„Die wollen doch gar kein Tor schießen!“ Diese Stammtischparole geht immer, wenn einen das Geschehen auf dem Platz langweilt. Am Donnerstag in Los Angeles war dieser Satz mal wieder angebracht über weite Strecken der Partie, die am Ende sogar 107 Minuten dauerte. Es wird ja ordentlich nachgespielt bei dieser WM, was das Spiel Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina in eine teils zähe Länge zog. Aber so ist Fußball eben auch manchmal, es können nicht alle Lionel Messi sein.Immerhin kamen bei den Schweizern nach dem 4:1-Sieg Glücksgefühle auf, Nationaltrainer Murat Yakin verkaufte die Spielweise hinterher als beabsichtigten taktischen Schachzug. „Das war genau so geplant“, sagte er über die typischen Ballbesitzstafetten seiner Elf in den ersten 70 Minuten. Das sah zum Beispiel so aus: Abstoß zum Torhüter, der spielt zurück zum Verteidiger, dann geht der Ball wieder zurück zum Torwart. Pass nach vorn zum Sechser, der zum Außenverteidiger spielt oder zum Torwart. Sollte aus diesen Endlos-Passketten aus irgendwelchen Gründen so etwas wie eine Offensivaktion entstehen, konnte man gewiss sein: Eine Flanke war jeweils für den Kopf eines Fotografen hinter dem Tor bestimmt. Und doch steckte ein Plan hinter dem behutsamen Vorgehen der Schweizer. „Geduldig sein und Gegner laufen lassen“, so erklärte Yakin seine spielerische Idee, mit dem Ziel: „Das würde für Lücken nach der Trinkpause sorgen.“Fußball-WM:Die Zuschauer buhen jetzt die Trinkpause ausEin später Handelfmeter gibt Südafrika die Hoffnung zurück, das 1:1 ist für Tschechien eine Enttäuschung. Die Fans in Atlanta haben derweil eine Meinung zur neuen „Hydration Break“ entwickelt.Die „Hydration Break“, die in erster Linie eine kurze Pause ist, um TV-Werbung ausstrahlen zu können, ist für Yakin eine „Taktik-Unterbrechung“, wie er erklärte: „Ich habe nicht nur schnelle Spieler gebracht, sondern hatte drei Minuten, um mit der Mannschaft zu reden und ihr zu sagen, was ich sehen will.“ Was er sah, war das, was jetzt in den Schlagzeilen zu lesen ist: 4:1 für die Schweiz! Wieder viele Tore bei dieser WM! Und noch dazu ein Doppelpack, diesmal vom 20 Jahre alten Johan Manzambi, dem Senkrechtstarter der Saison beim SC Freiburg, der von der New York Times zu einem der „Stars of Soccer“ erklärt wurde: einem jener Spieler, auf die man besonders achten sollte bei dieser WM. Die Videos seines Volley-Knallers kann man nun tatsächlich um die Welt schicken.Der Sieg hat die Debatten in der Schweiz um Trainer Yakin und sein WM-Team auf Flüsterlautgestärke gedrosseltDie Schweizer Nati hat damit ein wichtiges Zeichen gesendet. Denn nach der ersten Partie war Unruhe aus der Schweizer Umkleidekabine nach außen gedrungen – und hatte natürlich zu Unruhe unter den Nati-Fans geführt. 1:0 hatten die Schweizer in ihrem Auftaktspiel gegen Katar geführt, es hätte 4:0 heißen müssen. Und es passierte, was oft passiert: Überraschender Ausgleich am Ende, und der führte zu einem Fragen-Füllhorn: Hatte Trainer Yakin falsch gewechselt? Ist die Nati zerstritten? Halten gerade jüngere Spieler Kapitän Granit Xhaka für ein Problem? Auch wenn die Schweizer in den ersten 70 Minuten gegen Bosnien-Herzegowina nicht glänzten: Sie haben sich als Team präsentiert. Diese Botschaft steckte auch in ihrem Sieg.Die Bosnier fielen ihrerseits ebenfalls nicht durch inspirierenden Fußball auf. Trainer Sergej Barbarez wählte aber eine durchaus verständliche Ausrichtung: Der frühere Profi schickte die 40 Jahre alte Stürmerlegende Edin Dzeko ins offensive Zentrum, das eigene Spiel sollte auf den aktuellen Profi des FC Schalke ausgerichtet sein. Ansonsten stand die Defensivarbeit im Fokus. Dieses Konzept ging bis zur Hydration-Werbe-Taktik-Unterbrechung der zweiten Spielhälfte auf. In der wechselte Yakin dann Manzambi ein, der drei Minuten später traf (74.) und dem Spiel eine neue Note gab. Vargas erhöhte kurz darauf auf 2:0 (84.). In der Nachspielzeit wurde es turbulent: Ab der 90. Minute fielen noch drei Treffer. Manzambi gelang sein zweites Tor (90.), Ermin Mahmic war für Bosnien erfolgreich (90.+3), ehe Xhaka per Elfmeter den Endstand herstellte (90.+7).Der Sieg bedeutet wegen des späteren 6:0 der Kanadier gegen Katar: Die Schweiz wäre Gruppenerster bei einem weiteren Sieg gegen Gastgeber Kanada am 24. Juni in Vancouver. Und sie ist schon fast sicher Zweiter, denn Bosnien müsste bei einer Niederlage der Schweizer sieben Tore Differenz aufholen, also etwa bei einem 0:2 der Eidgenossen mit mindestens fünf Toren Unterschied gegen Katar gewinnen. Die Stimmung wechselte also plötzlich zu allerlei Positivschlagzeilen: Taktik-Genie Yakin! Jung-Star Manzambi! Leitwolf Xhaka! Letzterer hatte am Ende einen Elfmeter verwandelt und formte danach beim Jubeln die Finger zum Plappermaul. „Sie wissen schon, warum ich das getan habe“, sagte Xhaka, der gern mal provoziert. Seine Labert-nur-Geste auf dem Platz richtete sich an die Medien, die seiner Meinung nach ehrliche Kritik und deutliche Worte nach dem 1:1 gegen Katar zu „toxisch“ aufgebauscht hatten. Yakin sprang seinem Kapitän zur Seite: „Ich habe zehn Minuten lang mit ihm gesprochen“, berichtete der Trainer. „Was die Medien mit ihm angestellt haben, das war ein persönlicher Angriff. Ich habe ihm gesagt, dass er diese Energie auf dem Spielfeld rauslassen soll.“So geht das manchmal im Sport: dass aus einem Gegentreffer aus dem Nichts, wie gegen Katar, Debatten über Taktik, Trainergespür und Spielereinstellung entspringen. Und dass sich daraus ein Teamgeist entwickelt wie jener der Schweizer gegen Katar. Und dass dann ein eigenes Tor aus dem Nichts diese Debatten auf Flüster-Level drückt – weil der Trainer daraus eine Lass-sie-reden-Situation für seine Spieler kreiert hat: wir gegen alle.
4:1 gegen Bosnien-Herzegowina: Die Schweizer beruhigen die Debatten – auf dem Platz
Nach einer Trinkpause dreht die Schweiz auf und gewinnt hoch gegen Bosnien-Herzegowina. Die wichtigste Erkenntnis für Nati-Trainer Yakin: Sein Team hat sich als Einheit präsentiert.














