KommentarTrotz bitterem WM-Aus: Der Auftritt gegen den Weltmeister ist einer der grössten Momente des Schweizer FussballsDas Nationalteam scheitert nur am Weltmeister Argentinien, weil ihm das Spielglück fehlt. Es ist an dieser WM in neue Sphären vorgedrungen. Nun wird die Mannschaft ihr Gesicht verändern. Die Nachfolger der goldenen Generation treten ein schweres Erbe an.12.07.2026, 10.30 Uhr4 LeseminutenLeere und Ernüchterung, aber bald auch Stolz: die Schweizer Fussballer nach der Niederlage gegen Argentinien.Will Oliver / EPADie Schweizer WM-Kampagne hat in Kansas City zu einem Ende gefunden, und was es brauchte, damit das passiert, gegen Argentinien, den Weltmeister, erzählt im Grunde schon alles über diese Kampagne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was es brauchte, war ein Kunstschuss von Julian Alvarez, dem argentinischen Stürmer, nach 112 Minuten. Was es brauchte, war eine rote Karte gegen Breel Embolo, die vieles war, unnötig, dumm, auch: eine Verkettung von unglücklichen Umständen.Es kam in diesem WM-Viertelfinal der Schweizer Fussballer, dem ersten seit 1954, zu viel zusammen, als dass sie ihn hätten gewinnen können. Es braucht in solchen Spielen Können, Intelligenz und Mut. Das alles zeigte die Schweiz. Aber es braucht auch ein wenig Spielglück, ohne geht es nicht, und davon hatten sie an diesem Tag zu wenig, anders als bei ihren vorangegangenen WM-Auftritten.Das verleiht dem Spiel eine bittere Note, und zu dem Gedanken, dass hier eine Chance verpasst worden sei, ist es nicht weit. Aber so darf dieser Abend nicht erinnert werden. Denn eine Chance hat man nur verpasst, wenn man nicht alles getan hat, um sie zu nutzen. Und so war es nicht.Den Blick für das grosse Ganze nicht verlierenSchon bald wird die Bitterkeit verschwinden, und dann wird das Epos von Kansas City für etwas anderes stehen: für einen der grössten Momente in der Geschichte des Schweizer Fussballs. Man wird noch lange von diesem Spiel sprechen. Es steht dafür, wie weit es die Schweizer Fussballer gebracht haben. Und damit das ganze System, das sie verkörpern, dessen Gesicht sie sind.Vielleicht wird man dereinst wehmütig an diesen Abend zurückdenken und daran, wie hoch die Schweiz einst geflogen war. Überhaupt ist es wichtig, in diesen ereignisreichen Sommertagen den Blick für das grosse Ganze nicht zu verlieren. Dazu gehört, dass in einem WM-Viertelfinal nur acht Teams mitspielen können. Dass selbst die grossen Spanier das seit 2010 nicht mehr geschafft hatten bis zu diesem Turnier. Dass die Deutschen seit dem WM-Titel 2014 warten. Von den Italienern, die seit zwölf Jahren gar nicht mehr an der WM dabei waren, ganz zu schweigen.Dan Ndoye feiert seinen Ausgleichstreffer.Abbie Parr / APDie Schweizer waren Argentinien, dem Weltmeister, in dessen Startformation neun der Fussballer standen, die das schon im WM-Final 2022 in Katar getan hatten, ein ebenbürtiger Gegner. Sie liessen sich auch vom frühen Gegentor nicht vom Weg abbringen. Und als sie in der zweiten Halbzeit den Ausgleich erzielten, hatten sie danach die Oberhand, bis Breel Embolo sich diese Schwalbe erlaubte, die er sich nie hätte erlauben dürfen.Embolo verliess den Platz unter Tränen, er war untröstlich. Zuerst hatte der Stürmer bekommen, was er wollte: eine gelbe Karte für seinen Gegenspieler, wo es gar kein Foul gegeben hatte. Und dann, was er laut Regelwerk dafür verdiente: eine gelbe Karte für seine Schwalbe. Doch wie der Entscheid zustande kam, über eine Intervention des Videoschiedsrichters, der sich auf eine Regel berief, die es erstens nicht braucht und die zweitens für etwas anderes gedacht ist, rechtfertigt den Schweizer Ärger nach dem Spiel.Yakin ist der erfolgreichste Nationaltrainer der GeschichteAuch wenn er zuvor ein gutes Turnier gespielt hat, reist Embolo nun als tragische Figur aus den USA ab. So, wie Johan Manzambi als grosse Entdeckung heimkehrt, der junge Romand, der an diesem Turnier so glänzte, mit drei Toren und zwei Assists in vier Spielen. Dass seine Ideen, sein Tempo und seine Unbekümmertheit der Schweiz im Spiel gegen Argentinien fehlten, darf bei dessen Beurteilung nicht vergessengehen.Es war auch das Turnier von Nico Elvedi, dem souveränen Innenverteidiger. Von Gregor Kobel, der jetzt endgültig aus dem Schatten seines Vorgängers Yann Sommer getreten ist, weil er immer da war, wenn es ihn brauchte, und gegen Kolumbien den Viertelfinaleinzug erst möglich machte. Von Denis Zakaria, der sich als rechter Verteidiger neu erfunden hat. Von Granit Xhaka, der dem Team ein guter Anführer war, auf und neben dem Platz. Und von Murat Yakin, der in seiner Bilanz nach dem EM-Viertelfinal nun auch einen WM-Viertelfinal stehen hat; das macht ihn zum erfolgreichsten Schweizer Nationaltrainer der Geschichte.Vor allem aber war es das Turnier der ganzen Generation um Granit Xhaka, die jetzt in fünf Jahren zwei EM- und einen WM-Viertelfinal vorzuweisen hat. Das macht sie zum bisher besten Nationalteam aller Zeiten.Die Zusammensetzung der Schweizer Mannschaft wird sich nach der WM verändern.Jay Biggerstaff / ReutersNoch ist nicht klar, wie es mit dieser Mannschaft weitergeht. Aber es zeichnet sich ab, dass sich ihre Zusammensetzung verändern wird. Die Startformation an der WM gehört mit einem Durchschnittsalter von rund 30 Jahren zu den ältesten, die je an einer Endrunde für die Schweiz antraten. Spieler, welche die Mannschaft über viele Jahre getragen haben, sind nun 33, 34 Jahre alt: Ricardo Rodriguez, Remo Freuler, auch Granit Xhaka. Oder werden es bei der nächsten WM sein, wie Manuel Akanji, Breel Embolo oder Nico Elvedi. Viel hängt davon ab, wie lange Xhaka die Schweiz noch anführen wird. Und was passiert, wenn er einmal nicht mehr da ist.Yakin hat den Umbruch bisher hinausgezögert, und dieses Turnier hat ihm recht gegeben, weil gerade ihre Reife und ihre Vertrautheit die Schweiz so stark machten. Doch nun wird der Trainer dem Team frische Kräfte zuführen müssen. Sie treten ein schweres Erbe an.Enttäuschung am frühen Morgen: Schweizer Fans in Genf nach der Niederlage.Pierre Albouy / ReutersPassend zum Artikel