Zwei Tage vor dem Unabhängigkeitstag fiel wieder der Strom aus. Seit es hier so ungewöhnlich heiß ist, passiert es öfter, dass die Energieversorgung komplett aussetzt, weil jede Garage eine voll aufgedrehte Klimaanlage haben muss und zudem noch alle Fernsehapparate von morgens bis abends eingeschaltet sind – einerseits wegen der WM, zum anderen wegen der Jubiläumsfeierlichkeiten zum 250. Geburtstag der USA. Und dann natürlich, weil man gezwungen ist, immer wissen zu wollen, was der lustige Vogel aus dem Weißen Haus gerade so macht.Ich habe mir mit der Zeit ein eigenes Power-Outage-Ritual geschaffen: Wenige Minuten nachdem die Klimaanlage mit einem dumpfen Klacken ausgefallen ist und der Kühlschrank eine finstere – noch erstaunlich lange kalte – Kammer wird, gehe ich auf die Straße und schaue, wer mir diesmal begegnet. Bei Stromausfall kommt immer irgendjemand aus seinem Haus und fragt, ob wir auch keinen Strom mehr hätten. Diesmal kam Michael zu mir, der neben Mike wohnt, also zwei Häuser weiter. Michael sagte, es sei ein denkbar ungünstiger Tag für einen Stromausfall. Einmal natürlich wegen der Hitze, die wirklich außergewöhnlich und sogar crazy sei, vor allem aber wegen der Fußball-Weltmeisterschaft, er könne nur hoffen, dass er das Spiel irgendwie anschauen könne.Die Feierlichkeiten zum Geburtstag besuchten wir nichtAlle in der Straße haben die App von Pepco, dem örtlichen Stromlieferanten. Michael zeigte mir den interaktiven Pepco-Stadtplan auf seinem Smartphone. Dort, wo die kleinen grünen Felder zu sehen sind, hätten die Leute schon bei Pepco angerufen, sagte Michael. Je mehr Leute durchläuten lassen, desto schneller könne es gehen. Die Behörden liefern auf Nachfrage, das ist auch eine unverwechselbare Eigenschaft des amerikanischen Kapitalismus: Selbst dort, wo er schwächelt, ist er gegenwärtig. Im nächsten Moment fuhr ein weiterer Nachbar im Auto an uns vorbei und fragte bei heruntergelassenem Fenster, wie es uns gehe und ob wir auch keinen Strom hätten. Michael rief ihm zu, er solle sofort bei Pepco anrufen. Ich sah nur noch, wie der Mann mit dem Handy am Ohr langsam weiterfuhr. Bald würde er ein weiteres grünes Feld auf der interaktiven Karte generieren, die Hoffnung auf Wiederkehr der Power würde um einiges größer werden.Meine jüngste Tochter lief im Badeanzug zu Michaels Haus, um Zeugin seines Telefonats mit Pepco zu werden. Sie kam mit der Nachricht zurück, dass der Strom voraussichtlich um 22 Uhr wieder durch die Haushaltsgeräte gejagt werde. Aber schon nach einer halben Stunde war der Strom wieder da, die Lichter gingen an und zum Ausgleich für das Geschenk der Bequemlichkeit stieg die Außentemperatur auf knapp vierzig Grad. Michael war glücklich, dass er in der wiedergewonnenen Eiseskälte seiner Klimaanlage das Fußballspiel anschauen konnte. Und ich freute mich für die Flasche Sancerre, die ich im Rodman’s gekauft hatte und die sich nun in Ruhe ihre Trinktemperatur erarbeiten konnte.250 Jahre USA:Amerikas hitzige GeburtstagsfeierAm 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten wird in Philadelphia eine Zeitkapsel vergraben, in Washington marschieren Rechtsextreme durch die Stadt. Und Donald Trump verspricht dem Land, das Beste komme noch.Wir Europäer glauben an den Wald, an seine kühlen Quellen, knorrigen Mythen und besonders an den Schatten dort. Deshalb habe ich am nächsten Tag, gemeinsam mit meinen Kindern, die