Die Charakteristik des Schweizer Fussballfans: Er ist kein Norweger und auch kein DeutscherDie Schweiz gehört wie Norwegen zu den Überraschungen an dieser WM. Während die norwegischen Fussballfans im Gleichtakt in den Viertelfinal rudern, besteht die Schweiz aus johlenden Gelegenheits-Fans.09.07.2026, 15.55 Uhr3 LeseminutenEr nutzt die Gelegenheit, um zu feiern: Ein Fan feiert unter der Hardbrücke den Sieg gegen Kolumbien.Claudio Thoma / KeystoneWarum ist bisher niemandem aufgefallen, dass die Schweizer die perfekte Fan-Choreografie bereits als traditionelles Kulturgut besitzen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fahnenschwingen. So wie die Norweger vor dem königlichen Schloss rudern, könnten die Schweizer Fussballfans ihre Plastikfähnchen wirbeln lassen und hoch in den dunklen Nachthimmel werfen. Und dazu anstatt «Ro!» zu rufen, norwegisch für «Rudere!», ein Zäuerli in die erfolgsgeschwängerte Luft jodeln.Doch gemach. Während sich gefühlt ganz Norwegen auf eine Bewegung im Gleichtakt hat einigen können, ist aus der Schweiz keine jodelnde, sondern eine johlende Gen-Z-Meute geworden mit dem Highlight rote Rauchpetarde.In Norwegen explodiert die soziale Elektrizität«Die Schweizer sind zufrieden mit den Achtungserfolgen, die sie bekommen», sagt Pascal Stegmann, Sportsoziologe am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Bern. Der Spezialist für Fan-Forschung.Die Emotionen sind bei Schweizer Fans vor allem in Fanzonen ansteckend.Claudio Thoma / KeystoneDie Soziologie charakterisiert Fussballfans unterschiedlich. Da gibt es die Gruppe der Fussballnationen. England, zum Beispiel, oder auch Deutschland. Sie sind historisch gesehen erfolgreich, der Fan verbindet den sportlichen Erfolg des Teams mit dem nationalen Selbstverständnis. «Unser Team hat Erfolg, weil wir so sind, wie wir sind: leistungsorientiert, solidarisch, fleissig», so das Beispiel von Stegmann.Norwegen hingegen ist keine Fussballnation. Weil die Erfolge bisher ausblieben, haben sich die Fans anderweitig orientiert, hin zu anderen Sportarten oder dem Klubfussball. «Nun aber, mit dem Erfolg von Haaland und Co. und der grossen medialen Abdeckung, strömen die Menschen zusammen und die aufgestauten Emotionen kommen raus.» Soziale Elektrizität nennt Stegmann dieses Phänomen.Es wird zudem verstärkt, weil die Nordländer überhaupt kein Problem damit haben, nationale Symbole zu zeigen. Das Trikot des Nationalteams: eine Norwegen-Flagge. Der Jubel der Fans: das Rudern. Oslo sei noch verrückter als am Nationalfeiertag, sagte eine Norwegerin gegenüber lokalen Medien. An diesem zelebrieren die Norweger ihre Flagge und ihre Trachten. So sichtbar, dass es Schweizern oder insbesondere Deutschen sturm wird.Argentinien ist dank Fussball auch jemandEine weitere Gruppe an Fussballfans sieht Stegmann in Südamerika: «Sei es in Argentinien oder in Kolumbien, da ist die Suche nach dem Nationalstolz grösser als in anderen Weltregionen.» Fussball habe einen höheren Stellenwert – die Länder sind ärmer, die Emotionen grösser. Dank dem Erfolg der Nationalteams können sie zeigen, dass auch sie jemand sind auf der Weltbühne.Zu dieser Gruppe gehört die Schweiz nicht. Auch nicht zu den anderen beiden. Der Schweizer Fan ist irgendwo zwischen Deutschland und Norwegen. Weder vertraut man auf die Dominanz auf dem Fussballfeld, noch wendet man sich wegen Misserfolgen ab. Seit der Europameisterschaft 2004 in Portugal hat die Schweiz nur an einem grossen Turnier gefehlt. Seither ist das Nationalteam zu einem Identifikationsobjekt geworden.Wegen der späten Anspielzeiten sind die Fans draussen im Gen-Z-Alter und aufwärts.Claudio Thoma / KeystoneDer Fan akzeptiert, dass die Schweiz als kleines Land nicht mit den Grossen mithalten kann. Man ist zufrieden mit dem, was man bekommt, und man ist sogar etwas stolz auf die Achtungserfolge wie den Sieg gegen Frankreich 2021 oder den gegen Italien 2024.Die soziale Elektrizität, die derzeit in Norwegen explodiert, spürt man in der Schweiz aber auch. Es gibt drei Räume, wo Fussball konsumiert wird: im Stadion, in Fanzonen wie den Public Viewings und in privaten Räumen. In den Fanzonen gelten andere Regeln als zu Hause, da kribbelt die Elektrizität. Wegen der späten Anspielzeiten sind viele Fans im Gen-Z-Alter, sie nutzen die Gelegenheit zum Feiern. Sie haben keine Mühe damit, «Schwiizer Nati» zu skandieren und sich Schweizerkreuze auf die Backen zu malen, solange es die anderen auch tun. Party-Patriotismus. Das Fahnenschwingen oder das Jodeln sind ihnen aber fremd.Das ist der Schweizer Fan der WM 2026. Was man aus der Soziologie aber auch weiss: Besonders langanhaltend sind diese Bindungen meist nicht, nach wenigen Wochen ist der emotionale Effekt verpufft.Passend zum Artikel
Die Charakteristik des Schweizer Fussballfans: kein Norweger und auch kein Deutscher
Die Schweiz gehört wie Norwegen zu den Überraschungen an dieser WM. Während die norwegischen Fussballfans im Gleichtakt in den Viertelfinal rudern, besteht die Schweiz aus johlenden Gelegenheits-Fans.











