Kafikränzli, Morgestraich und Fondue-Party: Die Schweiz feiert ein Fussballfest in den MorgenstundenIm ganzen Land strömen die Fans um 5 Uhr früh in Public Viewings, Bars und Hinterhöfe. Die NZZ war in Zürich, Basel, Bern, Olten und Baden live dabei.NZZ-Redaktion03.07.2026, 09.13 Uhr6 LeseminutenSchweizer Fans feiern bei der Hardbrücke in Zürich den Sieg der Nationalmannschaft gegen Algerien.Andreas Becker / KeystoneSo viele Menschen sind in der Schweiz vor 5 Uhr kaum je auf den Strassen. Ob in Zürich, Bern, Basel, Olten oder Baden: Die Leute strömen an diesem sommerlichen Freitagmorgen in die Public Viewings und Bars, treffen sich rot-weiss gekleidet mit den Nachbarn und holen ihre schläfrigen Kinder vor die Fernseher.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Sechzehntelfinal Schweiz - Algerien an der Fussball-WM ist ein unerwarteter Hit – mit dem richtigen Sieger.Frühmorgendlicher FanmarschAn der Hardbrücke in Zürich schwärmt eine Menschenmenge zur Maag-Halle aus. Es sind vorwiegend Teenager und junge Erwachsene. Anzeichen von Müdigkeit? Keine.Einige trinken Wasser, andere Cola oder Mate, Hauptsache, Koffein. An der Bar werden Gipfeli verkauft, andere plagt schon ein grösserer Hunger. «Holemer am 7i en Döner?», fragt ein junger Mann seine Kollegen.In Zürich gibt es Schminke und auch zur frühen Stunde schon ein Bier.NZZIn der Hallo-Halle in Baden haben sich 300 Fussballfans versammelt. So voll war die kürzlich eröffnete Location wohl noch nie. Geschlafen haben die Schweiz-Fans wenig. Oder gar nicht. Einer kommt direkt vom Spiel Portugal - Kroatien.Bern ist in rot-weissen Trikots erwacht. Die Strassen sind noch fast leer. Kein Tram, kein Bus, kaum Autos. Dafür Menschen auf dem Velo und in Fussballtrikots. Sie lächeln sich müde an, als wären sie Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft auf geheimer Mission. Gleich beginnt das Spiel. An die hundert Personen warten vor dem Eingang zum Public Viewing der Piazza-Bar in der Nähe des Bahnhofs. Der Andrang ist riesig, die Fussballfans reisten gar aus dem Simmental an.Das Public Viewing in Olten ist ebenfalls in Rot gehüllt. 2000 Leute sind in die Schützi gekommen. Das letzte Gipfeli geht mit dem ersten Ton der Nationalhymne weg. Tausend Stück haben sie gratis verteilt, dazu die gleiche Menge an Kaffee. «Food und Ball» lautet das Motto – und der Tages-Hit ist Rösti mit Spiegelei und Speck.Fussball mit Frühstück, das gibt es auch nicht alle Tage.NZZDie Atmosphäre zu Beginn des Spiels wirkt wie eine Mischung aus Morgestraich und Schwingfest. Die Stimmen sind noch belegt, und doch bestellt man ein Bier, weil es halt zum Fussball dazugehört. Buhrufe sind nur einmal zu hören: als der Fifa-Präsident Gianni Infantino auf dem Bildschirm erscheint.Die Fans trudeln nach und nach beim Public Viewing in Olten ein.NZZAuch in einem Basler Hinterhof steigt kurz vor 5 Uhr die Spannung. Nachbarn haben sich zu einem privaten Public Viewing versammelt. Ein Beamer projiziert das Vorgeplänkel von SRF auf eine Hauswand mit einem alten weissen Tischtuch. Davor steht ein Frühstücksbuffet: Brot, Konfitüren, Nutella, Käse, Würstchen – und viel Kaffee. Dazwischen ein Babyphone, der Jüngste schläft noch tief. Ein brauner Hund wackelt schwanzwedelnd herum. Die Nachbarn, die bereits in den Ferien sind, schicken Schweizer-Fähnli und «Hopp Schwiiz»-Ausrufe in den gemeinsamen Whatsapp-Chat.Die erste HalbzeitMit dem Anspiel um 5 Uhr werden in Bern die ersten Caquelons mit Käse gefüllt. Michele Graniello und Ramona Augstburger, die Betreiber der Piazza-Bar, haben sich für das Fussballfest zur Unzeit etwas Unverdauliches einfallen lassen: Es gibt Fondue und Weisswein. Die Bar fasst bei schönem Wetter an die 65 Personen, im Public Viewing im Park nebenan haben 400 Personen Platz. Nachdem Graniello in einem Instagram-Video vom Fondue erzählt hatte, erhielt er mehr als 600 Anfragen. 