USA oft unterhalten, mit Granit kann man über alles reden. Über Fussball, Taktik, Trainingslehre, er bereitet sich ja bereits intensiv auf die Trainerkarriere vor. Er kann von mir lernen, und ich profitiere und lerne ja auch von ihm. Seither habe ich ihn und die Mannschaft noch enger einbezogen, wenn es um die Turniervorbereitung geht, also um die Wahl des Base-Camps, der Trainingsplätze oder andere Details. Am Anfang war mir nicht so klar wie heute, dass solche Planungsthemen auch sehr wichtig sind für die Spieler.Hoffen Sie darauf, dass Sie mit der Wahl des WM-Camps in San Diego eine ähnliche Atmosphäre im Team schaffen können wie in der Waldau bei Stuttgart vor der EM 2024 in Deutschland?Genau. Es ist wie mit dem Austausch mit Granit, von dem ich vorhin gesprochen habe: Wie ein Gespräch kann man auch Zusammenhalt nicht künstlich herstellen, man muss ihn ein Stück weit entstehen lassen. Die Wahl des Camps ist ein wichtiger Aspekt, der dafür die Voraussetzung schafft. Selbstverständlich steht der Erfolg des Teams über allem, es gilt das Leistungsprinzip. Die Spieler sind selbstbewusst, und sie wissen, was sie wollen: bestimmte Strukturen, bestimmte Vorgaben. Die bekommen sie von mir. Sie wollen aber auch gewisse Freiheiten. Auch die bekommen sie von mir.«Vertrauen die Spieler einer taktischen Idee, funktioniert sie auch»: Murat Yakin während eines Trainings in der Waldau bei Stuttgart an der EM 2024.Peter Klaunzer / KeystoneSo ruhig wie vor dieser WM war es um das Schweizer Nationalteam noch selten. Einzig die Diskussion um Noah Okafor sorgte für etwas Aufregung. Was sind Ihre Pläne mit ihm?Dass Noah via Medien Kritik an seiner Nichtberücksichtigung geäussert hatte, war falsch. Wir haben das Anfang Jahr in Leeds mit ihm und seinem Berater besprochen. Unsere Begegnung war sehr positiv. Und auch, wie Noah sich in den Trainings im März-Zusammenzug präsentiert und sich vor dem Team entschuldigt hat. Es ist klar: Auf Spieler mit seiner Qualität wollen wir im Nationalteam nicht verzichten. Letztlich möchte ich, dass die Besten auf dem Platz stehen.Die dritte Endrunde für den Nationalcoach Yakinram. · Murat Yakin ist seit September 2021 Schweizer Nationaltrainer. Die WM in Nordamerika ist Yakins dritte Turnier-Teilnahme als Coach. An der WM in Katar schieden die Schweizer im Achtelfinal 1:6 gegen Portugal aus, an der EM in Deutschland gegen England nach Penaltyschiessen im Viertelfinal. Als Spieler verpasste der 51-Jährige die WM-Teilnahme. Für die WM 1994 in den USA bekam Yakin vom damaligen Schweizer Trainer Roy Hodgson kein Aufgebot, weil er den Zapfenstreich verpasst hatte. Als Spieler kam Yakin auf 49 Länderspiel-Einsätze, als Trainer steht er bei 58 Matches mit einem Punkteschnitt von 1,62.Heisst das, Sie finden auch für Denis Zakaria einen Platz im Team?Denis ist der Captain der AS Monaco, er hat eine super Saison gemacht. Ich bin in einer glücklichen Situation: Wenn ich nach hinten schaue, habe ich eine Bank, die mir gute Alternativen bietet. Denis kann eine gute Option in der Verteidigungsreihe sein, wo er auch in Monaco spielt.Mit welcher taktischen Überraschung dürfen wir an der WM rechnen?Ich wäre nicht klug, würde ich das verraten.Aber es wird eine geben?Wenn es notwendig ist, ja. Da wir nicht wissen, auf welche Gegner wir in der K.-o.-Phase treffen könnten, müssen wir sicher mehr als ein Spielsystem flexibel beherrschen.Werden Granit Xhaka und Ardon Jashari zusammen auf dem Platz stehen?Ich werde mich nicht vorab auf Kombinationen festlegen. Wir haben mit Granit und Remo Freuler eine sehr gut funktionierende Achse. Aber ich habe auf diesen Positionen auch mehrere Optionen. Generell gilt: Alle Spieler müssen sich ihren Platz mit starken Leistungen im Klub und in den Trainings verdienen.Finden Sie für den aufstrebenden Johan Manzambi einen Platz in Ihrem Spielsystem?Manzambi hat einen Vorteil: Er kann in der Offensive auf vier verschiedenen Positionen spielen. Wir brauchen aber auch Spieler, die von der Bank kommen und nochmals Druck erzeugen können.An der WM in Katar gab es Diskussionen wegen der Menschenrechte. Nun findet das Turnier unter anderem in den USA statt. Was denken Sie über die politische Dimension des Turniers?Wir können das Geschehen auf dem Platz beeinflussen, das ist unser Fokus. Der Mannschaftsrat, das Team und der Staff haben eine Abmachung getroffen, dass wir uns seitens des Teams politisch nicht äussern werden, auch weil uns das vertiefte Wissen dazu mehrheitlich fehlt. Wir haben Leute im Verband, die sich mit internationalen Konflikten und politischen Themen neben dem Platz besser auskennen. Wir sind Fussballer.Trotzdem werden Fragen zur politischen Situation kommen. Schulen Sie die Spieler?Ja. Und der SFV hat ein Wording erarbeitet, das unsere Haltung zur politischen Dimension dieses Turniers wiedergibt. Es findet sich auch auf der Verbands-Homepage.Passend zum Artikel