Das Nationalteam verlangt Argentinien alles ab – doch für den erstmaligen Vorstoss in den WM-Halbfinal hätte alles passen müssenDie Schweizer Fussballer hadern nach dem Viertelfinal-Aus mit dem Schiedsrichter. Weil sie spüren, dass gegen den keinesfalls unwiderstehlichen Weltmeister Argentinien mehr möglich gewesen wäre.12.07.2026, 12.26 Uhr5 LeseminutenDie Szene, die dem WM-Viertelfinal die entscheidende Richtungsänderung gibt: Breel Embolo (Bildmitte) hebt ab, Leandro Paredes hat ihn nicht berührt.Ashley Landis / APNach dem Schlusspfiff im Arrowhead Stadium sprechen alle Schweizer Akteure über diese eine Spielszene. Über die Aktion, die diesem WM-Viertelfinal die wohl entscheidende Richtungsänderung gibt. Über die Aktion in der 72. Minute, für die der Schweizer Stürmer Breel Embolo gegen Argentinien die gelb-rote Karte sieht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Schweizer Nationalcoach Murat Yakin sagt im TV-Interview: «Es ist eine Regel, die in einem WM-Viertelfinal nicht sein darf. Dass der Fehler des Schiedsrichters so korrigiert werden muss und wir dadurch geschwächt werden, ist für mich unverständlich.» Und der Captain Granit Xhaka später in der Mixed Zone: «Der Platzverweis ändert den ganzen Spielverlauf. Es schmerzt, dass wir wegen einer einzigen Entscheidung des Schiedsrichters verlieren mussten.»Regeltechnisch ist der Entscheid völlig korrektPassiert war folgendes: Die Schweizer haben gegen den keinesfalls unwiderstehlichen Weltmeister Argentinien nach einem perfekt herausgespielten Angriff soeben das 1:1 durch Dan Ndoye erzielt – endlich scheint das Nationalteam so richtig in diesem WM-Viertelfinal angekommen zu sein. Es ist im Begriff, die Partie in Kansas City zu drehen, hat das Momentum auf seiner Seite.Doch just in der besten Spielphase der Schweizer lässt sich der Stürmer Breel Embolo nach einem Zweikampf mit Leandro Paredes fallen. Der Schiedsrichter wähnt, ein Foul gesehen zu haben, und verwarnt den argentinischen Mittelfeldspieler. Doch dann interveniert der Video Assistant Referee (VAR).Breel Embolo versteht die Welt nicht mehr – doch sein Platzverweis in der 72. Minute wegen einer Schwalbe ist korrekt.Albert Gea / ReutersLaut einer auf diese Weltmeisterschaft hin eingeführten Regel darf er das, wenn der Referee einen sogenannten «mistaken identity»-Fehler begangen hat, er also einem falschen Spieler die gelbe Karte gezeigt hat. Und das ist in dieser Szene der Fall: Der portugiesische Referee João Pinheiro hat Paredes fälschlicherweise verwarnt. Also nimmt er die Karte nach Konsultation der Videobilder zurück. Und verwarnt stattdessen Embolo, der in der gleichen Aktion eine Schwalbe begangen hat. Und weil der bereits in der ersten Halbzeit Gelb gesehen hat, fliegt er nun vom Platz.Das ist bitter für die Schweizer, gewiss, aber man muss es so sagen: völlig selbstverschuldet. Niemand hat Embolo dazu gezwungen, an der Seitenlinie in einer völlig belanglosen Spielszene ohne Einwirkung des Gegners so plump zu Boden zu gehen und sich danach theatralisch auf dem Rasen zu wälzen.Es ist zwar nachvollziehbar, dass die Schweizer Fussballer und ihr Coach hinterher unisono mit dem Entscheid hadern. Nur: Regeltechnisch war die Verwarnung Embolos einwandfrei; Schiedsrichter sind angehalten, bei Simulationen Gelb zu zeigen, und das ist gut so.Embolo hätte zudem Bescheid wissen können, bereits im WM-Gruppenspiel zwischen den USA und Paraguay wurde die Regel so angewendet, als Miguel Almirón für eine vergleichbare Schwalbe Gelb erhielt. Ob die Anwendung der Regel in einer Szene wie der mit Embolo und Paredes sinnvoll ist, steht freilich auf einem anderen Blatt.Julián Álvarez (unten) entscheidet den WM-Viertelfinal in der 112. Minute mit einem Weltklassetor – Granit Xhaka (oben) hadert danach mit dem Schiedsrichter.Peter Klaunzer / KeystoneDer Frust der Schweizer Fussballer nach dem verlorenen WM-Viertelfinal verdeutlicht