120 Personen haben für das Fondue reserviert. Alle anderen bedienen sich am Frühstücksbuffet. Birchermüesli mit Bier. Fondue mit Kaffee. Die Mägen der Berner sind unergründlich.In Bern wird Fondue mit Weisswein – oder Kaffee – serviert.NZZIn Baden ist die Müdigkeit mit der Führung der Schweiz durch Breel Embolo in der zehnten Spielminute schnell vergessen. Becher fliegen durch die Halle. Die Fans springen auf, jubeln laut, singen euphorisch den Embolo-Fansong.In Basel rufen die Nachbarn: «Schööööön!» Sie beschliessen spontan, auch den Final in gut zwei Wochen in diesem Hinterhof zu schauen. Kurz vor der Trinkpause (auf dem Rasen in Vancouver, nicht an der Basler Festbank) werden die Fussballfans gesprächiger. Sie resümieren das Deutschlandspiel – einige haben deutsche Pässe – und fachsimpeln über die Trinkpause: «Das funktioniert einfach nicht im Fussball.» Der Hund schnappt sich ein Würstchen. Das Spiel läuft wieder.Die Fans in Baden feiern das 1:0 durch Embolo in der 10. Minute.NZZIn Bern werden die ersten Fonduegabeln gefasst. Das 1:0 der Schweiz hat auch die letzten Morgenmuffel geweckt. Es herrscht eine Stimmung wie am Zibelemärit oder an den Skirennen am Lauberhorn. Michele Graniello freut sich, dass die irrwitzige Idee tatsächlich funktioniert. Er war die ganze Nacht wach. Aufräumen nach dem Spiel der Spanier, vorbereiten für das Spiel der Schweiz.Beim Foul am Schweizer WM-Star Johan Manzambi in der 36. Minute schreit die Halle in Baden auf, protestiert. Der Schiedsrichter zückt die gelbe Karte gegen Algeriens Farès Chaïbi. Ein Mann um die 40 greift zufrieden in seine Tüte voller Gummibärchen.Die kürzlich eröffnete Hallo-Halle in Baden ist so gut besucht wie wohl nie zuvor.NZZIn der Zürcher Maag-Halle gibt es zum Ende der ersten Halbzeit müden Applaus, die Stimmung ist etwas abgeflacht, die Menschen strömen gähnend an die frische Luft. Kommt nun doch die Müdigkeit?In Basel geht eine Nachbarin Kaffee kochen. Inzwischen ist es hell geworden.Die zweite HalbzeitAls der Schiedsrichter zur Halbzeitpause pfeift, fahren in Bern die ersten Busse und Trams. Die Stadt erwacht langsam. Dass der Himmel während eines Fussballspiels draussen heller wird, haben wohl die wenigsten schon erlebt.In der Pause bildet sich vor der Verkaufstheke des Public Viewing in Baden eine lange Schlange, alle wollen Kaffee, Gipfeli, Spiegeleier, Würstli oder Bier. Zwei Jugendliche frischen sich mit Pinsel und Farbe noch kurz die Schweizerkreuze auf der Wange auf. Auf geht’s!Auch in Zürich wird das 2:0 durch Ndoye gebührend gefeiert.NZZZum Start der zweiten Halbzeit sind die Public Viewings noch voller. Einige Fans sind offenbar erst jetzt aufgestanden. Es ist heiss unter dem Festzeltdach in der Oltner Schützi. Als Dan Ndoye das 2:0 schiesst, ist der Lärm des Jubelgeschreis ohrenbetäubend. Das Plastikdach wirft den Lärm zurück auf die Fans, er überschlägt sich. Gehörschaden – das Gesundheitsrisiko eines jeden Fussballfans.In Basel hört ein Passant den Jubel. Er bleibt am Tor zur Strasse stehen und linst in den Hinterhof. Gemeinsam mit den Nachbarn schaut er sich die Wiederholung an und ruft: «Hopp Schwiiz!» Lachend zieht er weiter.In Olten ist es heiss unter dem Festzeltdach und bei jeder grösseren Aktion der Schweizer ohrenbetäubend laut.NZZAls Fabian Rieder in der 80. Minute allein vor dem Torwart steht, hallt ein «Schiiiiieeeeess» durch die Halle in Baden. Rieder drückt ab, vergibt aber das sichere 3:0. «Neeeeeeiiiin», rufen die Fans unisono, einige springen auf, die Hände vor dem Gesicht. Es ist noch nicht einmal 7 Uhr und die Schweiz so richtig aufgeweckt.Als die Schweizer Torschützen Embolo und Ndoye ausgewechselt werden, stehen einige Fans sogar auf. Und als Algeriens Coach, der ehemalige Nati-Trainer Vladimir Petkovic, auf dem Bildschirm eingeblendet wird, geht ein mitleidiges Raunen durch die Menge. An ein Comeback der algerischen Mannschaft glaubt niemand mehr.Der SiegIn Bern sagt der Barbetreiber Graniello zur zweiten Trinkpause des Spiels: «Jetzt kommen schon die ersten Reservationen für den Achtelfinal rein.» Das Spiel wird am kommenden Dienstag um 22 Uhr stattfinden. «Vielleicht machen wir dann Kaffee und Kuchen.»Die Caquelons sind ausgegessen, der übrige Käse angetrocknet. Ramona Augstburger macht sich auf den Weg, um die Kinder für die Schule parat zu machen. Ein Zuschauer bemerkt in der 93. Spielminute: «Hey, es isch scho wieder Tag!»Einige Minuten vor dem Abpfiff spielen die Oltner Organisatoren «Mon Amour» von Hecht ein, das Zelt singt mit: «Solang ech no Luft i minere Lunge ha, brönnt mi Chärn für dich liechterloh.» Dann: eine letzte Chance für die Schweiz, der Abpfiff. In der Schützi wird gejohlt. Es ist geschafft. Die Schweiz ist weiter.Und das Gehupe der Fans auf der Strasse wird zum Wecker für das Land.In Zürich wird der Einzug in den Achtelfinal zuerst vor der Leinwand und dann an der Hardbrücke besungen.NZZPassend zum Artikel