Trittst im Morgen-was daher? – Weshalb viele Schweizer lieber ihre Kantonshymnen singen als den SchweizerpsalmKampflieder, Loblieder und traurige Geschichten – am 1. August erklingen sie wieder.Roger Blum27.07.2026, 05.28 Uhr5 LeseminutenWie lautet jetzt die zweite Strophe? Besucher der 1.-August-Bundesfeier auf der Rütliwiese lesen den Schweizerpsalm vom Blatt ab.Alexandra Wey / KeystoneAn jeder Fussball-Weltmeisterschaft wiederholt sich die Szene: Die Schweizer Nationalhymne wird abgespielt, alle Kameras sind auf die Spieler gerichtet, doch so ergriffen wie die Franzosen oder die Südamerikaner singt die Nati nie. Das hat verschiedene Gründe, liegt aber auch am Schweizerpsalm selbst. Hand aufs Herz: Wie viele Schweizerinnen und Schweizer können die vier Strophen von «Trittst im Morgenrot daher . . .» problemlos durchsingen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ganz anders in den Kantonen, wenn die Jurassier die «Nouvelle Rauracienne», die Ausserrhoder «Alles Leben strömt aus Dir» oder die Basel-Landschäftler das «Baselbieterlied» anstimmen. Da singen die Beteiligten sämtliche Strophen inbrünstig und ohne zu zögern durch. Am auffälligsten ist das beim Vergleich der Nationalhymne «Trittst im Morgenrot daher» mit der Appenzeller Hymne «Alles Leben strömt aus Dir»: Beides sind Dankgebete an die Adresse von Gott, beide sind ähnlich feierlich. Doch in Appenzell Ausserrhoden ist die Kantonshymne ungleich stärker in den Herzen und in den Genen verankert als die Nationalhymne – auch, wenn die Nati spielt.Fünf verschiedene TypenDoch was sind eigentlich kantonale Hymnen? Und wie lassen sie sich charakterisieren? Im Wesentlichen lassen sich bei den Kantonen fünf Typen unterscheiden:Zum ersten Typ gehören die Kantone mit einer offiziellen Hymne. Das gilt für die Waadt, das Wallis, Neuenburg, Genf und den Jura. Die meisten dieser Hymnen sind Kampflieder und haben mit politischen Ereignissen zu tun, in Genf mit der Abwehr des savoyischen Angriffs (Escalade) von 1602, in der Waadt mit der Bildung eines eigenen Kantons 1803, in Neuenburg mit der Loslösung von Preussen und im Jura mit der 1974 schliesslich erfolgreichen Autonomiebewegung und der Loslösung von Bern. Den Text der jurassischen «Nouvelle Rauracienne» verfassten 1950 der Generalsekretär des Rassemblement jurassien, Roland Béguelin, und der spätere Ständerat Roger Schaffter. In all diesen Kantonen wurde die Hymne irgendeinmal für offiziell erklärt, in Genf 2024 sogar in einer Volksabstimmung mit 61,8 Prozent Ja-Stimmen.Zum zweiten Typ zählen die Kantone mit einer Hymne, die die eigene Region lobt. Das gilt für Obwalden, Nidwalden, Solothurn, Basel-Stadt, Baselland, St. Gallen und den Thurgau. In diesen Liedern kommt zum Ausdruck, dass der eigene Kanton oder die eigene Stadt so schön sei wie kein anderes Gebiet. Meist ist es nicht hohe Literatur. Doch das Lied «Z Basel an mym Rhy» stammt vom teilweise in Basel aufgewachsenen, berühmten alemannischen Dichter Johann Peter Hebel, dessen Todestag sich am 22. September zum 200. Mal jährt.Unter dem dritten Typ finden sich die Kantone mit einer Hymne, die ein trauriges Schicksal erzählt. Das gilt für Luzern, Freiburg, Schaffhausen und den Aargau. Im Aargau («Im Aargau sind zwöi Liebi») und in Schaffhausen («Auf des Munots altem Turme») handelt es sich um Geschichten einer unglücklichen Liebe, in Luzern («Vo Lozärn gäge Wäggis zue») endet die Langfassung, die zwölf Strophen zählt, mit einem unehelichen Kind auf der Rigi. Der «Ranz des vaches» von Freiburg ist ein Heimwehlied von Soldaten in fremden Diensten.
Trittst im Morgen-was daher? – Wenn die Kantonshymnen den Schweizerpsalm ablösen
Kampflieder, Loblieder und traurige Geschichten – am 1. August erklingen sie wieder.