aber vor allem eines: wie sehr sie spürten, dass gegen Argentinien in diesem WM-Viertelfinal mehr möglich gewesen wäre. Sie werden sich wohl noch länger die Frage stellen, wie dieses Spiel verlaufen wäre, hätten sie nicht über 50 Minuten lang in Unterzahl spielen müssen. Und nein, der Gedanke ist nicht verwegen, dass die Schweiz diese Partie hätte gewinnen können. Wenn sie ein wenig mehr Spielglück gehabt hätte.Denn bis zu diesem Platzverweis ist das Team von Murat Yakin dem Weltmeister mindestens ebenbürtig. Als ein Schweizer Journalist Granit Xhaka hinterher dafür lobt, sie seien dem klaren Favoriten Argentinien «auf Augenhöhe begegnet», entgegnet der 33-Jährige brüsk: «Es wäre besser, wenn wir von euch ein bisschen mehr Lob kriegen würden nach dem Spiel heute. Aber wir kennen das ja.»Überzeugend war das nicht, aber die Argentinier mit Lionel Messi (Bildmitte) stehen im WM-Halbfinal gegen England.Jeff Roberson / APXhaka sieht es so: Die Schweiz habe Argentinien dominiert. «In der zweiten Halbzeit war es unser Spiel. Wir waren besser, wir hatten mehr Energie, die bessere Mentalität.» Das stimmt alles. Aber eben: Dann schwächt Embolo – nicht der Schiedsrichter – seine Mannschaft mit einer völlig unnötigen Aktion. Woraufhin der Druck der Argentinier immer grösser wird. Bis er irgendwann zu gross wird, selbst für die so aufopferungsvoll kämpfenden Schweizer.Dank einer Systemumstellung Yakins, der die Defensive mit allen Mitteln und zusätzlichen Verteidigern stärkt, rettet sich die Schweiz in Unterzahl zwar noch in die Verlängerung. Doch dort genügen den Argentiniern dann zwei Momente, um in den WM-Halbfinal einzuziehen.Zuerst legt sich der Atlético-Stürmer Julián Álvarez den Ball am Strafraumrand zurecht und schlenzt ihn in die weite hohe Torecke – es ist ein Weltklassetor, für Gregor Kobel gibt es nichts zu halten. Danach, als die Schweizer mit letzter Vehemenz den Ausgleich suchen, vollenden die Argentinier einen Konter, der eingewechselte Lautaro Martínez trifft zum 3:1.Die Argentinier reüssieren also erneut mit ihrem gewohnten Minimalisten-Fussball, wie sie ihn schon das ganze Turnier über exerziert haben. Beeindruckend ist das nicht, aber erfolgreich, nun wartet am Mittwoch England.Nuancen machen den UnterschiedFür die Schweizer endet die WM-Kampagne derweil bitter. Zumal sich eben alles auf diese eine Spielszene zu reduzieren scheint. Doch das Nationalteam ist zu Recht stolz darauf, was es an dieser Weltmeisterschaft geleistet hat. Es hat die Qualitäten einer echten Turniermannschaft bewiesen und mit dem erstmaligen Einzug in den WM-Viertelfinal seit 1954 Historisches geschafft. Und dort dem dreifachen Weltmeister in einem dramatischen Kampf alles abverlangt.Es hätte noch besser kommen können, gewiss, der erstmalige Einzug in den WM-Halbfinal war zum Greifen nah. Aber dafür hätte an diesem Abend alles zusammenpassen müssen. Und das tat es nicht. Schliesslich sind es Nuancen, die in solchen K.-o.-Spielen mitunter den Unterschied machen. Etwa die, dass die Argentinier mit ihrem zweiten Eckball reüssierten und schon in der zehnten Minute durch Alexis Mac Allister in Führung gingen, derweil die Schweiz während des ganzen Turniers keine einzige gefährliche Standardsituation kreierte. Oder eben die, dass eine Unüberlegtheit wie die von Embolo den Gegner unverhofft zurück ins Spiel bringt.Der erste und der letzte Eindruck bleiben bekanntlich besonders haften. Embolo hatte mit seiner abgewiesenen Einreisebewilligung bereits dafür gesorgt, dass das Turnier für die Schweiz schlecht begonnen hatte. Jetzt stand er auch am Ursprung des jähen Endes der Schweizer WM-Träume. Doch dazwischen hat dieses Nationalteam Herausragendes geboten. Und daran wird man sich in diesem Land noch sehr viel länger erinnern.Dürfen stolz sein auf das, was sie an der WM in Nordamerika geleistet haben: die Schweizer Nationalspieler.Peter Klaunzer / KeystonePassend zum Artikel