Tochter unseres etwas entfernten Nachbarn T. abgeholt, und wir sind noch einmal durch den Rock Creek Park gelaufen. Wir haben die trüben Fische im noch trüberen Wasser um ihre kühle Umgebung beneidet und sahen den heimischen Vögeln beim verzweifelten Abkühlungsversuch in den seichten Stellen des colibakterienreichen Bachs zu.Relativ bald sind wir wieder in T.s Haus zurückgekehrt. T. hatte sein Smartphone senkrecht auf die Fensterbank gestellt und schaute, während er Pizzastücke zuschnitt, die Berichterstattung zur Vorbereitung der Feierlichkeiten. T. ist ein bekannter Nachrichtenjournalist und er enthüllte mir die noch inoffizielle Nachricht, die Parade in Washington werde ausfallen – wegen der Hitze. Ähnlich wie Michael benutzt auch T. an diesem Nachmittag sehr oft das Wort crazy, das er abwechselnd auf die Feuerwalzenluft und auf das Phänomen Donald Trump bezog. Er ist selbst Amerikaner, hat aber viele Jahre in London gewohnt und darüber hinaus genügend Auslandserfahrung, um sich in seinem eigenen Land fremd zu fühlen.An diesem Tag sollen 150 Millionen Hotdogs gegessen worden seinDie Parade fiel dann auch wirklich aus, aber die Menschen quälten sich trotzdem auf die National Mall und mussten dann im Laufe des brennenden Nachmittags wieder nach Hause gehen oder dorthin, wo die Klimaanlagen den nächsten Stromausfall vorbereiten. Ich beschloss, mit meinen Kindern an einen Ort zu fahren, wo die Leute nicht ganz so crazy sind wie auf den grell erhitzten Prachtstraßen der Hauptstadt. Wir standen dann im baumschattigen Large Oliver Park in Chevy Chase, wo zuvor eine kleine Parade stattgefunden hatte, die vom örtlichen Rathaus auf die Wiese marschiert und schnell wieder verschwunden war. Die Leute, die im Park die Unabhängigkeit feierten, waren entweder ziemlich alt oder sehr klein – niemand schwenkte die US-Flagge, keiner hatte irgendeinen patriotischen Glanz in den Augen; die Leute unterhielten sich über die Hitze, klaubten sich die in Alufolie eingewickelten Hotdogs vom Imbissstand und tranken die unfassbar süße Limonade. Eine Frau hatte sich von der Kinderschmink-Kosmetikerin eine kleine Flagge auf den Unterarm malen lassen und sagte mit sehr unamerikanischem Understatement, das sei jetzt hier ihre „4th of July Decoration“. Irgendwo habe ich gelesen, dass an diesem Unabhängigkeitstag amerikaweit 150 Millionen Hotdogs gegessen worden seien. Vier davon haben wir verspeist.Was nimmt man mit, wenn man Amerika verlässt? Die schlechten Dinge, die man sich hier angewöhnt hat? Oder vielleicht doch eher die erfreulichen Erfahrungen, die man mit den Amerikanern gemacht hat? Mit ihrer Freundlichkeit, ihrer pragmatischen Lässigkeit und ihrem doch sehr einprägsamen lebensklugen Humor, den man besonders bei den älteren Leuten hier vorfindet? Erinnert man sich an das schöne Pathos, mit dem die Schulen ihre Kinder ins Leben oder zumindest in die Ferien verabschieden? Wir werden es bald herausfinden, denn unsere Zeit hier in Amerika ist zu Ende. Dies ist also meine letzte Kolumne aus Washington, D. C. Sie kann nur mit jenem lässigen amerikanischen Abschiedsgruß enden, den ich vom ersten Tag an als unvergleichlich sympathisch, unsentimental und zukunftsfroh empfunden habe: Have a good one!
Mach's gut, Amerika: die Washington-Kolumne
Was bleibt? Das Essen? Die Freundlichkeit der Leute? Oder der gelbe Vogel im Weißen Haus? Gedanken zum Abschied aus den USA.













